Roman-Debüt und Auftakt der Lesetour: Jochen Distelmeyer Otis

Distelmeyer Jochen (C) Frank Zauritz

Jochen Distelmeyer sagt nichts, was folgenlos bleibt. Dass er Tinte für 20 Bücher im Bauch habe, war so wenig Hülse und so viel Drohung und/oder Versprechen wie alles, was der Blumfeld-Sänger in zweieinhalb Dekaden über die Lippen und zu Papier brachte. Ab jetzt rumoren nur noch 19 Schinken im Bauch – Distelmeyers Debütroman Otis ist im Rowohlt-Verlag erschienen.

Und das, obwohl er im Interview mit Autor Thomas Vorreyer in der aktuellen SPEX °359 Zweifel an der Umsetzung einräumte: »Der Roman als bürgerliches Erbauungsformat hat mich nie interessiert und ich hatte nie vor, einen zu schreiben. Aber ich hatte da auf einmal einen Sound und eine Musikalität, die mich denken ließen: Okay, das wäre vielleicht doch reizvoll!« Und so ist Otis auch ein mit der Feder komponierter Soundtrack einer Stadt – Berlin im Jahre 2012: »Ich hatte den Eindruck, dass die Berlin-Romane, von denen so die Rede war, die Stadt vielleicht nicht angemessen dargestellt haben. Mir ging es nicht um eine Prekariats-Slacker-Geschichte, in der sich die Tristesse der Person in der Kaputtheit der Stadt widerspiegelt. Die Herzlichkeit der Leute, das Großzügige der Stadt, der Himmel, das Licht und die Luft. Das wollte ich einfangen und feiern.«

Berlin, diese Stadt mit Himmel, ist das Setting, in dem Tristan, ebenfalls mit Tinte im Bauch und überdies mit gebrochenem Herzen in der Brust, versucht, sich über seine gescheiterte Liaison hinwegzuschreiben und darüber als moderner Odysseus auf seinem ganz persönlichen Geisterschiff anheuert. Eine Irrfahrt »in einer individualisierten, neoliberalen Gesellschaft« beginnt. Tristan sei ein Geflüchteter und empfinde sich auch so – Link zur aktuellen Flüchtlingspolitik und nur eine vieler Brücken zwischen klassischen Romanmotiven wie der Odyssee und zeitgeistigen zwischenmenschlichen, immer auch (sozio)politischen Fragen, die Distelmeyer in diesem »Unterhaltungs-, genauer Liebesroman, in dem sich die Hauptfigur auf der Suche nach sich selbst mit Odysseus verwechselt«, schlägt. »Auch wenn das gerne anders erzählt und symbolpolitisch zu überdecken versucht wird, hat sich seit 1992 nicht viel geändert. Die politische Richtung ist gleich geblieben.«

Otis-Cover

Dass die Geschichte trotz ihrer griechisch-mythologischen Anleihen im Hier und Jetzt spielt, ist keine Überraschung, war Distelmeyer doch seit jeher ein scharfer Beobachter, mehr noch Vordenker des Zeitgeschehens, was sich auch in der detektivischen Herangehensweise an das Romanschreiben sowie der quasi-selbstverständlichen Grenz-Aufhebung von Erdachtem und Erfahrenem spiegelt: »Diese Trennung zwischen Fiktionalem und Realem, zwischen Aberglaube und normativer Kraft des Faktes, magisches Denken und Spiele einerseits und ›Wie es wirklich ist‹ andererseits kann nicht gemacht werden. Das tauchte auch schon auf meiner letzten Platte auf. Auch ›Wir müssen jetzt wieder der Realität ins Auge blicken!‹ ist nur eine Projektion, eine weitere Erzählung. Dieses Ineinander-verwoben-Sein von wirklichem Erleben und fiktionalem Gehalt und der Übergang dazwischen hat mich interessiert.«

Und so ist Otis das (erste von 19 – wir nehmen Sie beim Wort, Herr Distelmeyer) durchaus erwartbare Ergebnis eines akribischen Streifzugs durch die doch irgendwie immer mehr kaputte als sonnige Hauptstadtkulisse und ihre Zeitungsauslagen, der Bericht eines Spähers, der im Stande ist, brüllende Schlagzeilen in süßstimmig rezitierte Lyrik zu verwandeln und die Tinte in seinem Bauch zum Klingen zu bringen, auf eine andere Weise als er es bisher getan hat: »Wenn man Songs macht, Musik schreibt, dann ist der Körper anders involviert: Alles ist in Wallung, man schwingt anders mit und singt. Mit einem Gedicht oder Songtext kann man sogar einkaufen gehen. Beim Roman ist die Körperhaltung eine andere, ruhender aber auch in sich gekehrter, steifer. Das ist mir aber erst bei der Verschriftlichung der ersten 120 Seiten aufgefallen, vorher war es ja ein Sprechtext, den ich bis dahin auswendig konnte.«

SPEX präsentiert Jochen Distelmeyer auf Otis-Lesereise
03.02. Berlin – Babylon
08.02. Hamburg – Übel & Gefährlich
03.03. Bremen – Theater Bremen
04.03. Frankfurt a.M. – Mousonturm
05.03. Schorndorf – Manufaktur
06.03. St. Gallen (Schweiz) – Palace
09.03. München – Volkstheater
10.03. Ingolstadt – neun Kulturzentrum
11.03. Würzburg – Cafe Cairo
12.03. Leipzig – Werk 2
19.03. Düsseldorf – ZAKK
20.03. Köln – lit.COLOGNE / Kulturkirche Köln
21.03. Heidelberg – Karlstorbahnhof
24.03. Düdingen (Schweiz) – Bad Bonn
25.03. Zürich (Schweiz) – Bogen F Viadukt
26.03. Dornbirn (Österreich) – Spielboden
30.03. Wien (Österreich) – Brut / im Künstlerhaus
31.03. Erlangen – E-Werk
01.04. Dresden – Filmtheater Schauburg

Ein ausführliches Interview mit Blumfeld ist in der Printausgabe SPEX°355 erschienen, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann. In der aktuellen SPEX °359, die ebenfalls ab heute ohne zusätzliche Versandkosten geordert werden kann, findet sich ein umfangreiches Feature zu Jochen Distelmeyer und seinem Debütroman.

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