Grenzen des Zynismus

Fotos: Videostills »Die Toten kommen« / Crowdfunding-Video

Ein Kommentar zur Aktion »Die Toten kommen« des Zentrums für Politische Schönheit. Von Thomas Vorreyer

Vielleicht beginnt man am besten mit einem Lächeln. Ein Lächeln ist unschuldig, weich. Die IS-Kämpfer auf den Agenturfotos vom Samstag lächeln. Hinter ihnen treten über tausend Menschen den Fußweg zurück ins syrische Tall Abyad an. Abgewiesen vom Militär des NATO-Mitglieds Türkei, zurückgetrieben von den Islamisten. Erfolglos hatten sie versucht, ins türkische Akçakale zu gelangen, während ihre Heimat von IS und kurdischen Kräften umkämpft, von US-Kampfflugzeugen bombardiert wird. Einen Tag später wagen sie einen neuen Anlauf: hunderte zwängen und pressen sich in großer Hektik durch ein kleines, keinen Meter breites Zaunloch. Sie leben – anders als die syrische Mutter von vier Kindern, die am Dienstag in Berlin bestattet wurde. Das sollte man sich ins Gedächtnis rufen, wenn man die neueste Aktion des Künstlerkollektivs Zentrum für Politische Schönheit diskutiert. Wenn wieder über Angemessenheit und Instrumentalisierung, Privilegien und Zynismus gesprochen wird.

Das Zentrum ist eine alte Bekannte. Seit Jahren rütteln die Beteiligten mit ihren Kunstaktionen im Namen von Geflüchteten und Vertriebenen die Öffentlichkeit auf. 2009 gab man vor, den Rat der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung um drei gegenwärtig Geflüchtete erweitert zu haben. 2010 warb man für »Seerosen« genannte Rettungsinseln, die außerhalb der nordafrikanischen Mittelmeerküste den Fluchtwilligen auf ihren Kähnen und Booten Zuflucht bieten sollten. Im letzten Jahr forderte man zunächst im Namen der Bundesfamilienministerin dazu auf, 55 000 der derzeit in Not befindlichen 5,5 Millionen syrischen Kinder aufzunehmen – Titel der Aktion: »1 aus 100« –, im Herbst folgte dann die bislang spektakulärste Aktion: Aus dem Gedenken zum 25. Jahrestag des Mauerfalls machte man den »Europäischen Mauerfall«. Die Künstlerinnen und Künstler hatten dafür am helllichten Tage Gedenkkreuze für deutsche Mauertote aus ihrer Vorrichtungen im Berliner Regierungsviertel heraus geschraubt und sie – dem Anschein nach – nach Marokko gebracht, wo vor den Zäunen Melillas Ausharrende nun mit ihnen posierten. In Wahrheit blieben die echten Kreuze in Berlin. Zudem machte man sich auf nach Bulgarien, um die dortige massiv verstärkte EU-Außengrenze abzumontieren. Nicht weniger als 5.000 Polizisten wurden abgestellt, um das zu verhindern.

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Mit jeder Aktion konnte das Zentrum ein Stück mehr an Aufmerksamkeit generieren, zu dem Preis einer fortschreitenden Polarisierung der Reaktionen. Nun der nächste Coup: Auf Lampedusa angespülte Ertrunkene sowie beim Versuch, die abgesperrte griechisch-türkische Grenze zu überwinden Gestorbene werden in Berlin, der Hauptstadt des wohl mächtigsten EU-Staates, beerdigt. »Vor den Augen ihrer bürokratischen Mörder«, wie es in der Crowdfunding-Kampagne zur Aktion heißt.

Der Aufschrei ist groß. Tote würden wieder ausgegraben, die Leichenruhe zur Befriedigung von Künstler-Egos gestört. Dabei werden einige Umstände in der öffentlichen Diskussion unterschlagen. Manche der Menschen wurden bislang nicht einmal begraben, sondern »lagerten« seit mehreren Monaten übereinander geworfen in einem Kühlraum. Andere wurden in einem Massengrab in der Grenzwildnis verscharrt. Und selbst jene, die auf einem Friedhof bestattet wurden, eint die Tatsache, dass ihre Gräber namenlos blieben, die Toten unidentifiziert, ihre Angehörigen ohne Nachricht. Von einem individuell glaubenskonformen Begräbnis ganz zu schweigen.

All das übernahm nun nach eigenen Angaben das Zentrum. Die Identitäten der Unbekannten wurden recherchiert, ihre Familie benachrichtigt und – auch das ist ein wichtiger Punkt! – in Abstimmung mit diesen die Bestattung in Berlin organisiert. Begleitet wurden alle Schritte stets von Geistlichen. Imam Abdallah Hadjjir etwa führte am Dienstag die Beerdigung der syrischen Mutter durch. »So wie diese Menschen im Mittelmeer versinken, so versinken wir dadurch in Ungerechtigkeit«, mahnte er.
Unter diesem Umständen kann das neuerliche Begräbnis wohl nicht mehr als solches, sondern muss eher als eigentliches begriffen werden. Die Verstorbenen kommen erst jetzt zur Ruhe, die Angehörigen gaben der Aktion ihre Zustimmung – auch dafür, dass alles in eine öffentliche Inszenierung eingefügt wird. Der Vorwurf der Geschmacklosigkeit wird zumindest abgeschwächt. Das Zentrum wiederum wirft so ein Licht auf den Schattenriesen EU, der seine supranationale Einheit zwar dazu nutzt, ein millionenschweres Abwehrbollwerk zu organisieren und zu schützen, die klammen Kommunen an der Grenze aber unterfordert mit den Folgen dieser Abriegelung zurücklässt. Und er ist dabei unfähig zu begreifen, dass weder Meer noch Stacheldraht ihrer Abschreckungskraft der lebensbedrohenden Wucht von Hunger und Krieg beikommen können.

Dass solche Aktionen den Politikerinnen und Politikern nicht schmecken, überrascht wenig. Warum aber richten sich viele Menschen dennoch gegen das Zentrum? Das Unbehagen speist sich auch aus dem zuspitzenden Auftreten des Kollektivs. Das Aufmachervideo zur Kampagne ist mit emotiver Musik unterlegt, die Off-Stimme klingt dramatisch. Und dann der Claim: »Die Toten kommen« – das könnte genauso gut für eine neue Staffel von The Walking Dead oder Game Of Thrones über die Stadt tapeziert werden. Schritt für Schritt hat man die eigene Strategie in den letzten Jahren von schlichten Hacks und Projektvisionen hin zu einem großflächig umworbenen Aktivismus des »aggressiven Humanismus« hin verändert. Dabei tritt das Zentrum fast schon wie eine Werbeagentur auf und erfüllt die leeren Hülsen ähnlicher Projekte, etwa Friedrich von Borries‘ RLF (»Das richtige Leben im falschen«) mit tatsächlicher Bedeutung über den künstlerischen Symbolismus hinaus.

In einer effekthaschenden kurzatmigen Zeit, wo das Monopol auf die Abbildung entstellter Leichen für das Gedenken an einige wenige Orte wie Auschwitz, Hiroshima oder Mỹ Lai längst aufgebrochen wurde und uns die digitalisierte und individualisierte Bilderwelt jederzeit und nahezu in Echtzeit einen Blick auf die verkohlten Stümpfe von Odessa, die enthaupteten IS-Opfer oder eben die von Leichensäcken übersäten italienischen Strände verschafft, spielt das Zentrum die Klaviatur der Drastik, die es benötigt, um heutzutage ein nationales Ereignis zu generieren. Natürlich verschafft ihnen gerade ihre privilegierte Position als europäische, von Verfolgung und Vertreibung zunächst Unbetroffene dazu ganz besondere Möglichkeiten. Gleichermaßen kann man aber auch attestieren, dass die erdrückende Mehrheit derartig Privilegierter bislang keinen einzigen Finger gegen den Zynismus des europäischen Grenzsystems gerührt hat.

Während wöchentlich weiter Boote auf dem Mittelmeer kentern und Menschen sich im Draht verfangen, schafft es das Zentrum, dass wohl mindestens eine Woche lang tatsächlich über diese Situation gesprochen wird – und nicht nur wenn wieder ein neuer Todesrekord zu vermelden ist. Dass sie dabei sogar noch etwas mehr Aufmerksamkeit zu erreichen scheinen, als jene Geflüchteten, die einst – nach deutschem Recht – illegal von ihren staatlichen Unterkünften nach Berlin marschierten, dort unter anderem den Oranienplatz besetzten, in den Hungerstreik traten und damit drohten, sich vom Dach der Gerhart-Hauptmann-Schule zu stürzen, sollten ihnen nicht die in einem Kompromiss zuvor angebotene Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, entlarvt wiederum die nicht weniger zynischen Mechanismen der hiesigen Medienlandschaft.

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Dennoch ist es gerade diese Kritik, die am Zentrum haften bleibt: In keiner seiner Aktionen wird den Menschen, für die sich die Künstlerinnen und Künstler einsetzen, eine Stimme gewährt. Sie bleiben stets Statisten, ihre Rolle als Opfer wird selbst im Protest zementiert. Nicht einmal von der mittlerweile in einer deutschen Unterkunft lebenden Familie der am Dienstag beerdigten Syrerin gibt es ein Statement. Das Zentrum spricht stets in ihrem Namen, ihre Anreise sei von den Behörden im Rahmen des Aufenthaltsrechts nicht erlaubt worden.

Doch selbst diese Haltung als Medium bliebe wohlfeil, wenn man nicht den fehlenden Stimmen, etwa kollaborativen wie eigenständigen Projekten von Geflüchteten und Unterstützenden, ebenfalls Raum in der eigenen Berichterstattung einräumt. Es gibt schließlich nicht wenige davon, von Lampedusa in Hamburg, dem Friedenskreis Syrien bis hin zum Refugee Club Impulse.
Und es würde auch helfen, wenn jene, die sich nun so lautstark gegen das Zentrum empören, ihr Unverständnis über die allgemeine Lage mindestens ebenso laut ihren politischen Vortretern vortragen. Ansonsten bleiben wir alle zynisch.