Über Musikjournalismus: »Lass das bei ’nem Bier besprechen!«

Wie wir leben wollen N° 1

Nur noch die eigene Bequemlichkeit scheint den deutschen Musikjournalismus vom Sterben abzuhalten. Auflagen und Anzeigenerlöse sinken weiter, neue Konzepte sind kaum in Sicht. Stattdessen igeln sich viele Protagonisten in künstler- und industrienaher Kumpelhaftigkeit ein. Dabei wäre es Zeit, sich auf Dinge zu besinnen, die eine gute Freundschaft wirklich auszeichnen.

Ich schwöre, ich habe es selbst gesehen: das Funkeln in den Augen eines Musikjournalisten, den Ausdruck aufrichtiger Begeisterung. Es ging dabei natürlich nicht um eine neu entdeckte Band oder ein besonders tolles Konzert, sondern um die gute alte Zeit des Musikjournalismus. Als Arbeitskollege, der erst im 21. Jahrhundert dazugestoßen ist, kann man sich überhaupt keine Vorstellung von den Verköstigungskapazitäten machen, die die Musikindustrie in ihren goldenen Jahren an den Tag legte. Da wurde geflogen und verhätschelt, gefressen, gesoffen und exquisit genächtigt. Ließ es sich irgendwie einrichten, traf man zwischendurch auch noch eine Band zum Interview. Urlaub brauchte man eigentlich nie, man hatte ja die Arbeit.

Heute geht es nüchterner zu. Die Musikindustrie hat ein paar wirklich düstere Jahre hinter sich, wähnt sich inzwischen aber wieder auf halbwegs festem Boden. Der deutsche Musikjournalismus hingegen hat sich bis heute nicht vom Schock der digitalen Revolution erholt. Gegen sinkende Auflagen und Anzeigenerlöse wird vor allem eine Strategie des unbeirrten Weitermachens gefahren. Seit Jahren hält sich eine noch immer bemerkenswerte Vielzahl von Musikmagazinen mehr schlecht als recht über Wasser – entweder durch gelegentliche Nostalgiebedienungseinzelerfolge (»Nirvana-Titel geht immer«) oder eine zunehmend kreative und abenteuerliche Kombination von redaktionellen Inhalten und Marketing. Sagen wir’s poppoetisch: Wenn in den wilden Jahren die Industrie der Presse noch Kokslinien ins Glück gelegt hat, ist vom Rausch heute nur die Abhängigkeit übrig geblieben.

Ist es überhaupt sinnvoll, an diesem Zustand festzuhalten? Und hält vielleicht dieselbe Hartnäckigkeit, mit der der Musikjournalismus sein Leid erträgt, ihn auch davon ab, sich zu erneuern oder wenigstens zu hinterfragen? Bisher ist es weder SPEX noch einem der Mitbewerber gelungen, sich erfolgreich im Internet aufzustellen. Zwar marschieren immer mehr Verlage mit E-Papers, mobilen Seiten und Spezialistenapps los, aber vorher wäre eigentlich die Frage zu beantworten, was dabei überhaupt vermittelt werden soll. Heftinhalte aufs Tablet zu übersetzen reicht nicht, das zeigen die bisherigen Reaktionen auf solche Angebote. Vielleicht liegt’s ja an den Heftinhalten.

Musikjournalismus muss sich, vor allem wenn er periodisch erscheint, vermehrt vom Tagesgeschäft lösen. Er sollte nicht ausschließlich abbilden, was veröffentlicht wird und passiert ist, sondern den Istzustand und seine gesellschaftliche Bedeutung über die Musikwelt hinaus analysieren – und davon handeln, was in Zukunft passieren könnte. Nicht die Veröffentlichungspläne von Plattenfirmen sollten sein Erscheinungsbild prägen, sondern das Erscheinungsbild des Musikjournalismus sollte die Veröffentlichungspläne der Plattenfirmen prägen. Eine Stärke des Musikjournalismus, die ihn noch immer vom gelegentlich aufflammenden Interesse des Popfeuilletons unterscheidet, ist sein Nerdwissen. Dieses sollte er nicht eitel zur Schau, sondern in den Dienst von Newcomern und Leserschaft stellen.

Stattdessen wird vielerorts weitergemacht wie bisher. Wie alle Menschen, die im Grunde nichts Wichtiges zur Welt beitragen, neigen auch Popautoren zur Bequemlichkeit – versuchen Sie doch mal, einen Berliner Musikjournalisten davon zu überzeugen, eine Promo-CD wiederzufinden oder eine Veranstaltung außerhalb von Kreuzberg zu besuchen. Bester Freund der Bequemlichkeit ist darüber hinaus die Kumpelhaftigkeit: Musikjournalisten, Industrievertreter und Künstler schmoren derart im gemeinsamen Saft, dass längst jeder jeden kennt und das Vertreten kritischer und kontroverser Standpunkte bisweilen schwierig wird. Zerpflückt man die Quatschband des Promoters, den man später noch zum Bier trifft? Und riskiert man den Liebesentzug der Plattenfirma, die ihren aktuellen Hoffnungsträger gleich mitbringt in die Kneipe?

Es ist menschlich, solche Fragen hin und wieder mit »nein« zu beantworten oder, etwas eleganter, unbeantwortet vom Tresen zu wischen. Es ist aber auch zu wenig. Haltung zu bewahren ist anstrengend und unbequem, so viel sollte uns Tino Hanekamps Liebste im letzten Heft beigebracht haben. Für einen Musikjournalismus, der nicht länger die eigene Krise beweint, sondern sich seine Relevanz zurückerkämpft, ist sie außerdem unabdingbar. Deshalb ein kollegialer Lösungsvorschlag: hart bleiben, ehrlich und radikal sein, viel trinken, den Karren zur Not mit Schmackes vor die Wand fahren. Man muss den Streit nicht immer suchen, man muss ihn aber auch mal aushalten können. So läuft das doch unter Freunden.

 

Dieser Artikel war der erste Teil unserer Reihe »Wie wir leben wollen« aus SPEX N°354. Die Ausgabe kann versandkostenfrei in unserem Shop bestellt werden.

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