Future Brown – Raus aus der Komfortzone

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Foto: Ye Rin Mok

Die Erwartungen an Fatima Al Qadiri, Jamie Imanian-Friedman, Asma Maroof und Daniel Pineda sind angesichts ihres Debütalbums Future Brown sehr hoch. Immerhin hat Al Qadiri mit Asiatisch das SPEX-Album des Jahres 2014 veröffentlicht, gehören Nguzunguzu (Marcoof und Pineda) zum spannendsten, was sich im Grime-Genre tummelt, und betreibt Imanian-Friedman mit Lit City Trax ein erfolgreich die Grenzen von Footwork und Grime auslotendes Label. Wir sprachen mit der interdisziplinären Band über falsche Zuordnungen, Träume, heiße Texte und unterkühlte Beats.

Man mache nur nicht den Fehler, die Gruppe Future Brown auf ihren Namen anzusprechen. Zumindest nicht dann, wenn man sich mehr als die Geschichte von ihrem Freund Solomon Chase erhofft, der auf einem Pilztrip in den Wald gegangen sei und dort einen Braunton erfahren habe, wie er ihn so noch nie in der Realität gesehen hätte: Future Brown eben. Dabei könnte man auch anfangen, den Namen semantisch aufzuladen mit Reflexionen über Hautfarbennuancen und heftige Veränderungen der Gesellschaftszusammensetzungen (in den USA wie auch in Europa), mit denen wir uns in diesem immer mehr Fahrt aufnehmenden 21. Jahrhundert konfrontiert sehen – und somit den Bogen spannen von Black-Community-Diskursen hin zu Michel Houellebecqs neuem Roman Unterwerfung.

Naheliegen würde das angesichts des Backgrounds und der bisherigen Ausrichtung der vier Mitglieder von Future Brown. Die da wären: Fatima Al Qadiri, 1981 im Senegal geboren, aufgewachsen in Kuwait – wo sie mit ihren Eltern die Invasion von Saddam Hussein erleben musste und fortan im Widerstand lebte. Später zog sie nach London, aktuell lebt sie in New York. Seit einem Jahrzehnt gelingt es ihr, sich gleichermaßen als Autorin, Bildende Künstlerin (in ihren Foto- und Videoarbeiten kontrastiert sie eskapistische Konsum- und Spielewelten mit harten politischen Wirklichkeiten und arbeitet sich an der Konfliktachse Mittlerer Westen und Westliche Welt ab) und Musikerin zu positionieren. Mit ihrem letztjährigen, alle Jahreslisten toppenden Album Asiatisch, veröffentlicht auf dem Londoner Imprint Hyperdub, hat sie es zum eigenen Subgenre Sino-Grime gebracht. Auch die weiteren Mitglieder von Future Brown haben Migrationshintergrund. Asma Maroof wurde im amerikanischen Maryland als Tochter von Indischen Immigranten geboren, Pineda Pineda wuchs in Oklahoma als Sohn einer puerto-ricanischen Mutter und eines dominikanischen Vaters auf. Jamie Imanian-Friedman, Sohn einer iranischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, ist in London und New York aufgewachsen.

Doch Fatima Al Qadiri stellt ziemlich ungehalten fest, dass die europäischen Journalisten sie langsam damit nerven, dem »Projekt einen Rassenaspekt« geben zu wollen. »Das liegt nicht in unserem Interesse«, fügt sie energisch hinzu. »Unser Name soll bitteschön nicht in gewisse Diskursschubladen gesteckt werden. Er hat nichts mit Rasse zu tun. Unser Projekt ist geradezu das Gegenteil, unsere Bemühung, uns nicht kategorisieren zu lassen, unsere Ideen nicht gefangen nehmen zu lassen.«

Also richten wir in diesem Sinne unsere Aufmerksamkeit lieber auf Future Brown. Einen, wie es der andere Aspekt des Titels schon betont, durch und durch futuristischen Entwurf. Die vier konstruieren ihren Sound als weitergedachten Melting Pot der Einflüsse. Ob englischer Dubstep, Grime, der Dancehall-Sound Jamaikas, südamerikanischer Reggaeton, afrikanischer Kuduro oder amerikanische Rap- und R’n’B-Musik, das alles findet auf Future Brown eng verflochten zueinander. Vorgetragen mit den lebhaft differenten Stimmen von Tink, Kelela, Shawnna, 3D Na’tee, Maluca, Riko Dan, Ian Isiah, Sicko Mobb, Tim Vocals, Timberlee, Johnny May Cash, YB, King Rell, Roachee, Prince Rapid und Dirty Danger. Vorgegeben bekamen sie dabei lediglich die Track-Struktur, von da an atmeten sie die grenzenlose Freiheit, was man an der textlichen Vielseitigkeit auf Future Brown erkennen kann. In Songs wie »Room 302« und »Dangerzone« geht es, ganz R’n’B-mäßig, um Beziehungsspiele, in »Talkin Bandz« und »Big Homie« um Business-Gepose, in »Wanna Party« um das Feiern – aber in »Asbestos« eben auch um Rassismus (wenn MC Firty Danger rappt, dass er es mit seiner Hautfarbe nie zu X-Factor bringen wird), in »No Apology« steht Timberlee für feministische Positionen ein, und in »Vernáculo« klagt Maluca mit Selbstbewusstsein das Recht eines jeden auf seine eigene Identität und Stimme ein. Am Ende meiner Auflistung ruft Fatima AL Qadiri laut »Yeah« – und betont nochmals, dass es bei dem Album voll und ganz um die Protagonisten ging.

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28.02. Berlin – Berghain Kantine (ausverkauft)

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