Tocotronic – Revolution auf Wolke sieben

Foto: Yves Borgwardt

Mit dem »roten Album« haben Tocotronic die elfte LP ihrer Karriere veröffentlicht – Auszüge der Titelgeschichte aus SPEX N° 360.

Dirk von Lowtzow, Jan Müller, inoffiziell heißt die neue Tocotronic-Platte Das rote Album, außerdem erscheint sie symbolträchtig am 1. Mai. Da liegt es nahe, ihr auch eine politische Komponente beimessen zu wollen.
Dirk von Lowtzow: Am 1. Mai eine Sammlung von Arbeiterkampfliedern zu veröffentlichen, wäre natürlich sehr kitschig gewesen. Zu einer Politischwerdung der Songs – und es kann eh immer nur ein Werden sein – kommt es erst, wenn sich die Ebenen und Assoziationen überlagern. Irgendwer hat mal sinngemäß gesagt: »Politik ist die Bestimmung des Feindes.« Da geht es um Strategie und Allianzen. Deshalb scheinen Liebe und Politik erst mal nichts miteinander zu tun zu haben. Aber wie man über Liebe singt und wie nicht, welche Begriffe man benutzt und welche man weglässt? Da geht es wieder ins Politische, und das ist wahnsinnig interessant. Das ist Dynamit.

Sich die Liebe im großen Stil auf die Fahnen zu schreiben, ist schon deshalb ein Statement, weil viele gesellschaftliche sowie innen- und außenpolitische Auseinandersetzungen der letzten Monate so stark von Hass geprägt waren. Man kommt nicht umhin, an Pegida und Co. zu denken, an Menschen, die wieder vermehrt gegen Heime für Asylsuchende demonstrieren.
DvL: Die Ressentiments, um die es da geht, haben ganz stark mit Neid zu tun. Das ist so eine spezielle neue Taktik, die gerade im Mittelstand und Bürgertum weit verbreitet ist. Leute, denen es eigentlich super geht, wollen anderen, die viel weniger haben, die Butter vom Brot nehmen. Das Schreckliche daran ist: Im Gegensatz zur Völlerei und Wolllust ist Neid die einzige Todsünde, die nicht mal Spaß macht. (lacht)

Der »roteste« Songtitel auf dem Album ist sicherlich »Solidarität«. Kann man das Lied als Rückeroberung eines Begriffs verstehen, dem, beispielsweise durch Gerhard Schröders zunächst »uneingeschränkte Solidarität« für die Politik der USA nach 9/11, eine Zeit lang übel mitgespielt wurde?
DvL: Das ist auf jeden Fall noch so ein profanisierter Begriff. Der wurde ein bisschen beschmutzt, aber ich finde, langsam kann man ihn auch mal wieder benutzen.

Jan Müller: Ich würde nicht »beschmutzt« sagen, aber der Begriff hat durch so Dinge wie den Solidaritätszuschlag etwas sehr Staatstragendes angenommen. Dabei kommt er eigentlich aus dem Proletariat, aus dem Underground. Deshalb haben wir uns zunächst gescheut, das Stück so zu nennen. Als Band, die es schon lange gibt, will man eben keinen staatstragenden Ton anschlagen. Aber dann dachten wir: Nee, gerade hier ist das gut. Den Begriff muss man sich wieder aneignen. Und hinzu kam, dass »Solidarität« eben auch ein Liebeslied ist. Wir verwenden das Wort nicht so klassisch wie Ton Steine Scherben in ihrem gleichnamigen Song oder Brecht in seinem »Solidaritätslied«. Es öffnet sich noch mal eine neue Ebene für den Begriff.

Noch eine Parallele zur Liebe: Im Post-Punk-sozialisierten Umfeld, wo Zynismus lange en vogue war, hat man solche Begriffe, die von den Hippies kamen, gerne diskreditiert und höchstens ironisch gebraucht.
JM: Solidarität ist doch ein Begriff, den die Hippies gerade nicht benutzt haben. Deshalb sollte man die auch nach wie vor diskreditieren. Meiner Meinung nach waren die Hippies der Beginn des ganzen neoliberalen Murkses, in dem wir jetzt sitzen. Da wurde eben keine Solidarität geübt, weil jeder auf seinem eigenen Selbstfindungstrip war.

DvL: Man konnte das ganz spannend sehen bei The Whole Earth, einer Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt. Da ging es um Hippies und die Gegenkulturszene in Kalifornien. Das war mal wirklich Underground, und dann hat es sich nach und nach in Silicon Valley verwandelt. Von einem New-Age-Selbstverwirklichungstrip, also von einer politischen Sache, ging das über in eine Ideologie der Selbstverwirklichung. Bis hin zum neoliberalen Super-GAU.

Die ironische Brechung und Distanzierung von politischen Kampfbegriffen ist dennoch ein klassisches Post-Punk-Ding. Man trifft immer wieder Leute, die aus dieser Szene kommen und jemanden wie Ted Gaier, der ganz klassisch Solidarität übt, belächeln: »Jetzt sitzt er da immer noch und nimmt seine Flüchtlinge auf.«
DvL: Ich finde es jedenfalls spannend, diese Begriffe und die Art, wie sie etwa bei Brecht benutzt wurden, zu re-affirmieren. Und natürlich ist »Solidarität« unter dem Einfluss der Flüchtlingswelle entstanden, nach der es diese Antiasylproteste in – wie heißt die Scheißstadt noch mal? – Hellersdorf gab. Das hat mich fatal an Rostock-Lichtenhagen erinnert. Man hatte das Gefühl: Die Asylsuchenden müssen da wirklich unter Spießbürgern Spießruten laufen.

Das komplette Interview mit Tocotronic ist in SPEX N° 360 erschienen. Das Heft ist jeder Zeit versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

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