Der jüdische Patient: Ein erster Auszug aus Oliver Polaks neuem Buch

Nächste Woche veröffentlicht Oliver Polak Der jüdische Patient – ein Buch, für das er seine Depressionserfahrungen verdichtet hat. Wir präsentieren erstmals eine Leseprobe der ersten Seiten.

»Ein normales Antidepressivum fängt dich unten auf – es limitiert dich aber auch nach oben.« Das Zitat stammt von Oliver Polak. Gefallen ist es in dem gemeinsamen Gespräch mit Sven Regener über Kunst mit und gegen Depressionen, das wir in unserer aktuellen Ausgabe in dem Schwerpunkt »POP & Depression« veröffentlicht haben. Der Stand-up-Comedian und Autor (Ich darf das, ich bin Jude) spricht aus Erfahrung: Auch Polak hatte Depressionen und hat diese samt der folgenden Therapie in seinem neuen Buch, Der jüdische Patient, welches am 2. Oktober bei KiWi erscheint, verarbeitet.

Die Auftaktseiten daraus werden in den nächsten vorab online veröffentlicht. Wir können nachfolgend die ersten beiden erstmals präsentieren.

Prolog

Ich hasse mich. Inzwischen nehme ich seit fünf Monaten Mirtazapin, ein Antidepressivum. Ich wollte niemals so etwas nehmen, nur ging es ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiter. Das Absurde an diesem Präparat ist, dass es mir, seit ich es nehme, massiv schlechter geht. Ich habe dreißig Kilo zugenommen und komme an manchen Tagen gar nicht mehr aus dem Bett. Ich atme schwer, mein Sexualtrieb ähnelt dem eines Pappbechers und die Vorhänge in meinem Zimmer wurden das letzte Mal vor Wochen geöffnet. Mein Telefon nehme ich seit Tagen nicht mehr ab, Mails bleiben unbeantwortet und ich sehe nicht einmal mehr fern. Meine Freunde hinterfrage ich, manche verachte ich zutiefst. Mirtazapin ist eher ein Anti-Antidepressivum. Ich bin durch. Enddurch.

An diesem tristen Novembermorgen entscheide ich endlich, dass ich dieses Gift nicht mehr nehmen will. Langsam krieche ich aus dem Bett, versuche mich aufzurichten, indem ich die Hände gegen die Wand presse und mich mit letzter Kraft dagegenstemme.

Meine Knie, die von den hundertdreißig Kilo überfordert sind, schmerzen so fucking sehr.

*

Ich bewege mich wie Marcel Marceau durch die abgedunkelte Wohnung, ziehe eine Jogginghose und ein Sweatshirt an, schnappe mir den Autoschlüssel und schleppe mich die Treppen runter, vorbei an dem hippen Asiarestaurant, wo mich die Gäste anstarren und der Kellner mir noch ein »Lächel doch mal!« hinterherruft. Fuck off.

Ich gehe rüber zu meinem zugemüllten Auto, das im Halteverbot steht. Unter den Scheibenwischern stecken gefühlte dreißig Strafzettel. McDonald’s-Verpackungen, Burger-King-Essensreste, Adiletten, Papier, Leergut und mittlerweile vielleicht auch tote Insekten verdecken den Boden meines Autos. Ich lasse mich in den Fahrersitz fallen, starte den Wagen und bin froh, dass er überhaupt anspringt. Das Autoradio geht an, Hallowed be thy Name von Iron Maiden, so, so laut, aber selbst die Musik kommt nicht mehr an mich heran, durch meinen Panzer, durch das Medikament. Mein Herz ist ausgestöpselt, abgekappt von mir.

Ich fahre durch den Regen nach Wedding, zur Praxis meiner Psychologin, zwischendurch halte ich zwei Mal an, weil ich mich unter leichten Panikattacken am Straßenrand übergeben muss. Jämmerlich.

Ich schleppe mich die Treppen zur Arztpraxis hinauf, melde mich bei der eiskalten Sprechstundenhilfe an und warte. Ich hasse Wartezimmer, sie sind schlimmer als Viehtransporte! Dreißig kranke Leute in einem kleinen, ungelüfteten Zimmer eingepfercht. Nur traurige Gesichter um mich herum, Leute, die …

Morgen geht es weiter auf splash-mag.com.