Der Sound von Kampf und Turnverein – Frank Witzel im Gespräch & live

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Foto: Ramon Haindl

Mit Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 gelang Frank Witzel der literarische Überraschungscoup des vergangenen Jahres. Ein in seiner Maßlosigkeit einzigartiges Romankonstrukt, für das der Autor mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Wir trafen Witzel, der am Sonntag, den 24. Januar im Rahmen der Veranstaltung »Ein Tag mit Frank Witzel …« im Haus der Berliner Festspiele zu erleben ist, wenige Tage vor der Bekanntgabe des Preisträgers in seiner Offenbacher Wohnung.

Herr Witzel, Die Erfindungbegleitet Sie nun schon seit fast zwei Jahrzehnten. Was haben Sie die ganze Zeit gemacht?
Es ist vielmehr das Thema, das mich schon so lange begleitet. Ich wollte etwas über diese Zeit schreiben, war mir nur nicht über die Form im Klaren.

Sie haben aber nicht über fünfzehn Jahre lang nur über die Form nachgedacht?
Ich habe seit dem Ende der Neunziger Material für diesen Roman gesammelt, immer wieder Teile geschrieben und verworfen, habe andere Projekte verfolgt. Ich habe also nicht fünfzehn Jahre nonstop daran gearbeitet. Trotzdem spürte ich die ganze Zeit, dass die Zeit um 1969 mein zentrales Thema ist. Deswegen ist es auch so dick geworden. (lacht) Es sollte nur keine typische Coming-Of-Age-Story sein. Darum ging es mir nicht.

Worum dann?
1969 gab es eine Überschneidung zwischen dem Protagonisten und mir, dessen Erleben sich verändert. Er verlässt seine Kindheit und lernt die Welt kennen, kommt mit dieser aber nicht wirklich zurecht. Er erwacht sozusagen aus einem kindlichen Schlaf.

Gleichzeitig passierte etwas ähnliches auch auf politischer Ebene
(unterbricht)…das sich mit seinen Erlebnissen deckt. Die kleinteilige und die große Geschichte werden eins. Dieser Punkt war für mich entscheidend. Deswegen erzähle ich die Geschichte nicht aus einer Zentralperspektive, sondern aus verschiedenen Blickwinkeln. In jedem nehmen die Figuren und Ereignisse jeweils andere Positionen ein.

Auch die Sprache changiert entsprechend. Mal kindlich, mal sehr erwachsen.
Er kann manchmal schon sehr reflektiert und analytisch denken, ja. Dann drängen aber wieder die Spielsachen und das kindliche Ich in den Vordergrund. Ich wollte einfach diese Übergangsphase zwischen Kind und Jugend skizzieren. Ich habe in vielen Reaktionen zum Buch gehört, dass Menschen verschiedenen Alters sich in dem Protagonisten wiedergefunden haben. Das freut mich natürlich sehr, gerade wenn sie jünger sind als ich.

Über diese Identifikation zeigen sie den Nachgeborenen, wie sich die alte BRD angefühlt haben muss. Man lernt, auf welchem Fundament dieses Deutschland von heute gebaut ist. War das Absicht?
Das ist ein wunderbarer Nebeneffekt, aber nicht mehr. Als ich mich nur noch mit diesem Buch beschäftigt habe, merkte ich, dass ich es eigentlich schreibe, um selbst etwas über die Zeit zu erfahren. Dass der Leser darüber ein Gefühl für die damaligen Verhältnisse bekommt, ist toll. Aber es war nicht primäres Ziel.

Was haben Sie denn neues erfahren?
Erstens habe ich Details freigelegt, an die ich mich nicht mehr erinnern konnte. Das ist übrigens etwas, was mir auch viele Leser berichten. Andererseits eine unbewusste Prägung durch die Zeit. Ich wurde an einer Stelle plötzlich richtig sauer auf die RAF, weil sie mir meine Hippie-Glückseligkeit gestohlen hat.

Wie meinen Sie das?
Ich wäre gerne noch Hippie gewesen, wurde aber schon sehr früh mit einer gewissen Gewalt konfrontiert, zur der ich zumindest vor mir selbst Stellung beziehen musste. Ich sah diese Leute von der RAF und fand sie irgendwie cool, weil die einen Gegensatz zum Alltag verkörperten, auch lange Haare hatten, dagegen waren. Aber war das zu vertreten? Die haben mir meinen Summer of Love verbaut. (lacht)

Darin liegt meiner Meinung nach die Stärke des Buchs, es funktioniert über die Gefühlswelt. 
Man soll das Buch nicht zuklappen mit dem Gefühl, einer Geschichte gefolgt zu sein. Es soll unmittelbarer sein, lineare Erzählung aussparen, und wie eine Platte Song für Song, Kapitel für Kapitel den Hörer in die jeweilige Welt hinein ziehen. Ich glaube, Menschen mit einem Verständnis für Popmusik können das Buch besser verstehen als andere. Der Sound des Buchs war mir immens wichtig.

Ihr Erzähler ist extrem unzuverlässig. Es gibt Zeitsprünge, radikale Subjektivität, unvermittelte Perspektivwechsel. Was wollen Sie damit bezwecken?
Der Wahrheit ein Stück näherzukommen. Denn menschliche Gedanken und Wahrnehmung allgemein sind niemals linear. Die Unzuverlässigkeit ist für mich keine Spielerei. Es geht nicht darum, den Leser zu verwirren. Sondern um Realismus. Die Realität ist oftmals so wahnsinnig, dass man sie mit linearem Erzählen unmöglich fassen kann.

Wie viele Ihrer Mit-Nominierten für den Deutschen Buchpreis haben Sie gelesen?
(lacht) Niemanden.

Warum nicht?
Absichtlich, und das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint. Ich will ruhigen Gewissens sagen können, dass ich zu den anderen Büchern nichts sagen kann. Außerdem fehlte mir durch die Lesereisen die Zeit.

Wie bewerten Sie Ihre eigenen Chancen auf den Preis?
Ich gehe als krasser Außenseiter in die Verleihung. Das liegt an der RAF, am Pop, an der Zeit, um die es geht. Aber ich sehe es als tolles Zeichen, dass mein Buch auf der Shortlist steht. Die Jury war bisher eher für konventionelle Entscheidungen nahe am Büchermarkt bekannt. Deutschland braucht ohnehin wieder mehr Experimente.

Gibt es die aktuell nicht?
Es gibt viel Konvention, viele Geschichten gleichen sich. Daher sehe ich die Shortlist als tolle Auszeichnung, da es impliziert, dass man dem Buchmarkt und den Lesern auch schwerer zugängliche Literatur zutraut. Auch den Verantwortlichen fehlt es an Mut.

Passen Sie auf, am Ende gewinnen Sie noch und die Aufgabe bleibt an Ihnen hängen.
Auf keinen Fall. Und wenn, dann kommen nur die ganzen Verrisse von den Kritikern auf mich zu, die das Buch bisher ignoriert haben. (lacht)

Das komplette Gespräch mit Frank Witzel ist in der Printausgabe SPEX N° 365 erschienen, die nach wie vor versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden kann.

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