Blur The Magic Whip vs. Faith No More Sol Invictus

Blur

15 Jahre nach den letzten Zuckungen der 1990er-Grabenkämpfe verblüffen vor allem die Parallelen: Blur und Faith No More liefern zwei klare Bekenntnisse zur Kunstform Album.

Faith No More und Blur – zwei Pole, zwischen denen die Rockmusik der Neunzigerjahre stattfand. Erstere stehen repräsentativ für das Grunge-Crossover-Metal-Lager, Blur sind natürlich die Britpop-Band schlechthin. Es handelt sich also bei beiden Bands um herausragende Vertreter der wichtigsten damaligen Rockschulen. Nahezu undenkbar war es jedoch in jenen streng separierten Tagen, etwa ausgerechnet diese beiden gleichzeitig gut zu finden. Man durfte ja nicht einmal Oasis und Blur gleichzeitig gut finden, geschweige denn elektronische und konventionell erzeugte Musik. Aber lassen wir das, die alten Grabenkämpfe sind Geschichte. Und wenn jetzt, 15, 20 Jahre nach den letzten Zuckungen der Neunziger, beide Bands parallel nach jeweils sehr langer Pause neue Alben veröffentlichen, fallen zunächst vor allem die Parallelen auf.

Zunächst die wichtigste: Man tut denen, um die es hier geht, mit einer schablonenhaften Genre-Zuordnung Unrecht. Im Gegensatz zu Oasis und anderen waren Blur nie nur eine Britpop-Band und Faith No More höchstens im ursprünglichen Sinne des Wortes Crossover. Jedenfalls kann man ihnen kaum die Verantwortung für Korn, Limp Bizkit und ähnliche Scheußlichkeiten anlasten. Crossover, das waren einst all jene Musiker, die sich weigerten, die rassistisch und kommerziell motivierten Separierungsmaßnahmen des amerikanischen Billboard-Magazins zu akzeptieren, welche die Charts in »schwarze« (R’n’B) und »weiße« (Country, Pop) Musik unterteilt hatten. Nach dieser Deutung war der kommerziell erfolgreichste Crossovertitel der Geschichte Elvis Presleys »Hound Dog« und nicht etwa irgendwas von den Red Hot Chili Peppers. Faith No More – in einer SPEX-Titelgeschichte Anfang der Neunziger als Smart Metal bezeichnet – war jegliche Einordnungen stets schnuppe. Die der Underground-Szene der Achtziger entstammende Band, von Cobain als wichtigster Einfluss für Nirvana bezeichnet, fusioniert so ziemlich alle denkbaren Stile – und hat doch eine eindeutige Signatur.

Was sie wiederum mit Blur verbindet: Vom klassischen Britpop, den sie im Prinzip lediglich auf zwei Alben spielte, nämlich Parklife und The Great Escape, entfernte die Band sich schon früh zugunsten eines in alle Richtungen offenen Entwurfs, der Psychedelia, US-College-Rock und elektronische Lo-Fi-Experimente inkludierte. Eine Entwicklung, die Damon Albarn auf seinen späteren Exkursionen zu immer neuen Ufern trieb. Nicht zuletzt deshalb fragt man sich allerdings auch: Wer braucht 2015 überhaupt noch eine neue Blur-Platte, wo es doch all die wunderbaren Albarn-Projekte sowie einige sehr schöne Soloalben von Gitarrist Graham Coxon gibt?

Geplant war eine gemeinsame Rückkehr ins Studio nicht, The Magic Whip entstand aus einem Zufall. Während einer Zwangspause war die seit 2009 periodisch wieder auftretende Band vergangenes Jahr aus Langeweile einige Tage im Studio gewesen. Coxon hat die damals entstandenen Aufnahmen später mit Langzeit-Produzent Stephen Street veredelt, plötzlich war ein Album da. Es ist das erste in der originalen Besetzung seit 16 Jahren – und es ist verdammt gut.

faith no more

Eine Sirene, die vertrauten Coxon-Gitarren – ungefähr eine Minute lang ist alles so wie in den frühen Tagen. »Lonesome Street« erinnert auf einem Album nahezu ohne klassische Blur-Songs neben »Go Out« und »I Broadcast« noch am ehesten an die frühe Phase der Band. Ansonsten handelt es sich hier um eine musikalisch hochinteressante Verschmelzung der experimentelleren Arbeiten Coxons mit jenen Damon Albarns.

Es wird überdies klar, dass Blur zwar Damon Albarn brauchen, er selbst die Band aber nicht unbedingt. »New World Towers« oder »There Are Too Many Of Us« – der vielleicht beste auf einem an herausragenden Songs reichen Album – sind genau jene schmachtenden Elegien über Vergänglichkeit, wie sie Albarn auf seinen eigenen Alben immer wieder gelingen. Und »Thought I Was A Spaceman« hätte mit seiner niedlichen Kindermelodie auf jedes Album der Gorillaz gepasst. Alles, was Albarn macht, ist also Albarn. Und doch tut ihm die Zusammenarbeit mit Coxon gut, dessen Feinsinnigkeit und Detailfreude kitzelt das beste aus dem Sänger heraus. Eigentlich ist es ohnehin nur für Nostalgiker wichtig, ob hier Blur drauf steht oder sonst irgendwas – The Magic Whip ist eine weitere Demonstration des unaufhörlichen Wirkens eines musikalischen Freigeistes und eine in jeglicher Hinsicht wunderbare Platte.

Ähnliches gilt unter anderen Vorzeichen für Sol Invictus, jenem neuen Album von Faith No More, das allerdings erst am 15. Mai erscheint. Auch Mike Patton schien das Bandkorsett damals zu eng geworden zu sein. Mit immer freigeistigeren Projekten tobte er sich im totalen Underground aus, nahm extremen Noise, italienische Schlager, Metal und tausend andere Dinge auf. Dass er jemals wieder Interesse an Faith No More finden könnte, galt als unwahrscheinlich. So wie Blur begann die Band aber vor sechs Jahren wieder gemeinsam zu touren: Einige der alten Freunde hatten sich auf einer Hochzeit wiedergetroffen, eins ergab das andere. Mit den Konzerten kam der Spaß zurück, abseits jeglicher Öffentlichkeit arbeiteten Faith No More ohne Produzent und große Plattenfirma zwei Jahre im Geheimen an Sol Invictus.

Das Album fusioniert nun erstaunlicherweise 18 Jahre nach Album Of The Year alle Tugenden dieser einmaligen Band auf bestechende Weise. Faith No More sind für Popverhältnisse dick, relativ alt und kahlköpfig – und trotzdem so gut wie auf den durchgehend herausragenden Alben, die die Band in den Neunzigern mit Patton aufnahm. Dessen Vokalakrobatik sucht immer noch ihresgleichen. Der Sänger dominiert das Album, singt eventuell so gut und mitreißend wie nie zuvor. Und trotzdem ist Sol Invictus eine eindeutige Bandplatte: das verspielte Element in Roddy Bottums Keyboardspiel, das perkussive Schlagzeug, Goulds treibender Bass, die in allen Facetten erklingenden Gitarren, vor allem aber der unbedingte Wille, keinerlei musikalische Grenzen zu akzeptieren, prägen Songs wie »Superhero«, »Cone Of Shame« und das alles übertreffende, in waghalsigen gut sechs Minuten sich immer weiter hochschraubende »Matador«.

Nicht zuletzt sind diese Werke auch in anderer Hinsicht aus der Zeit gefallen: Beide sind ein klares Bekenntnis zur Kunstform Album. Platten, auf denen kein Ton zufällig da ist, wo er ist, die mit jedem Hören ein Stück mehr ihrer Magie preisgeben und immer noch substanzieller und besser werden. Wer hätte das gedacht?

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