Dr. Dre Compton, A Soundtrack By Dr. Dre

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Die letzte Episode.

Am Ende ging alles ganz schnell. Nach elf Jahren im Wartestand gab Dr. Dre vergangenes Wochenende bekannt, dass sein drittes Album Detox nun doch nicht erscheinen wird. Der Grund? Es genügte nicht seinen hohen Ansprüchen. Die gute Nachricht: stattdessen sollte bereits eine knappe Woche später ein neues neues Album kommen. Compton, A Soundtrack By Dr. Dre ist von einem ebenfalls in diesem Jahr erscheinenden Film über Dres N.W.A namens Straight Outta Compton (Kinostart in Deutschland am 27.08.) inspiriert und soll nun tatsächlich sein letztes Soloalbum sein. Dazu rührt Dr. Dre mit dem großen Löffel in der Werbesuppe. Der Mann hätte nicht mit Kopfhörern Millionen gemacht, wüsste er nicht seinen neuesten Brötchengeber Apple für den standesgemäßen Hype einzuspannen. Zur besten abendlichen Rumcruise-Zeit wird das neue Album exklusiv in Apples eigenem Streaming-Dienst gespielt, in der unamerikanischen Schimpfwörter-Version. Die schlechte Nachricht: 6 pm in Cupertino entspricht drei Uhr nachts in Deutschland.

Egal, dafür kann man nun wirklich früh aufstehen. Schließlich handelt es sich um den unbestritten größten HipHop-Produzenten unserer Zeit, den Gründer der N.W.A, den Mann, der mit dem G-Funk den Sound aller lowrider geschaffen hat, der Snoop Dogg, Eminem und auch Kendrick Lamar zu dem gemacht hat, was sie sind. Und um dessen erstes Album nach 16 Jahren. So liest sich auch die Liste der Künstler auf Compton: Eminem, Snoop Dogg, Ice Cube, Xzibit, The Game und andere Schwergewichte der Szene. Der Doktor ruft, und alle kommen. Doch bleibt Dre trotz dieser All-Star-Mannschaft im Rücken seinem Nimbus als Königsmacher des Rap-Zirkus treu: mit King Mez, Justus (nicht zu verwechseln mit dem Berliner Rapper der M.O.R.-Crew!) oder Anderson Paak bekommen viele junge Hinterbänkler ihre Zeit auf der großen Leinwand.

Vordergründig geht es auf Compton um das, was der Name verspricht: um das Viertel, das André Romell Young alias Dr. Dre erst kaputt und dann zum Multimillionär gemacht hat. Ein Porträt jenes popkulturell wichtigsten Elendsbezirks von Los Angeles, in dem amerikanische Realität und amerikanischer Traum so nah beisammen liegen wie nirgendwo sonst. Doch eigentlich will Dre, was er schon 1999 auf »Forgot About Dre« wollte: allen zeigen, dass er es noch kann.

Und ja, es geht noch. Der mittlerweile 50-Jährige hat ein nostalgiefreies Statement produziert. Compton ist dermaßen präzise in die Gegenwart gezimmert, dass einem zwischen Bass und Snare kaum Platz zum Atmen bleibt. Jede Line, jeder Beat sitzt am richtigen Punkt und zuweilen auch passend am falschen: Mainstream-Rap von einem reichen Mann, der jedoch zumindest klanglich nicht seine Haken und Ösen verloren hat.

Zwar fehlen die Hooks des verstorbenen Nate Dogg, dafür liefern die Verbliebenen: Snoop Dogg ist selbst zu harten Beats smooth, Ice Cube ist Ice Cube, Xzibit klingt wie ein menschliches Maschinengewehr, und Eminem zeigt ausgerechnet auf dem definitiven City-Of-Compton-Track »Medicine Man« eine seiner unnachahmlichen Choleriker-Lines, die jeden Logopäden zur Berufsaufgabe zwingen müsste. Als Bonus beweist Kendrick Lamar auf drei Stücken, dass er schlicht alles zu Gold machen kann. Meister Dre selbst ist auf 13 der 15 Songs vertreten und versprüht mit seinem Flow noch dieselbe Coolness, die schon The Chronic vor 23 Jahren zum definitiven Werk seiner Zeit machte. Dr. Dre hat weder verlernt, wie man der Welt beibringt, wer der Macker im Stall ist, noch wie man mit den Nullen auf seinem Kontostand prahlt: »I just bought California« heißt sein erster Satz auf Compton.

Dieser kommt dem wahren Inhalt des Albums wohl am nächsten. »Ich habe mich gefragt, was ich heute noch sagen kann«, beschrieb Dr. Dre den Prozess hinter Compton am Abend respektive Morgen in der Internet-Radiosendung Beats 1. Die nüchterne Antwort muss wohl lauten: nicht viel. Compton ist die klassische Rags-To-Riches-Story, vom Sozialwohnungs-Gangster an die Spitze der Gesellschaft. Doch man merkt, dass die Betrachtung von einem gemachten Mann kommt, jemandem, der den Verhältnissen seiner prägenden Jahre seit gut drei Jahrzehnten entkommen ist.

Das Leben in den Projects, die mit dem Mangel verbundene Lust auf Geld, die Bereitschaft, alles für den Aufstieg zu tun: Dr. Dre erzählt wortgewaltig davon, wie viel Arbeit es ihn gekostet hat, dem zu entkommen. Mit der Welt der heutigen Kids hat das wenig zu tun. Wie es heute auf der Straße aussieht, wissen andere. Auch in Compton.

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