Wie, Haltung?

Wie, Haltung?

Wie Haltung

»Wir wissen es, und wir tun es trotzdem.« Zwischen Öko-Bewusstsein, Zynismus und dem »Work hard, party hard!«-Credo ist uns die Haltung abhanden gekommen. Oder doch nicht? Eine persönliche Auseinandersetzung.

Hart über Haltung nachgedacht und mich gefragt: Was ist denn deine? Jetzt weiß ich nicht mehr – habe ich überhaupt eine?

Meine Liebste ist Physiotherapeutin und sagt, meine Haltung sei beschissen. Kopf gesenkt, Rücken krumm, Becken immer leicht nach vorn gekippt bei durchgedrückten Knien – im besten Fall geht das als eine Art Fragezeichen durch, grundsätzlich aber fehlt die Körperspannung. Nicht gut. Schlägt früher oder später auf die Sehnen und Gelenke. Meine Liebste sagt, das Wichtigste sei der Kopf. Ich solle mir vorstellen, der hinge an einem Faden und würde von einer unsichtbaren Kraft ganz sanft nach oben gezogen.

Was meine geistig-moralische Haltung betrifft – die Gesinnung –, ist der Fall schon komplexer, die Diagnose komplizierter, da geht’s eher in Richtung Trümmerbruch.

Grundsätzlich bin ich gegen den Kapitalismus, habe aber leider – von der Geschichte desillusioniert – auch keine bessere Idee. Werbung jeder Art ist mir zuwider, trotzdem habe ich von der Werbeindustrie Geld angenommen, um Clubs zu finanzieren und Veranstaltungen in Form von Preisgeldern und Texthonoraren, und wenn man mir eine Million Euro böte, würde ich meinen Arsch wahrscheinlich auch an McDonald’s verkaufen, mich danach aber wenigstens nach Mexiko absetzen. Ich versuche, so wenig wie möglich zu konsumieren, weil ich den ganzen Scheiß nicht brauche, bin aber trotzdem voll auf Apple, Ausbeutung hin oder her, Samsung ist ja auch nicht besser. Immerhin glaube ich nicht, etwas Gutes zu tun, nur weil ich Bio kaufe. Ich fahre einen alten Volvo, fliege und helfe auch sonst fleißig mit, den Planeten zu ruinieren, bin aber selbstverständlich dagegen und finde, man sollte umdenken, so ganz generell, jetzt und: sofort! Ab und zu gehe ich auch mal auf ’ne Demo, na klar, empfinde Empörung beim Lesen der Nachrichten (Bewusstsein! Bewusstsein! Bewusstsein!) und verspüre eine diffuse Angst vor der Zukunft, gefolgt von dem Gedanken: dann kriege ich eben doch kein Kind. Touché! Was immer bleibt, ist dieses Gefühl: Scheiße, du müsstest doch eigentlich was machen!

Aber was?

Wenn Haltung also »eine unkompromisslerische Verbindlichkeit« ist, wie Daniel Richter im Interview mit Diedrich Diederichsen und SPEX sagt, muss ich schon gröber werden, um dem Unkompromisslerischen auf die Spur zu kommen und lande bei noch weiteren Allgemeinplätzen, die bis auf wenige Ausnahmen aber unter Umständen auch alle verhandelbar sind. Davon ausgehend, dass es einem Großteil der Leserschaft ähnlich geht, will ich im Folgenden anmaßenderweise von einem Wir sprechen. Jene ohne Haltungsschaden und jene, die schon weiter sind, mögen mir das bitte verzeihen.

Wir sind die Generation »eigentlich, aber …«.

Karl Marx sagte: »Sie wissen es nicht, aber sie tun es.«

Heute muss es heißen: »Wir wissen es, und wir tun es trotzdem.«

Auch deswegen gibt es eine große Sehnsucht nach einer klaren Position, diese aber fällt schwer, denn was nach all dem Denken und Demonstrieren übrig bleibt, ist ein schwammiges Dagegensein bei gleichzeitigem Mitmachen.

Wir haben keine Utopie. Wir spüren keine Not. Wir wissen so viel über den Zustand der Welt und die Funktionsweise des Systems wie keine Generation vor uns, können aber nicht mal sagen, wer der Feind ist, den man bekämpfen müsste, wenn man denn wollte. Stattdessen werden wir, die wir ja eigentlich gegen das Bestehende anrennen sollten, um etwas Besseres zu erschaffen, immer öfter zu Bewahrern, verteidigen unseren Kiez gegen die Gentrifizierung, reden von Grundrechten und Privatsphäre und glauben mitunter allen Ernstes, dass sich irgendetwas ändern würde, wenn wir nur die richtigen Produkte kaufen.

Man muss keine linksradikale Grundausbildung genossen haben, um zu begreifen, wie defensiv und im Sinne des Systems das alles ist. Subversivität? Geil, machen wir ein T-Shirt draus! Protest? Gerne doch, der Markt braucht immer neue Impulse. Aber wo ansetzen, wenn alles so hermetisch ist? Wenn Mutti Merkel und Onkel Obama regieren, wir unter Konzernlogos tanzen und gar nicht mehr unterscheiden können, was Kunst ist und was Werbung? Oder ist das jetzt doch endlich alles dasselbe?

Egal, denn: Es ist geil. Alle sind geil, und für jede neue Geilheit gibt es längst schon das perfekte Bedürfnisbefriedigungsprodukt, sodass wir vor lauter Bedürfnisbefriedigung Depressionen kriegen und gar nicht merken, dass wir diese Bedürfnisse bis vor kurzem noch gar nicht hatten. Aber Schnauze halten und weiter arbeiten, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, und wer versagt, ist selber Schuld, alles ist möglich – just do it! (Und, hey, klink dich aus, gönn dir deine Instant-Freiheit, work hard, party hard, aber hol gleich noch ein paar neue Ideen rein, die Maschine braucht Öl!)

Kurzum: Der Neoliberalismus hat auf ganzer Linie gesiegt. Wir sind mittendrin und voll dabei und kommen uns dabei auch noch irgendwie avantgardistisch vor. Die Anderen? Die Welt? Sorry, aber ich bin hier echt geil am Leben gerade. Dass ich dabei vom Subjekt zum Nur-noch-Konsumenten mutiere, der totalitäre Überwachungsstaat um die ecke lauert und die Welt auf eine unfassbare ökologische Katastrophe zusteuert, weiß ich doch, aber was soll ich machen? Demo? Online-Petition? Okay, ich bin dabei!

Meine Empörung kann man jetzt auch putzig finden, das widerliche Wort »Gutmensch« ist eine Erfindung unserer Zeit, und die sicherste Haltung ist in jedem Fall die der ironischen Distanz – und auch die vorherrschende. Es ist nicht egal, aber … Bis zum Zynismus ist es da nur noch eine Zigarettenlänge mit einem der vollaufgeklärten Salonrevoluzzer, die jedes Gespräch mit dem Satz beenden: Man muss halt den Kapitalismus abschaffen, alles andere bringt nichts. Wahrscheinlich stimmt das, aber ich strampele lieber ein bisschen beim Ertrinken, dann tut die Ohnmacht nicht so weh.

Ohnmacht und Zynismus – here we go.

Nietzsche darf man ja nicht zitieren, weil er in alle Richtungen alles gedacht hat, ich mach’s jetzt trotzdem mal: »Durch dieses Uebermaass geräth eine Zeit in die gefährliche Stimmung der Ironie über sich selbst, und aus ihr in die noch gefährlichere des Cynismus.« Laut unserer aller Lieblingsphilosoph Slavoj Žižek sind wir da schon längst: Er hält den Zynismus für die »vorherrschende Ideologie«. Außerdem sagt er, es gäbe nur noch diese eine.

Sind wir alle weich in der Birne, oder ist die emotionale Verhärtung der einzige Weg aus der Ohnmacht? Warum soll man sich eigentlich aus der Ohnmacht befreien? Ist das nicht das einzig angemessene Gefühl zu dem, was wir als Alternativlosigkeit hinnehmen? Ohnmacht und Verzweiflung?

Wir wünschen uns ja Wut. Allein schon in der Popmusik. Dass da mal wieder jemand so richtig wütend ist und ohne Rücksicht auf die Komplexität der Dinge sein Nichteinverstandensein rausbrüllt. Dafür ist Pop doch da. Da geht das doch. Ich hör aber nix.

Ja ja, es geht uns halt zu gut. Zumindest oberflächlich betrachtet geht es uns bestens. Die Achtundsechziger lebten in einem Land, das zu großen Teilen von Altnazis regiert wurde und in dem Repression mehr war als ein paar außer Rand und Band geratene Knüppelbullen, die sich mit Klobürsten vertreiben lassen. Istanbul, Kairo, Athen, Pussy Riot – finden wir alle toll, aber die kämpften und kämpfen da mehr oder weniger für das, was wir hier haben. Die Frage ist: Finden wir das gut, was wir hier haben? Kann das so bleiben? Was kommt danach? Was ist mit den Anderen (denen im Süden zum Beispiel)? Und was jetzt?

Je intensiver man sich mit den Problemen unserer Zeit und mit der eigenen Rolle in diesem Spiel beschäftigt, desto unangenehmer wird es. Es war wohl noch nie so ungefährlich, eine Haltung zu haben, wie heute hier in diesem Land, und noch nie so schwierig, sie auch zu halten – wenn sie sich gegen die Realität stellt, in der wir leben, deren Teil wir aber unweigerlich sind.

Der Konzernkapitalismus hat alles durchdrungen: die Kunst, die Kommunikation, die Arbeit, unseren Alltag, sogar unseren Protest. Die Frage ist: Wie lange bleibt eine Haltung eine Haltung? Wie viele Kompromisse braucht es, bis eine Haltung zu einer Idee wird, zu einem Projekt, das man irgendwann mal angehen könnte? Und welchen Preis bin ich bereit dafür zu zahlen? So ganz generell jetzt?

Nicht mehr mitzumachen hieße, gar nicht mehr mitzumachen, und vielleicht ist das die konsequenteste Form einer kritischen Haltung, getreu dem Motto von Herman Melvilles berühmtem Verweigerer Bartleby, der da stur sagte: »I prefer not to« – und folgerichtig verhungerte.

Uns, die wir dann doch so ganz raus nicht wollen, bleibt wohl nur, zu erkennen, dass wir Teil des Problems sind, und zu versuchen, uns nicht benutzen und kaufen zu lassen, uns zu verweigern, wo es nur geht, nicht abzustumpfen, wach zu bleiben und zu nerven – auch wenn das nicht immer der Bedürfnisbefriedigung dienlich ist. Bei der Gelegenheit kann man ja auch gleich mal seine Bedürfnisse hinterfragen. Auch das ist unbequem, aber das war Denken schon immer, Handeln meistens noch mehr. Dummerweise sind wir damit erst mal allein. Wir sind ohnehin sehr allein in diesen Zeiten des Hyperindividualismus, in denen die Selfiesierung immer weiter voranschreitet und jeder zwangsläufig zum einzelkämpfer mutiert. Und das ist, neben der Sehnsucht nach einer klaren Position, die zweite große Sehnsucht: die nach einer Art Kollektiv, einem Kanon, einem Manifest, einem gemeinsamen Möglichkeitsraum gegen die alles durchringende Macht der Märkte und unsere Bequemlichkeit – für mehr Empathie, Solidarität und Haltung. Vielleicht muss man die diesen Zeiten angemessene Haltung erst noch entwickeln, weil die alten nicht mehr greifen. Vielleicht hilft es, sich dabei Fragen zu beantworten, wie diese aus dem Fragebogen von Max Frisch: »Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?«

Dieser Artikel entstammt dem Titel-Spezial »Alles scheißegal?« von SPEX N°353. Die Ausgabe kann versandkostenfrei in unserem Shop bestellt werden.

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