Vinyl-Hype vorbei? Die Platte als Statussymbol großstädtischer Neobiedermeierspießer

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Illustration: Patrick Klose

Aram Lintzel veröffentlichte 1995 seinen ersten Beitrag in SPEX. Anlässlich des 35. Jubiläums des Magazins für Popkultur liefert er ein Denkstück (oder einen Denkanstoß) zur Scheibe, die einst Stellvertreter für die Seele hinter den Daten war und spätestens seit dem Record Store Day und der damit verbundenen Reissue-Mania zum essentiellen Bestandteil eines Connaisseur-Kontinuums geworden ist, das von abgehangener Wildschweinsalami bis zu Vintage-Velos reicht.

Second-Hand-Plattenläden, Plattenbörsen und Flohmärkte sind eher unwirtliche Orte. Doch die Reissue-Industrie befreit die Menschheit von der Drecksarbeit des Vinylgrabens. Denn wenn früher oder später jede Platte der Musikgeschichte wieder veröffentlicht sein wird, ist das Wühlen in staubigen Kisten nicht mehr nötig. Und der White-Collar-Plattensammler wird dann zum Massenphänomen. Teure Neupressungen sorgen dafür, dass Vinylschallplatten nicht mehr allein Fetischobjekte sympathischer Nerds sind, sondern vor allem beliebte Statussymbole für das Neue Bürgertum. Franz Degowski vom Lower Class Magazine schrieb kürzlich, Schallplatten seien etwas für »großstädtische, gut verdienende Neospießer.« Denn, so der Autor weiter: »Eine ausreichend bestückte Vinyl-Sammlung gehört in diesem Milieu längst neben der Wand ohne Tapete und den überteuerten Sperrmüllmöbeln in jedes EXPEDIT- (jetzt KALLAX-)Regal, welches dann eine Art Altar darstellt. Wo vor wenigen Jahren noch das CD-Regal im sanierten Altbauwohnzimmer stand, hat man sich nun vermeintliches Musikexpertentum in Schwarz erkauft.«

Der Mann von der Straße spricht schlicht, aber es ist was dran. Während die CD längst als minderwertiges Nullmedium gilt, ist die Vinyl-Schallplatte zum Medium einer geschmacksbürgerlichen Manufactum-Ideologie geworden. Die vielen 180-Gramm-Reissues sollen eine Wertigkeit vermitteln, die zum Wunsch nach dem »Guten Leben« passt. Hört man Musik nicht viel entschleunigter, wenn man eine Platte aus der Hülle ziehen und sie umdrehen muss? Achtsame Feingeister mögen Haptik und suchen die Seele hinter den Daten. Für besseren Klang sind die dicken Scheiben jedenfalls nicht nötig. Der Betreiber des legendären Berliner Shops Platten-Pedro, wie der Autor vom Lower Class Magazine ein Mann klarer Worte, brachte es in der taz vor einiger Zeit passend auf den Punkt: »180 Gramm kannste vergessen, die Platte kann so dünn sein, wie sie will, solange die Nadel nicht auf der anderen Seite durchkommt.«

Die üppig aufgemachten, oft in der Auflage limitierten Wiederveröffentlichungen  sind in dieser Konstellation mehr als bloße Tonträger. Ein symbolischer Mehrwert haftet sich an diese künstlich verknappten Güter und macht sie zum Objekt für Kunstsinnigkeit. Von bekannteren DJs hört man immer wieder, dass sie von Kunstsammlern gebeten würden, ihnen gegen angemessene Bezahlung eine coole Plattensammlung zusammenzustellen. Als sei die Kunst an der Wand heute nichts wert, wenn daneben kein kennerhaft kuratiertes Plattenregal steht. Vom Gebrauchsobjekt, das man für eine Mark in einer Schrabbelkiste gefunden hat, wird die Schallplatte so zum »preislosen« Ding, das seinen Gebrauchswert nur noch als Alibi mit sich trägt. Natürlich ging es auch dem Indie-Fan um Distinktion, doch war dieser weit weniger von Klasseninteressen bestimmt als der gesetzte Genießer, der sich am coffee table dem opulenten Klappcover seiner Limited Edition zuwendet.

Längst ist Vinyl zum essentiellen Bestandteil eines Connaisseur-Kontinuums geworden, das von abgehangener Wildschweinsalami bis zu Vintage-Velos reicht. Die Steigerungsform der Fetischisierung sind die bekannten Schallplatten-Editionen mit extra von Künstlern gestalteten Covern. Doch auch sonst ist Vinyl aktuell ein Thema im Kunstbetrieb. Zur Zeit ist die Londoner Vinyl Factory sehr aktiv. In der Londoner Gallery White Cube war das Künstlerprojekt an einer Ausstellung von Christian Marclay beteiligt, wo man wie auf der aktuellen Venedig Biennale Live-Performances direkt aufgenommen und »live“ auf Vinyl gepresst hat. Auch an Doug Aitkens Mammut-Projekt Station to Station ist Vinyl Factory derzeit beteiligt. Als ich die Pressmaschine bei der Ausstellung im White Cube sah, war ich von der analogen Aura des hydraulischen Apparats und dem Vorgang des Pressens durchaus fasziniert.

Dabei ruft die materialistische Geste der Vinyl Factory ein akutes Problem der Musikszene auf. Durch den Wiederveröffentlichungswahn vieler Majorlabels, die ihr Archiv ein weiteres Mal vermarkten wollen,  ist ein »Vinylstau« entstanden. Engpässe in den wenigen verbliebenen Presswerken sorgen dafür, dass Neuveröffentlichungen kleiner House- und Technolabels oft extrem lange warten müssen. Dieses Phänomen wird seit dem diesjährigen Record Store Day intensiv in Musik-Blogs diskutiert und wie die zunehmende Kommerzialisierung des Record Store Day kritisiert. Dieser »Feiertag« wurde 2007 eingerichtet, um kleine unabhängige Plattenläden zu promoten. Inzwischen sei er aber zu einer Werbeveranstaltung der Majors geworden, so die Kritik. Und die vielen Sondereditionen, die nur an diesem einen Tag erhältlich sind, fütterten einen abzockerischen Sekundärmarkt und führten die ursprüngliche Idee ad absurdum.

Die Debatte um den Record Store Day ist symptomatisch für einen gewissen Überdruss. Womöglich ist 2015 das Jahr, in dem das Ende des Vinyl-Hypes und der Reissue-Mania eingeläutet wird. Das Archiv verstopft die Gegenwart, eine Post-Dubstep-Maxi kann nicht in Pressung gehen, weil die Leute lieber eine Jimi Hendrix-Wiederveröffentlichung haben wollen: Ob die schnieken Plattenregale der neuen Bürgerlichen unter der Last der Geschichte bald zusammenbrechen werden?

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