Vow & Body Betrayal: Der Vorschein einer anderen Weise

Body Betrayal – eine laute, schnelle kathartische Antwort   Foto: Josie Simonet

Alles queer? Nicht ganz: Mit Hardcore-Band Body Betrayal und Dream-Pop-Duo Vow erscheinen auf dem Label Our Voltage zwei Bands, die ihre sexualpolitischen Aussagen mit Kunst und Körper transportieren. 

»Kritik hat kein Geschlecht«, heißt es in einem Text des 2013 erschienenen Readers Riot Grrrl Revisited. Eine nahezu banale Feststellung, die aber zwei Jahrzehnte nach Riot Grrrl anscheinend den Mainstream erreicht hat: Kritik am sozial konstruierten Geschlecht wird – zumindest in unserer westlichen Welt – immer lauter, feministische Diskurse wecken das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit. Vojin Saša Vukadinović berichtet im Essay Boys In The Back, aus dem der obige Halbsatz stammt, wie Bikini Kill, Team Dresch und Sleater-Kinney sein Leben verändert haben. Riot Grrrl ist mittlerweile passé, die letzten wichtigen Queercore-Labels machten vor gut zehn Jahren dicht. Im Zuge seiner akademischen Karriere hatte sich auch Vukadinović zwischenzeitlich von Punk und Hardcore verabschiedet. Aktuell promoviert er über den Zusammenhang von Antifeminismus, Homophobie und Linksterrorismus in der BRD der Siebzigerjahre.

Motiviert durch die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit gründete Vukadinović vor kurzem auch das Label Our Voltage. »Riot Grrrl und Queercore waren zu ihrer Hochzeit das Aufregendste, was es gab, Laboratorium und Schutzschild in einem«, erzählt er, distanziert sich aber gleich von jeder Nostalgie: »Our Voltage soll ein Label mit sexualpolitischer Agenda sein, das nicht auf einer Retroschiene fährt, sondern die damals aufgeworfenen Fragen vor einem neuen Hintergrund stellt.« Braucht es das heutzutage noch? Und wenn ja, was kann die subkulturelle Kritik an tradierten Geschlechtsnormen erreichen?

Die auf Our Voltage debütierenden Body Betrayal geben darauf eine laute, schnelle und kathartische Antwort. Das Quartett aus Seattle reiht sich in die Tradition des Queercore ein, um Identifikationsflächen zu schaffen. »Ich habe gemischte Gefühle, was den Ausdruck ›queer‹ anbelangt, möchte aber, dass andere Queerdos unsere Platte finden«, stellt Frances Gregory, bei Body Betrayal für Gesang und Texte verantwortlich, klar. »Für den Moment ist Body Betrayal eine Vereinfachung, die darauf verweist, dass es neben verschnarchten cis-heteropatriarchalischen Bands noch etwas anderes gibt.« Gitarrist Matthew Pancakes fügt hinzu: »Bands wie Rape Revenge, RVIVR oder Behead The Prophet dabei zuzusehen, wie sie Geschlecht, Patriarchat und andere Formen von Unterdrückung in Frage stellten, hat mich dazu inspiriert, ein ähnliches Projekt zu starten.«

Body Betrayal wollen keine Vorbildfunktion einnehmen, sondern die Impulse weitergeben, die sie selbst zur Gründung der vierköpfigen Band bewegt haben. Nicht allein mit ihrer Musik. Das Artwork ihrer unbetitelten Debüt-EP, die neben zwei bereits auf einer Split-Kassette mit der Band Disparate erschienenen Songs vier weitere enthält, hat Gregory angefertigt. Das Cover der einseitig bespielten Schallplatte zeigt einen entblößten weiblichen Schoß. Das Geschlecht ist hinter Schamhaaren verborgen, der Oberkörper abgeschnitten. In Beinen und Hüften klaffen Einschnitte, aus denen Flammen schlagen. Eingehüllt wird die schwarz-weiße Illustration von einem mit Blümchen bestickten Bildrahmen. Der kaputte Körper trifft auf einen sozialen Käfig, ist selbst ein Soft Cage, wie die EP heißt.

»Ich ringe mit selbstverletzendem Verhalten«, sagt Gregory, angesprochen auf die Symbolik des Covers. »Es fühlt sich häufig an, als sei mein Körper eine brennende Leerstelle, die ruiniert werden möchte. Manchmal glaube ich, mir sei es nicht erlaubt, darüber zu sprechen, obwohl es doch um meine gelebten Erfahrungen geht. Das Cover stellt den Versuch dar, diese Gefühle ohne die damit einhergehende Scham oder die bizarre Form von Erotisierung, die von außen an Frauen oder genderqueere Personen herangetragen wird, zurückzuerobern.« Die drastische visuelle Konfrontation entspringt einer Empowerment-Strategie. Ähnlich konfliktwillig ist auch die Musik Body Betrayals, ein wirbelnder Stilmix aus Hardcore und erratischen Powerviolence-Elementen. Kaum elf Minuten dauert Soft Cage, danach ist – fürs Erste – alles gesagt. Als »antidialogisch« bezeichnet Labelbetreiber Vukadinović das, wofür die Band einsteht. Musik, die zum Zuhören auffordert, ohne übergriffig zu werden oder für ihre Aggression ein Objekt zu suchen. Explosiver Ausdruck gelebter Erfahrung, nicht grauer Theorie.

Dass Gregorys Texte zu Songs wie »My Gender Is Queer« den Zeigefinger lieber in die eigenen Wunden legen statt ihn zu erheben, macht sie umso stärker. »Ich hoffe, durch unsere Musik Verbindungen mit anderen Menschen herzustellen«, sagt Gregory. »Orte zu schaffen, die sich für mich und die Menschen, die mir ähnlich sind, gut anfühlen.« Energie soll in Synergie transformiert werden, die Verarbeitung eines Einzelschicksals die Gemeinschaft ermöglichen. Das ist Hardcore im ursprünglichen, besten Sinne. »Es geht darum, Formen zu finden, die nicht allein das Schlechte zum Ausgangspunkt nehmen, sondern danach fragen, wie in der Welt zu leben sein könnte«, bringt Vukadinović die Philosophie seines Labels und die Motivation von Body Betrayal auf einen Nenner.

Body Betrayal fletschen vor Wut die Zähne, zubeißen würden sie aus Respekt aber nicht. Sie wollen sich Gehör verschaffen, ohne sich als Unterdrückte zu stilisieren. Die einzige Forderung, die durch das Tosen und Toben von Soft Cage hindurchscheint, ist die nach Akzeptanz und Empathie. Sechsmal findet der Mangel an beidem auf ihrer EP einen krachigen Ausdruck. Trotzdem besteht der Mangel weiter, denn so einfach sind die Dinge noch lange nicht.

Das scheinen sie höchstens im Song »Cypress«. Über einer fröhlich hüpfenden Piano-Melodie kullern kuriose Sounds, bricht sich eine Stimme Bahn. Weiblich klingt die, singt einen »boy« an: »Come my way, come my way, boy / And under cypress let us meet late.« Da haben wir es, das klassische Popnarrativ, boy meets girl, Techtelmechtel nicht ausgeschlossen. Heteronormativ durch und durch. Oder? Nein. Tatsächlich handelt es sich um ein abgewandeltes Zitat, entnommen sind die Verse Was ihr wollt von William Shakespeare, der Crossdressing-Komödie des 17. Jahrhunderts, in der sich Gräfin Olivia in die als Mann verkleidete Viola verliebt. In der Aufführungspraxis der Zeit bedeutete diese Konstellation, dass ein Mann eine Frau spielt, die einen Mann begehrt, der eigentlich eine Frau im Drag ist, gespielt von einem Mann. Nichts an »Cypress« ist so simpel, wie es zuerst klingt. Hier werden subtil die Verhältnisse verkehrt.

VOWCollagen, statt Reduzierungen: Vow   Foto: Jennifer Endom

»Wir haben keinen politisch-dogmatischen Anspruch, unser Vorgehen ist subversiv«, stimmt Fender Schrade zu. »Unser Anspruch ist, keine feste, endgültige Form zu schaffen, sondern klanglich und visuell fließend zu bleiben und auf diese Weise miteinander und mit dem Publikum zu kommunizieren«, so Linda Wölfel. »Wir«, das sind Vow, »Cypress«, das ist einer von zwei Songs, die im 7-Inch-Format ebenfalls auf Our Voltage erschienen sind. Stilistisch trennen Vow Welten von Body Betrayal, die Haltungen aber ähneln sich. »Ich stehe dem Trans*-Aktivismus nahe. Da wir einen queer- und transfeministischen Hintergrund haben und ich als Trans*-Musiker sichtbar bin, schaffen Vow Repräsentation und Sichtbarkeit von trans* und queeren Identitäten in Musik und Kunst. Das ist politisch«, so Schrade.

Auf ein griffiges Label wollen sich Vow aber ebenfalls nicht reduzieren lassen. »Wir sind unter anderem queer, aber auch viel anderes«, sagt Wölfel. »Als Beschreibung ist der Begriff schwierig, an manchen Stellen aber haut er hin. Wir haben ›queer‹ selbst als Schlagwort benutzt, aber immer mit anderen Begriffen kombiniert. Allein fände ich es zu eindimensional«. Die reine Präsenz von Vow ist bereits Politikum, agitatorische Phrasen gibt es nicht zu hören. Auch das wäre natürlich zu simpel. Kennengelernt haben sie sich bei Auftritten von Wölfels Band Rhythm King And Her Friends, das erste gemeinsame Projekt war eine Vertonung von Truman Capotes Die Grasharfe. Musik und Literatur gingen von Anfang an Hand in Hand. Nicht nur Textsplitter aus dem Werk Shakespeares, auch Verse von Virginia Woolf oder Sylvia Plath finden sich abgewandelt in den Lyrics wieder. Wie bei Body Betrayal ergänzen sich Musik und Artwork, Vow jedoch setzen vor allem auf das Collageverfahren.

»Unsere Umwelt, die Arbeitssituation, in der wir uns befinden, der Alltag und das, was wir zusammen erleben, wirken sich stark auf unsere Musik aus«, erklärt Schrade das Zusammenspiel von Banjos, Mundharmonika und Schneebesenklängen, das sich um Gitarrenakkorde und Klaviermelodien rankt. In den Songs von Vow gibt auch mal die Aufnahme eines Herzschlags im wahrsten Sinne des Wortes den Takt an. Einen dezidiert konzeptionellen Ansatz gebe es aber nicht, betonen die beiden. Vow finden ihre Ausdrucksform in der Transformation: »Für mich ist eine Platte wie ein Archiv voller Snapshots«, sagt Schrade. Die Live-Versionen von Vow-Songs unterscheiden sich oft merklich von den Studioaufnahmen, die auf der 2013 veröffentlichten Summer-Lightning-EP oder der neuen 7-Inch zu hören sind. Die klassischen Formate werden weiter und weiter modifiziert.

Das lässt sich als Strategie auslegen. Geht es in den Texten von Vow häufig um Körperlichkeit, die Definitionsmacht des Blickes und somit immer auch um Grenzen, entzieht sich die Musik eben jenen durch ständige Verwandlung. »Das hat wohl schon etwas Queeres«, räumt Schrade ein. Selbst Vukadinović, der das Wort wegen seiner theoretischen Überfrachtung und alltagssprachlichen Kommodifizierung meidet, stellt fest: »Wenn es ein queeres Element bei Our Voltage gibt, dann das: Stilgrenzen werden aufgehoben.« Das macht jedoch nicht die Essenz von Our Voltage, Body Betrayal oder Vow aus, sondern ist nur Resultat dessen, wofür die Menschen hinter den Projekten einstehen.

»Kritik hat kein Geschlecht«, heißt es, wie eingangs erwähnt, in dem Essay, der die Initialzündung für die Gründung von Our Voltage geliefert hat. Der Satz geht weiter: »Freude auch nicht.« Scheinbar banale Worte, die bei Body Betrayal und Vow widerhallen. In der Musik beider Bands leuchtet der »Vorschein, von einer anderen Weise zu sein, selbst wenn es nur ein Spalt ist«, den Labelbetreiber Vukadinović Vow attestiert. Eine Weise, jenseits der binären Geschlechterordnungen, Ausgrenzungsmechanismen und Begriffe zu leben. Eine Weise, Mensch zu sein. Und das wird es wohl immer brauchen.

Dieser Artikel erschien erstmals in SPEX N°354. Die Ausgabe kann noch immer als Back-Issue versandkostenfrei in unserem Online-Shop bestellt werden.