Vinyl matters – vor allem für die Großen?! UK launcht wegen steigender Nachfrage erste Schallplatten-Chartliste

platten

Die britische Charts Company führt erstmals eine wöchentliche Charts-Liste für Vinyl-Verkäufe ein. Grund ist der steigende Absatz des beinah für tot erklärten Tonträger-Formats. Doch während sich die Majors die Podestplätze sichern, macht der »Boom« denen zu schaffen, die dem vormaligen Auslaufmodell seit jeher die Stange hielten.

CD, mp3, Streaming-Dienste – das schwarze Gold war zuletzt nur noch dem Sammler und Musiknerd mit viel Zeit zum Stöbern und Warten auf das limitierte Gut den tiefen Griff ins Portemonnaie wert. Und nun: »Vinyl wächst weiter in der Nische«, heißt es in der Pressemitteilung des Bundesverbands Musikindustrie zur Entwicklung des deutschen Musikmarktes 2014. Im Vergleich zum Vorjahr konnte ein Wachstum um 33,4 Prozent verzeichnet werden. 1,8 Millionen Platten wurden in der Bundesrepublik verkauft – so viel wie seit 1992 nicht mehr.

Wenngleich der Gesamtanteil der Schallplattenverkäufe in Deutschland damit immer noch gerade bei 2,6 Prozent liegt, ist das Vinyl-Comeback spürbar. Nicht nur hierzulande. In Großbritannien gingen 2014 immerhin 1,29 Millionen Scheiben über die Ladentische – die Höchstmarke in den letzten zwei Dekaden. Vinyl matters. Deswegen hat die britische Official Charts Company zum diesjährigen Record Store Day am 18. April eine Charts-Rubrik für die Schallplatte ins Leben gerufen. Ein Novum – und das im Jahr von Tidal.

Geschäftsführer Martin Talbot kommentierte den Launch der ab nun immer wieder sonntags veröffentlichten Top 40 Vinyl-Album- und Single-Charts folgendermaßen: »Vinyl-Junkies könnten bis Ende des Jahres die Zwei-Millonen-Marke knacken – eine außergewöhnliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Verkäufe vor sechs Jahren ein Zehntel davon ausmachten.« Mit der Ankündigung des wöchentlichen Reportings wurde ein Rückblick auf das erste Quartal des angebrochenen Jahres veröffentlicht:

Vinyl-Albumcharts UK (1. Quartal 2015)
01.) Noel Gallaghers High Flying Birds – Chasing Yesterday – Noel Gallaghers High Flying Birds
02.) Led Zeppelin – Physical Graffiti
03.) Arctic Monkeys – AM
04.) Royal Blood– Royal Blood
05.) Public Service Broadcasting – The Race For Space
06.) Bob Dylan – Shadows In The Night
07.) The Dark Side Of The Moon – Pink Floyd
08.) War On Drugs – Lost In The Dream
09.) Peace – Happy People
10.) Led Zeppelin – Four Symbols

Top Ten der offiziellen Vinyl-Albumcharts UK (aktuelle Woche)
01.) Future Hearts – All Time Low
02.) Undertow – Drenge
03.) Carrie & Lowell – Sufjan Stevens
04.) Two Hands – Turbowolf
05.) The Day Is My Enemy – Prodigy
06.) Sometimes I Sit And Think And Sometimes I Just Sit – Courtney Barnett
07.) Duets – Re-working The Catalogue – Van Morrison
08.) Culture Of Volume – East India Youth
09.) Fast Food – Nadine Shah
10.) Chaos And The Calm – James Bay

Die von den Branchenverbänden als Revival titulierte steigende Nachfrage bringt enorme Probleme mit sich. Die für die Herstellung der Schallplatten benötigten Maschinen werden seit Jahren nicht mehr produziert. »Vinylstau« ist in der Vergangenheit genreübergreifend zum gefügelten Wort mutiert, denn die circa 15 Unternehmen in den Staaten, die heute noch pressen, haben mit drastischen Lieferengpässen zu kämpfen.

jack white

Das bedeutet nicht nur Überstunden für die Mitarbeiter, sondern auch technische Aufrüstung. Presswerke wie der Branchenführer United Record Pressing aus Nashville, Tennessee schaffen neue Pressen an. Was sich schwierig gestaltet, denn es finden sich kaum liquide Investoren, die dem Mini-Boom über den Weg trauen und den Mut aufbringen, ordentlich Geld in die Hand zu nehmen. Trotz acht Millionen verkaufter Exemplare weltweit in Jahr 2014 – die Platte ist und bleibt ein Nischenprodukt. Zudem gibt es kaum noch Maschinen. Die Anschaffungskosten belaufen sich mithin auf 15.000 bis 30.000 US-Dollar, hinzu kommen die wegen der ununterbrochenen Laufzeiten in die Höhe schnellenden Beträge für Reparatur und Wartung. Das Geschäft mit der Presse treibt absurde Blüten. So stand zuletzt ein Werk in Simbabwe für 160.000 Pfund, das sind knapp 220.000 Euro, bei Ebay zum Verkauf.

Nicht nur die Presswerke und ihre auf Hochtouren arbeitenden Angestellten haben das Nachsehen. Vor allem kleine Labels, die seit jeher auf Plattenverkäufe in limitierten Stückzahlen setzen, drohen nun unter den Massenbestellungen der Majors kaputt zu gehen. Zuletzt sorgte der US-Künstler Jack White (Foto) für Furore, weil er zum Record Store Day 2014 einen Deal mit United Record Pressing für die schnellste Vinyl-Pressung aller Zeiten abschloss. 10 Uhr morgens spielte er eine Live-Version des Titeltracks seines Albums Lazaretto ein, die postwendend in 7-Inch-Form erschien – das Ganze dauerte drei Stunden, 55 Minuten und 21 Sekunden und sorgte nicht nur für Unverständnis bei den Indielabels, die dem tot gesagten Tonträger über die Jahre die Stange hielten, sondern für berechtigte Existenzängste: »He’s making records in one day, normal customers can go weeks not knowing the status of their orders.« Dem Namedropping in der UK-Chartsliste ist angesichts dieser Hintergründe einmal mehr kritisch zu begegnen.

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