Sizarr Nurture

Nurture, das zweite Album von Sizarr, möchte gern nach dem Prinzip Sich-bloß-nicht-beirren-lassen funktionieren. Ob das funktioniert?

Das zweite Album macht keinen Spaß, sagt man. Und es macht die Dinge bestimmt nicht besser, wenn man mit dem ersten zum Newcomer der Stunde erklärt wurde. Dieses Los zog die Band Sizarr. Vor zweieinhalb Jahren veröffentlichte das Pfälzer Trio sein Debüt Psycho Boy Happy, ein seltsam reifes Sturm-und-Drang-Werk, das mit Soul- und Beat-Einfluss so gar nicht nach Indiemusik aus Landau klingen wollte und über die Landesgrenzen hinweg überaus positiv rezipiert wurde. Die Schlüsselzeile damals: »The kids take over now.« Sizarr sollten recht behalten. Quasi zeitgleich mit der ersten legalen Flasche Schnaps zum Achtzehnten teilt sich die Band die Bühnen in Europa und Übersee mit internationalen Schwergewichten.

Doch wie geht man nach so einem Kaltstart mit seinem Zweitwerk um? Der äußere Druck sei ihnen schnuppe, erklärten die Bandmitglieder. Wie dieses Schnuppe-Sein im Fall von Sizarr aussieht, lässt sich im Video zur Single »Scooter Accident« verfolgen. Als Kleinstadt-Marlon-Brando läuft Sänger und Gitarrist Fabian Altstötter über die örtliche Kirmes, Brust raus, Blick tief, Kippe im Mund. Er blutet, hat sich einen Schnitt im Gesicht eingefangen, aber das macht nichts, auf seinem Weg haut er dem Verursacher entschlossen eine rein. Augen zu und durch, sich bloß nicht beirren lassen!

Genau so funktioniert auch Nurture und scheint somit die bestmögliche Antwort auf die Erwartungen zu geben. Es ist ein erwachsenes und standesbewusstes Album geworden. Unter der erneuten Produktion von Markus Ganter stolzieren die zehn Songs mit breiter Brust und stechendem Blick über die Albumlänge wie Altstötter über den Rummel. Die drei jungen Musiker scheinen zu wissen, dass sie zehn ziemlich gute Songs unter dem Gürtel haben, sonst könnten sie nicht mit derartiger Konsequenz fortführen, was schon auf Psycho Boy Happy zu hören war: Auch Nurture enthält eine etwas abenteuerliche Mischung aus jenem leicht biederen Bleichgesichter-Reggae, wie ihn einst Sting mit The Police perfektionierte, und der Schnittmenge von Plastik-Soul der Achtziger und einer gesunden Portion Pathos. Klingt schrecklich? Ist es auch, nämlich schrecklich gut gemacht.

Mindestens die Hälfte der Songs ist hochinfektiös, geht direkt ins Ohr und bietet teilweise beeindruckende musikalische Arrangements. Allerdings endet das Video zu »Scooter Accident«, man ahnt es, mit einem Rollerunfall. Und auch Sizarr kommen nicht gänzlich unfallfrei aus der Sache raus. Die textliche Ebene mit ihrer offen zur Schau gestellten Jugendlichkeit (»Could you keep me off from school today? / My mum will make some lunch for two«) scheint der klanglichen Grandezza oft nicht wirklich gewachsen, und Altstötters Stimme wirkt an einigen Stellen zu schwachbrüstig. Dabei versuchen die Landauer eines zu meiden wie der Teufel das Weihwasser: wie eine deutsche Band zu klingen. Doch gerade diese Verbissenheit klingt an vielen Stellen nach Kirmes und Trunkenheit am Steuer eines Motorrollers – ganz schön deutsch nämlich.

Das komplette Album schon jetzt im Stream: