John Cale »M:FANS« / Review

John Cales elektrifizierte Neufassung kann sein stilles Meisterwerk (logisch) nicht übertreffen, davor verstecken muss sich die Überarbeitung aber ebenso wenig.

Lou Reed ist nun schon von uns gegangen, aber wenigstens John Cale gibt es noch. Drei Jahre nach dem gar nicht so schlechten Album Shifty Adventures In Nookie Wood kocht er sein Depressions-Opus Music For A New Society von 1982 elektronisch auf, und zwar nach allen Regeln aktueller Produktionskunst (was auch die irritierende Akronymkette M:FANS im Titel erklärt).

Dass Cale in seinem immerhin 74. Lebensjahr steht, merkt man ihm durchaus an, wenn er im Video zu »Close Watch« offenbar hüftgeschädigt durchs Bild schlurft, während junge Schönheiten trotz High-Heels-Handicap elegant an ihm vorbeirauschen. Ist M:FANS also der peinliche Versuch einer künstlerischer Verjüngung oder gar eine Notlösung aufgrund ausbleibender Inspiration und erlahmender Schaffenskraft? Ein altersdiskriminierender Schelm, wer dergleichen denkt! Cales elektrifizierte Neufassung vermag sein stilles Meisterwerk nicht zu übertreffen, wie auch? Davor verstecken muss sich die Überarbeitung aber ebenso wenig. M:FANS ist kein Dokument von Altersschwäche, sondern eine der unberechenbaren Wendungen, mit denen John Cale sich seit 50 Jahren der Festlegung entzieht.

»Ist M:FANS also der peinliche Versuch einer künstlerischer Verjüngung? Ein altersdiskriminierender Schelm, wer dergleichen denkt!«

Jeder Song wird dezidiert gegen den Strich gebürstet. Der Anlass, die stillen Klagelieder des Originals zu überarbeiten, so verriet Cale, war der Tod seines hassgeliebten Velvet-Underground-Partners. »From sadness came the strength of fire«, lässt er sich zitieren. Gut so! »Rage, rage against the dying of the light«, wie Dylan Thomas einst dichtete und Cale in den späten Achtzigern sang.

Blieb einem der Atem stocken, wenn Cale früher die enigmatische Geschichte vom fernöstlichen Gesandten rezitierte, so klingt »Chinese Envoy« heute wie eine eminent tanzbare Coverversion durch die hyperdelischen Psychic TV. Das im Original fordernde »If You Were Still Around« wird quälend zerdehnt, wobei dem Mix ein so tieffrequenter Bass injiziert wurde, dass die Kopfhörer ab und zu flattern. Neun Stücke später folgt eine dröhnende Reprise des Songs, nun als Elektro-Gospel mit Hammondorgel-Einschlag, die beiläufig demonstriert, wie sich die Gesetze der Schwerkraft temporär außer Kraft setzen lassen. Seine Solo-Piano-Magie – unvergesslich für jeden, der Cale je live gesehen hat – exerziert er auf dem Song »Broken Bird«, der näher am Original bleibt als die anderen Stücke. Schön wäre, Cale würde noch bald ein kontemplatives Alterswerk abliefern. Oder ein wildes, lautes, dissonantes Statement gegen die skandalöse Unvermeidbarkeit des Todes. Bis dahin sind wir mit M:FANS mehr als bestens bedient.

  • Fernando

    Ach, ewig respektlose Jugend mit dem Glück unschuldiger Überheblichkeit gesegnet! An sich ein netter Kommentar von Uwe Schuette wäre da nicht dieses windbeutelhafte „3 Jahre nach dem gar nicht so schlechten Shifty Adventures in Nookie Wood“. Wer sich für John Cale interessiert – tue ich seit seiner Zeit bei VU und seinem legendären Auftritt im Rockpalast – und sich mit dem Album „wirklich“ beschäftigt hat wird es als ein großartiges Werk mit tollen Lyrics und Instrumentierung bezeichnen. Titel daraus wie „Faces to the Sky“, „December Rains“, „Living with You“ sind rare Perlen im öden Ozean der auch von der Spex mit hochgejazzten Popmittelmäßigkeit.