David Bowie – SPEX-Autorinnen und -Autoren erinnern sich

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Foto: SPEX-Redaktion

David Bowie, dieser Leitstern, ist am 8. Januar 1947 vom und am 10. Januar 2016 zurück in den Himmel gefallen. Dazwischen hat er folgende Erinnerungen zurückgelassen:

Torsten Groß

Irgendwas war anders an diesem Abend. David Bowie hatte in den vorangegangenen zwei Jahren mitreißende Konzerte gegeben, die ihn als kraftvoll-souveränen Performer rehabilitierten. Mehr als nur ein Trost für die Generation der Etwas-zu-spät-Geborenen, die – wie ich – die größten Momente seiner Karriere nur aus Erzählungen kannten. An diesem 25. Juni 2004 wirkte er auf dem Hurricane Festival im norddeutschen Scheeßel indes ausgelaugt und lustlos. Der Mann, dessen Bühnenkostüme ebenso populär waren wie seine Musik, trug einen schnöden Hoodie, für den die norddeutsche Kälte keine ausreichende Erklärung bot. Er spielte »Heroes« und »Ashes To Ashes« und »Rebel Rebel«, aber es gelang ihm nicht, mittels dieser Klassiker das überwiegend verhalten agierende Publikum zu elektrisieren. Man konnte dann förmlich spüren, wie er all seine verbliebene Kraft in die erste Zugabe des Abends, »Life On Mars«, legte – und wie zufrieden er wirkte, als er mit diesem, seinem vielleicht besten Song schließlich doch noch das Publikum rumkriegte. Als wir am nächsten Morgen ins Pressezentrum kamen, informierte ein schnöder Aushang darüber, dass David Bowie hinter der Bühne zusammengebrochen und direkt zu einer Notoperation am Herzen geflogen worden war.

Gerüchte, er habe sich seit damals nie wieder ganz erholt, sei wahlweise an Krebs oder Parkinson erkrankt, gab es in den folgenden Jahren seiner Bühnenabstinenz immer wieder. Nun hat David Bowie dem verdammten Krebs mit einem in der Geschichte des Pop beispiellos radikalen künstlerischen Akt sein Vermächtnis abgerungen. »Blackstar«, der schwarze Stern des Todes. I’m out of tears.

bowie_hauptstraße155_berlin_schoenebergDas Vorderhaus an der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg einige Stunden nach der Todesmeldung. Hier lebte David Bowie Mitte der Siebzigerjahre.
Foto: Torsten Groß

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Wolfgang Müller

Kurz nachdem David Bowie 1976 in die Unwirklichkeit von Westberlin zog, eröffnete direkt neben seiner Wohnung, in der Hauptstraße 157 das Café Anderes Ufer. Es war das erste offen schwul-lesbische Lokal der westlichen Welt. Auf diesem prä-queeren Eiland bekam ich den heißbegehrten Job des Kellners. Hier lernte Blixa Bargeld die Kunststudentin Gudrun Gut kennen, während sich der Glamourstar der Lesbenszene, Schauspielerin Tabea Blumenschein mit Modeschöpferin Claudia Skoda dort verabredete. In Skodas Fabriketage war Bowie ein häufiger Gast. Doch auch anderswo konnte jede/r zufällig auf ihn treffen: beim Bäcker, beim Fahrradfahren, im Dschungel oder in seiner Lieblingsboutique Jon Glet – einem Fachgeschäft für Berufsbekleidung am Mehringdamm: Ein ganz normaler Weltstar. Völlig unauffällig und kaum beachtet.

Eine Freundin erzählte, dass sie ihn damals mit ihrer Freundin in der S-Bahn gesehen habe: »Er saß uns direkt gegenüber und las eine englische Zeitung. Wir waren vielleicht fünfzehn Jahre alt und begannen zaghaft leise zu singen ›Ground Control to Major Tom…‹«. Da senkte Bowie ganz langsam die Zeitung, zwinkerte uns einmal kurz mit seinem rechten Auge zu und schob die Zeitung wieder vor sein Gesicht.

Nachdem er mit »Heroes« die bis dato graue Berliner Mauer in den internationalen Popkontext eingebracht hatte, begann ein fanatischer französischer Bowie-Fan sie kilometerweise knallbunt zu bemalen – die Mauer wurde grotesker Pop. David Bowie hat auf einzigartige und geniale Weise sowohl musikalische Grenzanlagen, als auch die von Identität und Geschlecht dekonstruiert, um sie wieder neu entstehen zu lassen: Entstanden ist ein Gesamtkunstwerk zwischen Kunst und Musik mit nachhaltigen Auswirkungen auf die Realität einschließlich ihrer Unwirklichkeiten.

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Esther Buss

»When I Live My Dream«

Von Bowie infiziert wurde ich erstmals im Kino. Bowie trat dabei gar nicht selbst in Erscheinung. In Leos Carax’ Boy Meets Girl (1984) flaniert ein liebeskranker Filmemacher, der die Titel der Filme träumt, die er machen wird, durch die nächtlichen Straßen von Paris, einen Kassettenrekorder über der Schulter. Sobald er seine Kopfhörer aufsetzt, fängt Bowie zu singen an: »When I Live My Dream«. In dem Song wird die Leere des Verlassenseins feierlich (nicht klagend) mit Traumbildern von epischer Größe gefüllt: »riding on a golden horse, castle, dragons, wicked giants from the land«. Die extrem ausladende Bewegung zum Fantastischen und die Großzügigkeit der Geste sind absolut hinreißend. Und der Film hat die Skepsis gegenüber dem Authentizismus von Gefühlen, die in dem Song mitschwingt, auch wenn er natürlich ein totaler Affektsong ist, auf seine Weise aufgenommen: wenn der Typ einem küssenden Paar auf der Seinebrücke ein paar Groschen hinwirft.

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Holger In’t Veld

Montagmorgen, Radio an, Bowie tot. Mein erster Gedanke geht an den am intensivsten betroffenen Menschen, den ich kenne: O., Kultur-Aktivisten-Kumpel der frühen 90er und äußerlich das präzise Gegenteil seines Idols. Seine Verbundenheit ging so weit, dass auch jede Bowie-Cover-Version auf Tonträger gekauft werden musste (»Alter, Phillip Boa hat schon wieder ’ne B-Seite gemacht, kotz…«). Unvergessen auch seine Schilderung, wie er eine ganze Nacht mit Bowie auf seinem keimigen Bett in der Erdgeschoss-WG verbrachte. Auf LSD, versteht sich. Hat mein Verhältnis zu dieser Substanz nicht entspannt.

Im Gegensatz zu O., der beträchtliche Teile seines Kognitariat-Einkommens dafür aufwand, zu jeder Bowie-Niederkunft in West-Europa zu pilgern, habe ich den Meister nur einmal live gesehen, auf einem willenlos durchmischten Open Air irgendwann Ende der 90er. Künstlerisch war bekanntlich die Luft raus, Peter-Gabriel-Schlock waberte pastellfarben durch die Gegend. Aber völlig egal – mit ihm stand plötzlich Lawrence von Arabien, Dorian Gray, der Graf von Monte Christo…ach was, einfach David! Bowie! auf meinem norddeutschen Acker. Und gab allem Aura. Wie damals, in den 80ern, als überlebenswichtiger Gegenentwurf zu Phil Collins. Damals war es übrigens»Ashes To Ashes«, heute mit Gesamtperspektive »Changes«. Danke!

PS: wenn es eines Beweises bedarf, dass die Krankheit geheimgehalten wurde, dann die Plattenkritik von Torsten Groß in der letzten Ausgabe. Ein minimaler Hinweis – und ALLES, vom Titel bis zu jeder Song-Zeile wäre so gelesen worden, wie es jetzt klar ist.

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Klaus Walter

Einen einzigen Song auswählen? Unmöglich. Nehmen wir den letzten. »Lazarus«. Das Video. Laut Wiki wurde Lazarus von Bethanien von den Toten erweckt – durch Jesus Christus. Im Video zu »Lazarus« liegt Bowie auf einem Krankenbett, seine Augen sind verbunden, schmerzverzerrt presst er heraus:
»Schau mich an, ich bin im Himmel,
ich habe Narben, die kein Mensch sieht
Schau mich an, ich bin in Gefahr
Ich habe nichts mehr zu verlieren.«
Oje, wird er auf seine alten Tage noch fromm? Aber dann gibt es noch eine andere Figur in diesem Abschiedsfilm: Der auch im Alter noch Grazile, tänzelnd im Jumpsuit mit Zebrastreifen. Am Ende steigt er in einen dunkelbraunen Holzschrank und zieht die Tür hinter sich zu. Zum Heulen, aber auch zum Grinsen. Eine seiner großen Stärken, die neben den vielen anderen leicht vergessen werden: er hatte Humor. Bis in den Tod.


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Annika Reith

Seine Musik war schon lange da gewesen. Sie klang aus dem Radio oder von einer Schallplatte und hatte einen akustischen Normalzustand erzeugt, lange bevor ich benennen konnte, was ich da überhaupt hörte. Der erste bewusste Eindruck von David Robert Jones war ein optischer, und er hinterließ einen Zustand der irritierten Faszination.

Es muss Ende der Achtzigerjahre gewesen sein. Die Welle der erfolgreichen Fantasy-Kinderfilme wurde seit einiger Zeit im Fernsehen wiederbelebt, und an einem Sonntagnachmittag ohne elterliche Aufsicht bevölkerten sprechende Würmer, Kobolde ein Bösewicht mit Vorliebe für musicalhafte Auftritte das Wohnzimmer. Die Reise ins Labyrinth hatte gerade begonnen. Wer war dieses flamboyante, zarte, traurige, schöne Wesen? Und wieso bloß ließ die Heldin ihren nervtötenden kleinen Bruder nicht einfach in der Obhut der Kobolde – als Babysitter erfüllten sie gar keinen so schlechten Job – und nahm den Heiratsantrag des Koboldkönigs an? Ihr Leben wäre bei all den hedonistischen Maskenbällen sicher niemals mehr langweilig geworden.

Für viele Preteens mag Bowies Rolle als Jareth maßgeblich zu ihrem sexuellen Erwachen beigetragen haben. Mich fesselten weniger seine für einen Kinderfilm überraschend engen Spandexhosen, sondern vielmehr die Zerrissenheit seiner Figur zwischen hedonistischem Herrscher und einsamem weirdo. Über männliches Augen-Make-up und laszive Outfits funktionierte Jim Hensons Puppen-Klamauk für mich als Einführung in das Phänomen Bowie, den Künstler, den ich später vor allem für seine avantgardistischen Bühnenkostüme verehrte und dessen Karriere ich rückwärts aufarbeitete.

Als sensible, kühne und dynamische Person bezeichnete ihn der Modedesigner Kansai Yamamoto einmal. 1973, anlässlich der Aladdin-Sane-Tour, trug Bowie den ursprünglich als Teil einer Damenkollektion entworfenen und vom Kabuki inspirierten gestreiften Bodysuit des Japaners – noch so ein Bild, das sich eingebrannt hat. Bowie war einer der wenigen, der durch seine Kleidung darzustellen in der Lage war, wie vielschichtig die menschliche Ausdrucksform sein kann. Seine verschiedenen Alter Egos bedeuteten nie ein Weglaufen, die verschiedenen Masken nie ein Verstecken. Sie zeigten stattdessen, dass Identität als wählbare Konstante denkbar ist.

Mein guter Vorsatz für 2016, post Bowie: Gib dich nicht damit zufrieden, eine bessere Version deiner selbst zu sein. Versuche, mehrere Versionen deiner selbst zu werden. Wage es, zu irritieren. Und: Vertraue den Kobolden.

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Detlef Diederichsen

1997 setzt sich Bowie bei Wetten, dass …? auf die Couch (auf der bereits Til Schweiger und Nina Hoss sitzen) und erzählt Thomas Gottschalk unter anderem, wie sehr ihn Mitte der Siebziger die Düsseldorfer Elektronik-Pioniere fasziniert hätten, Kraftwerk, Neu! und Harmonia. Ob die wohl noch jemand im Saal kennt? »Also Kraftwerk-Fans sind hier bestimmt …«, versucht es Gottschalk. »Ja, die sind bekannt, aber anyone remembers Harmonia?«, insistiert Bowie und bellt dann in den Saal »Anyone knows Neu!?«

1985 wird der begabte Nachwuchs-Schlagzeuger Neil Conti ausgewählt, Bowie bei »Live Aid« zu begleiten. Nach der ersten Probe begibt sich der Meister leutselig zu seinem neuen Rekruten und fragt ihn, wo er denn sonst so spiele. »Bei Prefab Sprout«, antwortet Conti eifrig. »Paddy McAloon – ein großartiger Songwriter! Wahrscheinlich der allerbeste derzeit!« Worauf ihm einfällt, dass er ja gerade mit einem auch nicht ganz unbedeutenden Songwriter spricht und verschämt hinzufügt: »Well, of course you wrote some wonderful ditties, too …«

1968 schrieb der (schon damals) sehr exzentrische Singer/ Songwriter Biff Rose den Song »Fill Your Heart« zusammen mit dem damals noch ganz grünen und unbekannten Kollegen Paul Williams (der später reihenweise Nr.-1-Hits schrieb, u.a. für die Carpenters, Barbra Streisand und Three Dog Night, Grammys, Golden Globes und einen Oscar gewann und von Daft Punk 2013 für »Random Access Memories« wiederentdeckt wurde). Rose nahm ihn auf für sein erstes Album The Thorn In Mrs. Rose’s Side, kurz darauf wurde er von Tiny Tim gecovert und schließlich nahm ihn Bowie auf für Hunky Dory. 2007 lud ich Biff Rose zu einem Konzert im HKW nach Berlin ein und er erzählte wie ihn die Bowie-Tantiemen all die Jahre immer wieder finanziell über Wasser gehalten hätten …

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Sandra Grether

Ich muss gestehen, ich mochte David Bowie als Gesamtkunstwerk immer sehr, aber seine Songs haben mich nie sonderlich berührt. Das einzige Zitat, das ich im Zusammenhang mit Bowie auswendig kann, stammt von der US-amerikanischen Rockjournalistin Gina Arnold: »I spent my youth pretending that I liked David Bowie more than I did.« Ich weiß auch warum. Weil es keine Argumente gegen Bowie gibt. Er hat diese gewisse Wärmenergie, die auch mir bei Musik immer wichtig war, eben durch Glamour, Farbe und Saxofon ersetzt. Wo andere Rock’n’Roller leidenschaftlich und rockistisch waren, war er kühl, schillernd und androgyn. Und es fasziniert mich bis heute, dass er einen »authentischen« Rocksong schreiben und performen konnte, während er ihn gleichzeitig parodierte, aber ohne je das Drama, das dem Song innewohnte, zu verharmlosen. Erreicht hat es mich trotzdem nur in so seltenen Fällen wie bei »Heroes«.

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Drehli Robnik

Dass er immer da war, wie Spex schreibt, diesen Eindruck kann ich nur bestätigen. Als ich seinerzeit Songs wie »Ashes to Ashes« oder »Scary Monsters« im Radio hörte, dachte ich, das sei ein alter Hippie, der auf New Wave macht, aber eh super. Immerhin war ich zwanzig Jahre jünger als er (und bin es auch nach wie vor). In Wien war er auch da, wenn er nicht da war, so in der unsäglichen »Major Tom«-Nummer von diesem Sänger, der zwar kein Ösi, aber nach der dortigen Währung benannt war (Peter). Zwischendurch zehrte das sch(m)ale und überschätzte Oeuvre von Falco Weißpflog mehrfach von ihm (»Helden von heut«, »Junge Roemer aka Let’s Dance«). In der Vorgeschichte zur Langfassung des Musikvideos von »Blue Jean« kam ein lustiger Witz über Demis Roussos vor, der ist auch schon tot. In der Schule nannten wir ihn altwienerisch, also böhmisch, David Powidl, aber das stets in Ehrfurcht.


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Jennifer Beck

Ich will nicht lügen, mein Verhältnis zu David Bowie ist das einer frisch Verknallten: Eigentlich weiß ich nichts von dir, aber deine Augen! Solche Tode lassen einen merken, dass man zu spät geboren wurde. Seine Musik zu lieben, ist eine der Chancen im Leben, die ich beinah verpasst hätte. Aber ich bin nicht zu spät, dieser Rebell ist nur zu früh gegangen und was zählt ist, dass er im allerletzten Moment »Girl Loves Me« dagelassen hat – mein persönliches »China Girl«. Was Bowie zum Filou macht: Er hat an alle gedacht, sogar an die, die jetzt anfangen. Ich muss mich gar nicht rückwärts wenden, um sein Werk aufzuarbeiten. Weil er bis zum Schluss die Zukunft vorweggenommen hat und sich nun, wo sie da ist, alles anhört, wie für das Heute geschaffen. Es hat doch gerade erst begonnen.

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Christina Mohr

Was ich nie verstanden habe: dieses ewige Gerede über Bowie als »Pop-Chamäleon« – ein Chamäleon passt sich seiner Umgebung an, damit es NICHT gesehen wird. Bowie, der ambige Mann der 1000 Masken und Inkarnationen veränderte dagegen seine Umgebung, ja, die ganze Welt, zumindest den pop-affinen Teil. In meiner Welt war kaum ein Popstar so präsent wie Ziggy Stardust, der thin white duke, the man who sold the world – und eigentlich war er doch der Star meiner Mutter, die Bowie so sehr verehrt(e). Platten von Bowie gab es bei uns zuhause nicht, Mama liebte Bowie für sein Aussehen, weniger für seine Musik.

Zuerst gehört habe ich David Bowie dann bei Thomas Gottschalk, als er noch Pop nach acht moderierte. Meine kümmerliche Cassettenaufnahme von »John, I’m Only Dancing« war lange Zeit das einzige Bowie-Tondokument, das ich immer wieder abnudelte. Dann ging es Schlag auf Schlag: »Scary Monsters (and Super Creeps)«, »Heroes« (aus dem Christiane-F.-Film, natürlich), »Let’s Dance« – ab da Vergangenheitsrecherche, Aladdin Sane, Low, »Suffragette City«. Und immer wieder »John, I’m Only Dancing«…

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Anja Rützel

Er sah aus wie ich. Obwohl er nicht von Biggis Frisierstübchen oder Schnippschnapp (wie die schmerzensreichen Friseursimitate meiner fränkischen Dorfjugend hießen) verzuppzottelt worden war, das war ein Trost. Ich sah David Bowie das erste Mal bewusst in Labyrinth, dem ersten Film, den ich in den ranzigen Spessart-Lichtspielen nicht mehr in der Sonntagnachmittag-Kindervorstellung sehen musste, sondern am potenziell aufregenden Freitagabend anschauen durfte, und war sofort fasziniert von diesem Kobold-König, der eine Gräfin-Guldenburg-Bluse und sehr, also wirklich sehr enge Strumpfhosen trug. Seine Rolle war verwirrend und irgendwie sonderbar sexy, und seine Frisur versöhnte mich mit dem jüngsten Haardebakel auf meinem Kopf. Meine Mutter erzählte mir am nächsten Tag, dass David Bowie eigentlich ein Popstar war, ich fand ihn tatsächlich auf den pergamentenen Seiten im Katalog dieses sonderbaren Plattenversands mit dem hosenlosen Krokodil als Maskottchen, und ein paar Monate später performte ich eine Bodenturnkür im verhassten Sportunterricht, bei der man immerhin die Begleitmusik selbst wählen durfte, zu einer ausgeleierten Kassettenversion von »Changes«. Eine Zeile habe ich nie mehr vergessen. »Turn and face the strange« – das allerbeste Durchhalte-Mantra, nicht nur für eine Jugend im Unterfränkischen.

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Barbara Schulz

David Bowies »Heroes«

1981 zerrte mich eine ältere Freundin in Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Schon erstaunlich, so ein »Skandalfilm« in unserem Kaff-Kino. Wir waren völlig mitgenommen von der Geschichte – und angetan von David Bowie, der im Film »live« sein »Station to Station« croonte und irgendwie slick rüberkam, im Blouson, mit Poppertolle. Höhepunkt war jedoch das Lied: »Heroes«: Die fiesen Sägegitarren und der manische Gesang bescherten mir Gänsehaut: »I, I will be king and you, you will be queen, though nothing will drive them away, we can beat them, just for one day, we can be heroes, just for one day!«

Dass der Song von einer Liebelei an der Berliner Mauer handelte, war uns egal. Für uns klang er nach großer weiter Welt und David Bowie war der schillerndste Typ. Punkt. Das mit der Gänsehaut klappt übrigens noch immer.

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Kerstin Grether

Wir Kinder vom Bahnhof Pop

Als Teenager las ich Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Die Schläge des Vaters, das Heroin, die entwürdigenden Szenen auf der Bahnhofstoilette, das alles war zwar schrecklich, übte aber auch eine gewisse Faszination auf mich aus. Aber dann wurde der furchtbare Tag beschrieben, an dem Christiane F. ihre heiß geliebten Bowie-Scheiben für »Stoff« verhökert. Ich konnte es nicht fassen. Alles nur das nicht! Ich schwor mir, nie eine Droge anzurühren, wenn das bedeutete, dass man irgendwann seine Lieblingsplatten verkaufen muss. David Bowie war für mich in dieser Geschichte die andere Seite der Hölle. Die Lichtgestalt, durch dessen Adern glitzernde Keyboardtöne zu fließen schienen statt Heroin. Er lebte ja damals schon in der Schweiz und die aufgeklärte BRAVO-Leserin kannte ihn nur als den netten, cleanen Onkel von nebenan. Ich habe die chemischen Drogen bis heute nicht vermisst. War David Bowie der heimliche Gegenspieler in der Geschichte von Christiane F.?

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