Atari Teenage Riot Reset

Unterirdisch ist auch Underground: Atari Teenage Riot vereinen auf Reset das Nötigste aus Moshrock, Eurodance und Weltpolitik in Metal-Rap-Punchzeilen.

War schon schön früher, oder? Damals, als man sich noch eindeutig zu den Guten zählen konnte und darum vollherzig Majorlabels schmähen, eine zünftige »Hetzjagd auf Nazis« veranstalten sowie mit Amen-Breaks und Speed Metal die »Mayday-HJ« niedermetzeln durfte. Aber was macht man, wenn man mit solcher Wut im Bauch älter wird? Wenn die Wut im Bauch selbst älter wird? »My anger is a gift«, darauf beharrt Alec Empire, smarter Typ, gutaussehend und intelligent, auf dem fünften Studioalbum seiner Band Atari Teenage Riot. Wirklich? Auf jeden Fall ergeben Zorn und Wut keine langfristig tragende ästhetische und inhaltliche Strategie. Zumindest nicht, wenn man seinen Groll nicht zwischendurch zügelt und ihn für neue Ziele zu neuen Energiestrahlen bündelt. Aber dazu gleich mehr. Festzuhalten ist zunächst, dass Atari Teenage Riot heute bei Metal-Festivals zwischen Stumpf-ist-Trumpf-Kalibern à la Limp Bizkit sowie neben den verdientermaßen ebenfalls in diese Sümpfe abgestiegenen Prodigy auftreten.

Aber Metal gab es schon immer bei ATR. Er sollte inmitten von Neunziger-Techno-Kommerz schlicht Furor und Raserei ausdrücken. Heute kritzelt sich die Sängerin Nic Endo nicht nur immer noch diese Mischung aus Kanji-Schriftzeichen und Zackenlogo ums Auge, sie ist auf aktuellen Pressefotos auch erblondet. Und dann haben ATR in dieser x-ten Reinkarnation natürlich wie immer auch diesmal wieder einen Rapper mit an Bord. Der hat sich den schönen Namen MC Rowdy Superstar zugelegt und ist, klar, dunkelhäutig. Moment, flippige Sängerin, dunkelhäutiger Rapper, smarter Produzent im Hintergrund – war da nicht mal was? Ach ja, Snap!, E-Rotic, Twenty 4 Seven, 2 Unlimited, Culture Beat … Ganz recht: Wo bei ATR früher Breakbeat und Acid die Tracks trugen, sind es jetzt, ausgerechnet, Neunziger-Kommerztechno und Hardtrance sowie in interessanteren Passagen auch mal der Überwältigungs-Sound eines Rustie. So hätte es jedenfalls geklungen, wenn The KLF die Jungs-Metal-Samples von alten Atari-ST-Ballerspielen geliebt und dann leider in fett nachproduziert hätten. Oder kurz gesagt: ATR vereinen heute das Beste aus den schönen Genres Mosh-Rock und Eurodance. Mit gebrüllten Rap-Zeilen und gehauchten Refrains mit tschörman Äksent. Was einen schließlich zu den Texten bringt.

Auf Reset geht es, natürlich, um Wikileaks und Edward Snowden, Medienmanipulationen durch multinationale Konzerne und die heldenhafte Hacker-Community sowie den Überwachungswahn der US-Regierung. Alles wichtige, relevante Themen. Nur leider zu komplex, um sich adäquat in einer Metal-Rap-Punchzeile unterbringen zu lassen. Und so belassen es Empire, Endo und Rowdy bei einem diffusen »Us versus them«, bei gebrülltem Raunen. Etwa bei der Vorabsingle »Modern Liars«, gewidmet allen »hackers, DJs, activists, riot grrrls«. Im zugehörigen Videoclip ziehen sich dicktittige Avatarfrauen in einer Sportarena Keulen über die dünn bekleideten Rücken, und Alec Empire deklamiert dazu von einer Hebebühne: »Algorithms, algorithms / Have you found your new religion? / Data hell or road to freedom / Tweak technology!« Zusätzlich gibt es folgende Verlautbarung dazu: »Die Warnung führender Hacker, dass Empires Daten von unbekannten Dritten permanent überwacht würden, hat bei ihm Illusionen zerstört und Weltanschauungen geändert.« Hm. Jetzt komm mir nicht mit: »SPEX ist ein gehirngewaschenes Mainstream-Medium.« Was unterirdisch ist, muss man auch so nennen. Ist ja immerhin auch eine Form von Underground.

  • David Davidson

    Genauer hinsehen sollte Spex schon hin und wieder.

    Rowdy Superstar ist einer der wenigen LGBT Rapper in der Szene London’s, er wurde von Mathew Herbert entdeckt, welcher auch dessen Solo Alben produziert hat.

    Rowdy darauf zu reduzieren, dass er „dunkelhäutig“ ist, ist rassistisch.

    Er unterscheidet sich extrem in Herkunft, Hintergrund und Stil von Carl Crack oder CX Kidtronik. Textlich sowieso.

    Seit wann sind Melt! Festival, Berlin Festival, Coachella, Fuji Rock, Les Eurockeenes, Fusion und alle anderen denn Metal Stumpf Festivals?

    Von ungefähr 30 Festivals spielt Atari Teenage Riot genau einmal auf dem französischen Metal Festival Hellfest, genau wie die Swans.

    Spex, Eure Versuche ATR in diese Ecke zu stellen, funktionieren leider einfach nicht.

    Die Texte kann man ja auf der Website nachlesen.
    Wikileaks kommt nicht einmal vor, Snowden auch nicht.

    Da ist Spex drei Jahre zu spät, das war das vorige Album.

  • PetraZwingel90

    Gerade wurde über den Artikel bei uns im Forum gesprochen. Ich kann es nicht glauben.

    Spex schiesst direkt gegen britischen Rapper und mein Lieblingskünstler Rowdy Superstar?

    Seit ich ihn mit Patrick Wolf sah, gehört mein Herz ihm <3

    Spex versprüht jetzt homophobe und rassistische Kritiken? Au weia. Das ist echt peinlich.

    Zur Musik von ATR kann man stehen wie man will. In Zeiten, in denen die Schwachköpfe von PEGIDA mal eben jeden Montag mehr Rechte ziehen als die Spex Leser hat, da BRAUCHEN WIR ATR mehr denn je.

    Das ist meine Meinung. Das neue Album knallt und wird hier einfach amateurhaft beschrieben.

    Petra

    • Florian Sievers

      Top Ass, wenn eine Polemik so viele Reaktionen zeitigt. Denn das ist, ATR werden es wissen, schließlich eines ihrer Ziele. Ich hoffe aber, es erwartet jetzt niemand, dass ich hier über Geschmacksurteile diskutierte. Und diese Musik ist meiner Meinung nach vollkommen geschmacklos – mit ihrer infernalischen Referenzmischung und ihrer auf einfache Effekte ausgerichteten Eindimensionalität (die aber eben vielleicht genau das Richtige für ihr anvisiertes Publikum ist).

      Ich finde auch, dass wir in diesen Zeiten VIEL, VIEL MEHR Musik mit eindeutiger politischer Haltung brauchen, mit klaren Anliegen, mit verstörenden, aufrüttelnden künstlerischen Strategien. Aber bei komplexen Problemen wie denen, die ATR hier anpacken (und klar geht es auch um Wikileaks und Snowden, wenn es wie hier um das Internet geht) wirkt blanke Wut halt stets ein bisschen stulle (auch wenn man ja selber oft schreien will).

      Noch schlimmer wird es, wenn sich jemand so ernst nimmt, dass er sich zu raunen traut, er persönlich werde nun von der dunklen Seite der Macht manipuliert. Verschwörungstheorien helfen nicht nur noch weniger weiter als zorniges Gebrüll, sie machen auch noch blind für die wirklichen Zusammenhänge. Da bringen auch CCC-Keynotes nichts.

      Und ob MC Rowdy Superstar nun Rapper ist oder nicht (siehe etwa die Tweet-Diskussion, welche die lieben Kollegen von Noisey losgetreten haben), darüber kann man anscheinend geteilter Meinung sein – wie auch die unterschiedlichen Einschätzungen hier zeigen. Darüber aber, ob er nun schwul ist oder nicht, sollten wir keine weiteren Worte verlieren, denn es ist: vollkommen egal. Man kann tatsächlich einen Musiker schlecht finden – EGAL, ob er lieber Männer oder Frauen mag. Schreibt sich dann halt immer so flockig und leicht hin, „homophob“, ebenso wie „rassistisch“ oder die immer gut klingende Mär vom „Verfall“ (der Spex, der Jugend, der abendländischen Kultur…)

      ATR schreiben: „You know you are right, when haters make shit up that is not true, they justify their hate, because they can’t attack you otherwise.“ Ich denke: Ja, klar. Aber manchmal hat halt auch jemand zu Recht was zu meckern.

      • Christian

        Lieber Florian Sievers,
        mach es nicht noch schlimmer. Ich habe mir jetzt einmal die Texte genauer angeschaut. Hier mal ein Beispiel.
        Der einzige Song, in dem es um Überwachung wie die NSA geht, heisst ‚Erase Your Face‘.
        Lies Dir mal diesen Text durch, und dann versuch uns Deine Quatsch Review nochmal zu verkaufen.
        Ich habe lange auf Meinungen von Musikern gewartet, und Alec Empire hat mit Abstand den besten Text dazu abgeliefert. Lies es selbst.

        Text: Atari Teenage Riot – Erase Your Face

        I get out of the house and walk towards the station
        It’s dark , deserted I’m feeling lonely but connected
        Every move is being recorded and I know it
        but my anger is a gift
        and my biggest secret is that I actually stopped existing
        Erase Your Face
        I’m surprised how indifferent so many feel about the US surveillance scandal.
        Look up Germany’s history. I have spoken to people who lived in Nazi and Eastern Socialist Germany –
        the spying on your life by the State is one thing, but what it does to your friends and family in the long run is beyond anything you can imagine right now.
        You lose trust in people you love, every conversation becomes half lie/ half truth. It becomes part of EVERYBODY’s lives. Nobody is an exception.
        Ignore music, games or whatever you do right now and research the topic.
        Anything you have said in the past can be twisted against you in a surveillance state. Made the wrong joke in ‚private‘? You are constantly being blackmailed by those in ‚charge‘.
        History has shown that these types of societies never last, they get so corrupted with lies that many people will suffer in the end.
        Everybody loses

        • Florian Sievers

          Hallo Christian,

          aha.

          -Es gibt einen Text über (NSA)-Überwachung –> Ja, genau.

          -Und Alec Empire vermischt hier fröhlich Gestapo und Stasi (wo
          staatliche Einrichtungen Menschen gegen deren Willen ausspioniert haben) mit den NSA-Aktivitäten, die als Geheimdienst ja meist nur ausnutzt, dass
          Leute blöd genug sind, bei Facebook, Twitter, Google-Mail et.al.
          freiwillig ihre Daten abzuliefern (mit oldschool Raum- oder
          Telefonüberwachung geht die NSA ja nur selten zu Werke) -> das ist ziemlich
          simpel, und unterschiedliche Überwachungsproblematiken werden auf einen Nenner runtergekürzt, die Texte
          werden darum der komplexen Problematik nicht gerecht.

          -Und ich stimme Dir zu (und habe ja auch schon zugestimmt), dass
          viel zu wenige Künstler Positionen dagegen aufmachen – wohl auch, eben
          WEIL die meisten leider daran verzweifeln, dass die Sache so kompliziert
          und abstrakt ist.

          Was also ist Dein Punkt?

          Ich habe übrigens keine Ahnung, wen Du mit „uns“ meinst, also
          „Euch“, denen ich etwas „verkaufen“ will. Der (schweigenden) Mehrheit
          der Internet-Nutzer? Dem ATR-Fan-Forum? Und ich sehe auch nicht, dass es
          ein großes Gericht gibt, vor dem ich etwas „schlimmer“ machen könnte.

      • Rapper da dunkelhäutig = gecasteter Statist,

        blonde Sängerin = gecastete Statistin, da angeblich blond

        Wetten, dass der selbsternannte Kritiker Florian Sievers helle Hautfarbe hat, männlich und aus der Mittelschicht kommt?

        Hat Spex bestimmt auch gecastet, damit die Zielgruppe erreicht wird.

        Florian Sievers fällt sein rassistisch, sexistisches Denkschema nicht einmal auf.

        Arm.

        Grüße aus dem Netz,

        Svenja

        • Florian Sievers

          Ist mir was entgangen? Soweit ich das lesen kann, habe ich gar nichts von „gecastet“ geschrieben.

          Und es tut für mich nichts zur Sache, dass das ein Bandmitglied eine Frau ist und ein anderes dunkle Haut hat – außer dass es mich an dieses 90er-Bandmodell erinnert. Wie gesagt: „sexistisch“ und „rassistisch“ schreibt sich immer flockig dahin. Klingt ja auch so schön krass nach Skandal. Auf so was wie Deine Anmerkungen zu meiner Hautfarbe und meinem sozialen Hintergrund muss ich angesichts dessen ja wohl nicht weiter eingehen.

          Schöne Grüße zurück ins Netz,

          Florian

          P.S. Zum Glück kann man sich zum Kritiker nur selbst ernennen, so wie Ihr meine Kritik hier selbsternannt kritisiert. Wäre ja schrecklich, wenn es eine Instanz gäbe, die einen dazu ernennen muss, und man dürfte nur dann kritisieren.

  • Christian

    Dieser Review kann ich nicht zustimmen. Sie sagt leider viel über den Verfall der Spex aus.

    Alec Empire sprach auf dem Chaos Computer Kongress die Keynote und hier kann man sie nachlesen. Ich habe mir die Texte durchgelesen, es gibt eben kein „Us vs Them“.

    http://atari-teenage-riot.tumblr.com/post/106445636152/31c3-a-new-dawn-alec-empire-full-text-incl?utm_campaign=SharedPost&utm_medium=Email&utm_source=TumblriOS

    Lasst Euch die Texte übersetzen, falls Englisch zu hoch für Euch ist.

    Liebe Spex, Ihr könnt nicht so weitermachen. Ihr seid zu oft zu spät am Thema.

    Und das sagt ein langjähriger Leser.

    Gruß,

    Christian

  • DavidMeiers

    Dank Noisey gerade diese unerträgliche Review von Florian Sievers gelesen.

    Schwulenfeindlich, rassistisch und was noch nicht erwähnt wurde auch sexistisch:
    „sie (Nic Endo) ist auf aktuellen Pressefotos auch erblondet.“

    Sind jetzt blonde Frauen dumm oder was? Spex in der schnellen Abwärtsspirale.
    Nic Endo hat übrigens hellrote Haare, und das Photo ist schwarz weiss.
    Herr Sievers liegt schon wieder komplett daneben.

    Wo er auch daneben liegt, ist bei „tschörman Äksent“. Rowdy Superstar hat einen englischen Akzent und keinen deutschen, aber er ist ja „dunkelhäutig“, wie es ja kaum Rapper sind auf der Welt. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein britischer Rapper „dunkelhäutig“ ist, ist nunmal sehr hoch.

    Dass die Spex Alec Empire zum Abschuß freigegeben hat, ist wirklich schade für Spex.

    Er ist einer der besten Produzenten, die wir hier in Deutschland haben.

    Natürlich ist nicht alles gut, was der Mann schafft, aber Ihr seit hier einfach nur respektlos.

    Florian Sievers schadet mit seinen Stammtisch Reviews der Spex.
    Spätestens da solltet Ihr aufwachen.

    Bessert Euch bitte schnell, große Alternativen haben wir ja nicht.

    Guten Morgen,

    David

    ps: Mein Avatar Bild ist Johnny Cash, und kein Nazi General, falls Florian Sievers, der Musikexperte das jetzt denken sollte. LOL

  • Karsten_Busse

    Googlen Sie mal Atari Teenage Riot und Anonymous Sony Hack.

    Wenn jemand über Thema wie Online Überwachung singen darf, dann sind es Alec Empire & Co.

    Der Chaos Computer Club lässt nicht umsonst Alec Empire sprechen. Er ist Teil dieser Szene.

    Sie als Journalist sollten sich eigentlich gegen die Überwachung von Emailverkehr und Ausspähung der Privatsphäre aussprechen.

    Das Schlimme an Ihrer Kritik ist, dass Sie einfach nur auf die Texte hätten achten können, bevor Sie unreflektiert loslegen.

    • Hab vorhin auch das Tweet gesehen. Recht hast Du, Florian Sievers hat nicht einmal gegoogelt, um sich Wissen anzueignen.

      Wahrscheinlich ist das Rache dafür, daß ATR sich nicht mit Anzeigen eingekauft haben. Typisch Musikjournalist halt.

      Dass so jemand wie Florian Sievers dagegen ist, daß man sich öffentlich kritisch zur Überwachung äussert, ist offensichtlich.

      • Florian Sievers

        Hallo Svenja, kennen wir uns? Weil Du schreibst „so jemand wie Florian Sievers“. Ich bin jedenfalls sogar sehr dafür, dass sich jemand öffentlich kritisch zur Überwachung äußert. Würde solche Äußerungen aber mehr wertschätzen, wenn sie nicht zusammen mit solch grottiger Musik und nur als unterkomplexe Phrasen daherkämen.