Die Zahlen hinter Tomorrow’s Modern Boxes

Die überraschende Veröffentlichung von Thom Yorkes Tomorrow’s Modern Boxes am Freitag war ein von BitTorrent selbst initiierter Marketingcoup. Finanziell profitiert haben dabei jedoch beide Seiten kräftig.

»I am trying something new, don’t know how it will go. but here it is:)« So kommentierte Thom Yorke selbst die Veröffentlichung seines neuen Soloalbums am Freitag via Twitter. Tomorrow’s Modern Boxes erschien ohne große Vorankündigung als sogenanntes Bundle über das Filesharing-Protokoll BitTorrent.

Die Idee zu dem ungewöhnlichen Veröffentlichungsweg stammt aber von BitTorrent selbst, wie Matt Manson, bei BitTorrent für die Inhalte verantwortlich, nun in einem Interview mit The Fader angab. Seit zwei Jahren sei er erst mit dem Management von Radiohead, dann mit Produzent Nigel Godrich und schließlich mit Thom Yorke in Kontakt gewesen. Das Ganze ist also in erster Linie eine Promoaktion für BitTorrent, das derzeit über 170 Millionen Nutzer verfügt.

»Thom war sich all dieser Sachen sehr bewusst, er sagte: ›Das ist ein Experiment. Ich will sehen, wozu ihr in der Lage seid.‹«, so Matt Mason. Das Experiment scheint sich bereits innerhalb weniger Tage gelohnt zu haben. Dafür muss man nur einmal die Zahler der Veröffentlichung mit denen einer normalen via iTunes vergleichen.

So behält iTunes 30% von den 0,99 $ ein, die eine Mp3 dort im Normalfall kostet. Macht bei den acht Stücken von Tomorrow’s Modern Boxes in der Summe 5,60 $. Davon müssen allerdings noch die Kosten für den Digitalvertrieb abgezogen werden. Der Rest bliebe bei Thom Yorke, da er das Album selbst und ohne Label veröffentlicht hat – wobei er darauf bei einer regulären Veröffentlichung wohl verzichtet hätte.

Bei BitTorrent kostet das Album als Bundle 6 $. Laut Matt Mason behält der Dienst – wie auch die Plattform Bandcamp – 10% des Preises ein. Macht für Yorkes Unternehmung 5,40 $ pro Kauf – also unterm Strich wohl sogar mehr als bei iTunes. Und aktuell über 381.300 Downloads (Stand: Heute, 12:44) bedeuten schließlich einen Umsatz von bis zu etwas mehr als zwei Millionen US-Dollar – »bis zu«, da BitTorrent bei den Downloadzahlen auch jene der Gratisversion des Bundles mitzählt. Diese Version enthält allerdings nur einen einzigen Song (»A Brain In  A Bottle«).

Wenn man nun zusätzlich in Betracht zieht, dass etwa jeder Vierte aus zehn Hörern damals In Rainbows digital gegen einen selbst festgelegten Preis größer null erwarb, obwohl er das Album auch kostenlos hätte bekommen können, dann erscheint es angemessen, dass immerhin die Hälfte aller Downloads von Tomorrow’s Modern Boxes auf die Bezahl-Variante entfielen. Dass der Preis für die Konsumentin am Ende niedriger ist, als von iTunes & Co gewohnt, dürfte den Verkauf obendrein noch befeuert haben.

Auf Wunsch des Künstlers, so BitTorrent auf Anfrage, will man das genaue Verhältnis jedenfalls vorerst nicht veröffentlichen. Für den Dienst selbst bleiben unter den getroffenen Annahmen jedenfalls mehr als 200.000 bzw. 100.000 $. Die üblichen Gebühren, Produktions- und Verwaltungskosten fallen natürlich in beiden Modellen – ob klassischer MP3-Store oder eben BitTorrent-Bundle – an.

Anders als noch bei In Rainbows ist Thom Yorke in diesem Fall allerdings nicht einer der Ersten, die den neuen Vertriebsweg nutzen. Offizielle BitTorrent-Bundles als Gratis- und als Kaufversion gibt bereits von Madonna, Public Enemy, De La Soul, Moby, Ramona Lisa oder Atari Teenage Riot – auch in Einverständnis mit ihren Labels, darunter alle Majors.

Matt Mason sagt weiterhin, dass BitTorrents die Labels nicht ersetzen will, sondern: »Die Idee ist, dass BitTorrent Bundles eine (neue) Lösung für Labels sind.« Vor allem will man den tatsächlichen Verkauf von Musik gegenüber der Einbahnstraße des (Abo-)Streamings wieder attraktiver machen. Da passt Yorke als erklärter Gegner von Diensten wie Spotify natürlich gut rein. BitTorrent bewegt sich zudem auch in anderen Unterhaltungsbereichen: Das Making-of zu der Re-Enactment-Dokumentation The Act Of Killing erzielte etwa – nach großflächiger Bewerbung über die Plattform – 3,5 Millionen Downloads als BitTorrent-Bundle.

Wir halten fest: Thom Yorke verkauft seine Musik über BitTorrent zwar verbilligt, er selbst verdient aber in jedem Fall nicht weniger – wenn nicht gar mehr – daran. Eine in Anbetracht der gegenwärtigen Situation der Musikindustrie eine sehr erfreuliche Nachricht, gerade für die Konsumenten. Deshalb bleibt der stolze Preis von 30 £ bzw. 40 € für eine einzige 180g-Vinyl-Scheibe – allerdings inklusive WAV- und FLAC-Versionen, Verpackung, Porto und einer metallbedampft laminierten antistatischen Hülle – doch verhältnismäßig teuer.

PS: Während dieser Artikel geschrieben wurde sind nochmals rund 12.900 Downloads bzw. bis zu 70.000 $ dazugekommen.

*In einer früheren Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, die Downloadzahlen würden nur die Bezahlvariante des BitTorrent-Bundles angeben. Wir haben den Fehler korrigiert.

  • Rasmus Jagelitz

    Könnte im Anschluss daran vielleicht noch eine grausige Satzkonstruktion wie:
    „Thom Yorke verkauft seine Musik über BitTorrent zwar verbilligt,
    verdienen tut er daran aber in jedem Fall nicht weniger, wenn nicht gar
    mehr.“ korrigiert werden ?
    Was tut eigentlich ein online-Lektor bei spex verdienen ?
    In jedem Fall wohl eher weniger als gar notwendig wäre.
    ;)

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