Tortoise »The Catastrophist« / Review

Tortoise

Tortoise swingen ungeniert in der Ruine der eigenen Legende.

Vor 21 Jahren wurden Tortoise nicht nur auf den Seiten dieser Zeitschrift als Hoffnungsträger einer neuen Musik gefeiert. Aus einem in sich geschlossenen, strukturell höchst strengen System die denkbar offenste, freieste und integrativste Musik zu gewinnen – das war die große Leistung, die das Quintett aus Chicago auf seinem unbetitelten Debüt, dem Nachfolger Millions Now Living Will Never Die und der EP Gamera vollbrachte. Der verkopfte, geheimnisvolle wie glamouröse Sound, den die ursprünglich aus dem Punkrock stammende Band generierte, umarmte auf eine autistische Art alle erdenklichen Stile und wurde für einen kurzen Moment der Musikgeschichte zu etwas, auf das sich alle einigen konnten: postmoderner Rock für das Prä-Internet-Zeitalter.

Mitte der Neunziger war die globale Breitbandvernetzung nur einen Augenschlag entfernt, und im Rückblick scheint es, als hätten bereits weltweit Musikfans mit den Hufen gescharrt, um endlich Zugang zu bekommen zu den unendlichen Musikbibliotheken und abgelegensten Genre-Winkeln, auf die wir heute wie selbstverständlich jederzeit zugreifen können. So suchte der eklektizistische Drang des breiten Publikums, das von der ewig gleichen Formatverkostung übersättigt war, zwangsläufig ein anderes Ventil und fand es in den Nischen, bei vormaligen Special-Interest-Acts wie Aphex Twin und anderen kontemporären Elektronik- und Avantgardeprojekten, die durch diesen ersten Schub einer neuen Konsumrevolution überraschend wie massenhaft Zuspruch erfuhren.

»Was macht eine Band, die ihrer Zeit voraus war, um relevant zu bleiben?«

Niemand vertonte diesen Kulturwandel so konsequent wie Tortoise. Doch die nächste Schublade wartete bereits: Durch ihre radikale Abkehr von traditionellen Songstrukturen machte die Gruppe um Schlagzeuger und Produzent John McEntire ein Genre diskursfähig, das als Postrock fortan ins Epische ausfranste und als kifferaffiner Kopfkino-Soundtrack zum Inbegriff der handwerklich perfekten wie maximal selbstverliebten Redundanz wurde.

Was macht eine Band also, die ihrer Zeit voraus war und eines Tages feststellen musste, dass die Hörgewohnheiten sie eingeholt haben, um relevant zu bleiben? Tortoise drosselten ihren Output seit dem Jahrtausendwechsel merklich, kehrten aus freien Stücken in die Nische zurück und tauchten ab in die Ergründung der Gattungen selbst, die sie vormals nur gestreift hatten. The Catastrophist, dem ersten Tortoise-Album seit sieben Jahren, hört man das große musikhistorische Wissen seiner Macher ebenso an wie deren Gewissheit, der nach wie vor transzendierenden Wirkmacht des eigenen Backkatalogs nichts ähnlich Gehaltvolles entgegensetzen zu können. Wenn sich Tortoise nun aber auf jedem der elf neuen Songs detailgetreu einem anderen Genre widmen, sodass das heterogene Gesamtbild mitunter so zusammengestückelt wirkt wie der Nerd-Frankenstein auf dem Albumcover, dann fügen sie mit dieser humorvollen Verspieltheit dem eigenen Universum eine neue Dimension hinzu, dann swingt es sich gleich viel ungenierter in der Ruine der eigenen Legende.

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