»Über the shitty western sea«: Videopremiere Die Goldenen Zitronen »If I Were A Sneaker«

Die Goldenen Zitronen

Beinah ein Jahrzehnt nach »Wenn ich ein Turnschuh wär« erscheint das Stück als eine von zehn Neubearbeitungen auf dem kommenden Album Flogging A Dead Frog noch einmal als »If I Were A Sneaker«. Die Sprache ändert die Botschaft nicht. SPEX.de zeigt das dazugehörige Video als Premiere gemeinsam mit Pro Asyl.

Der Wimpernschlag künstlerischen Aufbruchs Anfang der Achtzigerjahre ist untrennbar mit ihrem Namen verknüpft. Persiflage, ironischer Bruch mit der Punkkultur, konsequente Neuerfindung: Die Goldenen Zitronen sind Schlager im guten und Glamrock im besten Sinn, sind genial im Pyjama und dilletantisch im Anzug, sind die Krautrocker, die HipHop-Electronica-Kreuzritter… und in gleichem Maße wie ihre stilistische Entwicklung im steten Wandel begriffen ist, so verlässlich agieren sie als kritische Kommentatoren der Zeit, in der sie wirken. Sie sind das Korrektiv, das der Staat dringend braucht – schaut hin, ihr Vollversager!

Obendrein war die Kunst des Hamburger Kollektivs um Ted Gaier und Schorsch Kamerun nicht nur in jeder Sekunde der zurückliegenden 30 Jahre up to date, sondern seiner Zeit die entscheidende Schlussfolgerung voraus. »Topaktuell!!! Wie nie ungewollt«, schreibt ein Youtube-User dieser Tage unter das Stück »Wenn ich ein Turnschuh wär«. Es stammt von Lenin, der im Juni 2006 veröffentlichten neunten Studioplatte der Goldenen Zitronen, und die Bezüge zu den Handkamerabildern an anderer Stelle des Youtube-Kanals (und in den tagesthemen) im August 2015 sind gelinde gesagt erschreckend.

»Für eine Fahrt ans Mittelmeer, geb‘ ich meine letzten Mittel her, und es zieht mich, weil ich dringend muss, immer über den Bosporus«, wird da gesungen, und weiter:

»Über euer scheiß Mittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär.
Oder als Flachbild-Scheiß – ich hätte wenigstens ein‘ Preis.
Es gäb‘ für uns kein Halten mehr, wir kämen immer nur schneller her.
Ich seh die Waren zieh’n, ohne zu flieh’n gehen sie an Land…«

Reichlich neun Jahre und das bisschen Totschlag später erscheint nun also Flogging A Dead Frog. Kein Best-of-, eher ein Rekontextualisierungsalbum mit Neubearbeitungen von Stücken der vergangenen drei Platten. Einige erstmals in englischer Sprache. »Wenn ich ein Turnschuh wär« heißt da »If I Were A Sneaker«, die Sprache ändert die Botschaft nicht, sie macht sie höchstens eindringlicher: Der Flüchtling hat’s gut, der ein Turnschuh ist. Die europäische Abschottungspolitik als Kontrapunkt zur freien Warenzirkulation auf der Text-, erfolgreiche Menschen (wutbürger)augenscheinlich nichtdeutscher Herkunft in Schlüsselpositionen auf der Bildebene – nimm das, »So-called anti-Islamification Rally in Dresden«!

Für die Umsetzung des im besten Diederichsen-Sinne »anachronistischen und zeitgemäßen« Videos arbeiteten Gaier und Kamerun im Schulterschluss mit Katharina Duve und Timo Schierhorn. Diese setzten zuletzt auch Clips für DJ Koze und Deichkind um.

Flogging A Dead Frog erscheint am 18 . September als CD, LP und digital erstmals auf Altin Village & Mine. Das Artwork stammt von Daniel Richter. SPEX präsentiert die Videopremiere gemeinsam mit Pro Asyl.

Tracklist Flogging A Dead Frog
01.) Fan Without Fan
02.) If I Were A Sneaker
03.) LaToya Speech
04.) Der Flötist An Den Toren Der Dämmerung
05.) Cause I‘m Freezing
06.) The Investor
07.) Crashing Stockmarkets
08.) The Mayor Of Emerald City
09.) Businesspeople 2.1
10.) This I’m Not Telling You

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