Sonae Far Away Is Right Around The Corner

Atmosphärisches Kippspiel von einem Debütalbum: Auf Sonaes Far Away Is Right Around The Corner wird eisig geatmet und plüschig gemauschelt.

Draußen wäre so schön. Gäbe es da nicht all diese Menschen, den Dreck, die Kälte, den Lärm. Da ist es allemal besser, eine Illusion dieses Draußen in eine heimelige, aseptische Gemütlichkeit zu verlagern. Dahin, wo Jogginghosen jederzeit klar gehen und die WiFi-Verbindung nicht ruckelt. Far Away Is Right Around The Corner, behauptet die Kölner Musikerin Sonae mit ihrem Debütalbum, dessen kratzige Feldaufnahmen die reine Täuschung sind: Die Webseite freesound.org und nicht etwa die freie Weite der Außenwelt ist die Quelle ihres Ambient-Electronica-Amalgams. »Gewitterspaziergang«, »Wandering« – von wegen! Diese Klänge funken durch den Äther von einem Elfenbeinturm zum nächsten. Oder? Nicht wirklich. So introvertiert die zehn Tracks dieser Platte auch klingen, sie sind es nur vordergründig.

Freundschaft und Coming-of-age-Trubel sollen zwei von Sonaes Hauptthemen sein. Zarte Gefühle auf der einen, hässliche Realitäten auf der anderen Seite. Dazwischen spannt es, knistert die Luft vor Elektrizität. Die Musik auf dem Album steht immer kurz vor dem Ausbruch. Das modrige Klaviermotiv vom »Song Of Hate And Anger« donnert entfernt im Hintergrund und wird schlussendlich von weißem Rauschen verschluckt, der muffige Beat von »Einfach So« fängt nie an zu galoppieren, und »Überwindung« übt sich in Selbstdisziplin, anstatt sich auszukotzen. Ist das als Defätismus zu verstehen oder als Verdrängungsstrategie?

Sonae, die 2012 mit einer EP beim Label A Strangely Isolated Place debütierte, spielt Schönheit gegen Zerfall aus, kultiviert Widersprüche und Uneindeutigkeiten. Far Away Is Right Around The Corner bereitet ein Maximum an Mauscheligkeit, füllt jede Ritze mit Plüschgefühl aus. Zugleich fährt es aber auch mit frostigem Atem wie ein plötzlicher Luftzug durch die Nackenhaare, als Erinnerung daran, dass sich draußen immer noch zu viele Menschen, der Dreck, die Kälte und der Lärm zu einem großen, grauen Klumpen zusammenballen. Das macht dieses atmosphärische Kippspiel von einem Debütalbum in seinem Genre zu etwas Besonderem. Wo sich Ambient als Rahmen ohne Bild, als gleichermaßen interessante wie ignorierbare akustische Raufasertapete definiert, weltflüchtelt es als pragmatischer Feierabendeskapismus allzu oft vor sich hin. In Sonaes von unheimlichen Fäden durchzogenen Kompositionen hingegen liegt das Draußen direkt ums Eck – und damit all seine Übel. Das Unheimliche wird zum hartnäckigen Wiedergänger. Draußen könnte so schön sein. Drinnen zu bleiben ist jedenfalls keine nachhaltige Option.