Sailor Moon, Mädchensein ist Macht

Sailor-Moon-Crystal

Die Anime-Serie Sailor Moon wurde dieser Tage unter dem Zusatz Crystal neu aufgelegt. Die Figuren hatten in den 90ern die dritte Feminismuswelle in die Jugendzimmer getragen und sind heute Ikonen des Tumblr-Feminismus – nicht trotz, sondern gerade dank Kitsch und »Mädchenhaftigkeit«.

Fragt man junge Feministinnen heute, wovon sie in ihrer emanzipatorischen Entwicklung am meisten beeinflusst worden sind, kommen in ihren Aufzählungen neben Personen wie Judith Butler oder bell hooks auch der Anime Sailor Moon vor. Sailor Moon? War das nicht diese alberne Kinderserie mit einem Intro-Song a’la Blümchen?

Eine kurze Einführung für Unwissende: Sailor Moon ist eine Geschichte über ein 14 Jahre altes Mädchen namens Usagi Tsukino. Usagi erfährt, dass sie die wiedergeborene Prinzessin des Mondkönigreiches ist, das vor 1.000 Jahren von einem bösen Imperium zerstört wurde. Usagi verwandelt sich in eine Version ihres früheren Selbst, Sailor Moon, um gegen die wiedergeborenen Schergen des Dunklen Königreichs zu kämpfen, und wird dabei nach und nach von den anderen wiedergeboren Kriegerinnen vom Mondkönigreich unterstützt.

In Japan wurde der Manga, der vollständig Pretty Soldier Sailor Moon heißt, von 1992 bis 1997 zuerst im Magazin Nakayoshi als Teil der Reihe Magical Girls veröffentlicht, die sich auf weibliche Heldinnen konzentrierte. Die TV-Variante lief als Anime-Serie erstmals 1995 im deutschen Fernsehen. Trotz der westlichen Rezeption war Sailor Moon nie als reine Kinderserie gedacht. Passend zum 20-jährigen Jubiläum der Serie wurde am 5. Juli der Re-Boot Sailor Moon Crystal gestartet, der den Beginn von Sailor Moon nochmals aus einer etwas anderen Perspektive zeigt.

Dem Zuschauer begegnete damals eine Vielfalt an komplizierten Charakteren, die zum Teil lange Entwicklungen vollzogen. Die Figuren hatten unterschiedliche Stärken und Schwächen, was zu einem hohen Identifikationspotenzial bei den jungen Fans führte. Die Protagonistin Usagi zum Beispiel war schlecht in der Schule, aß zu viel und war tollpatschig, und trotzdem schaffte es die fehlerhafte Superheldin am Ende immer wieder, die Erde zu retten. Das Schicksal der Welt lag in den Händen der Frauen. In vergleichbaren Cartoons der 80er und 90er hingegen war übertriebene Männlichkeit und Chauvinismus angesagt, die damals ein Äquivalent zu Macht bildeten. Man erinnere sich nur an He Man, BraveStarr oder Saber Rider.

Männlich waren bei Sailor Moon hauptsächlich nur die Bösewichte, die die Welt in Dunkelheit hüllen wollten und teilweise sogar die Kraft der Sailor Scouts anzweifelten, nur um dann von denen mit geballter Sailor Power und einem »Nieder mit sexueller Diskriminierung!« besiegt zu werden. Die »guten« Männer hatten stets nur eine unterstützende Funktion und waren bei Weitem nicht so mächtig wie die Kriegerinnen. Dies erklärte die Erschafferin Naoko Takeuchi in einem Interview mit dem italienischen Magazin Kappa im Jahre 1996 so: Sie sei in ihrem Leben häufig auf »passive, schwache Männer getroffen, die nach starken Frauen suchen.«

Doch was für eine Stärke wurde dort dargestellt, abseits von den Superkräften? Jede der Heldinnen besaß ein individuelles Ziel, und jedes davon waren egalitär und unterstützenswert, sei es nun Ärztin zu werden oder eben Ehegattin. Damit konnte man zu Zeiten der Riot Grrrls und der zweiten Feminismuswelle in den 90ern noch nicht viel anfangen, ging es doch darum, sich aus den Fesseln des Patriarchats zu befreien und Stereotype um jeglichen Preis zu vermeiden. Heute wiederum, in Zeiten des Popfeminismus, ist es auch in Ordnung, sich feminin und verletzlich zu zeigen und gleichsam Feministin zu sein.

Bei Sailor Moon ging es also hauptsächlich um Toleranz, um die Wichtigkeit des Zusammenhalts unter den Mädchen und um die gegenseitige Wertschätzung. Dies ist genau das, was die dritte Feminismuswelle fordert, die besonders durch Online-Plattformen wie Tumblr gut vernetzt ist. Zwar gab es damals auch andere Mainstream-taugliche Zeitgenossen der sogenannten »Girl Power«-Popkultur wie die gecasteten Spice Girls, diese waren jedoch nur schlecht skizzierte Karikaturen ohne Unterbau, die lose Phrasen im Sinne von »Girls are stronger than boys« von sich gaben, ohne jedoch konkrete Anhaltspunkte zu bieten und sich schon gar nicht gegen das patriarchalische System aufzulehnen. Das wäre schließlich schlecht für die Verkaufszahlen gewesen. Und so sind heute nicht Ginger, Sporty & Co, sondern die Sailor Scouts und ihre echten wie imaginären Zitate visuelle Ikonen des Tumblr-Feminismus.

Nicht nur durch die Gestaltung wurde den Zuschauerinnen zu verstehen gegeben, wie wichtig Feminismus für alle Beteiligten ist. Immer wieder wurden in den Handlungsverlauf Bemerkungen wie »Männer, die Frauen nur nach ihrem Äußeren beurteilen, sind Mistkerle.« oder »Frauen zu verachten ist definitiv feudalistisch.« eingestreut. Dies ist heute noch von evidenter Tragekraft für die Frauenbewegung. Ebenso war die Serie in puncto Sexualität ausgesprochen fortschrittlich, zu revolutionär aber für den Westen: Sowohl in Deutschland als auch in den USA wurden vom Original abweichende Übersetzungen vorgenommen, um den konservativen und heteronormativen Erwartungen der breiten Masse gerecht zu werden. So wurde aus einem lesbischen Paar schnell zwei Cousinen oder aus einem Mann eine Frau, um seine Liebschaft zu einem anderen Bösewicht »normal« wirken zu lassen. Fakt ist jedoch, dass die Serie nicht nur eine Bandbreite an Homo-, Inter- und Asexuellen aufwies, die normal integriert und nicht zu Stereotypen verdammt wurden, sondern auch stetig Geschlechternormen und -rollen durch Vermischung von binären Attributen hinterfragte.

Wer nun die Sexualisierung der Mädchen anprangert, indem er auf die freizügigen Kostüme hinweist, dem sollte klar werden, dass dies auch eine taktische Komponente war: Die Kriegerinnen sollten feminin gestaltet werden und schön sein dürfen, denn Mädchensein ist Macht, ja, sogar Voraussetzung für diese. Das Ergebnis war eine kitschige Ästhetik, die Prinzessin und Amazone gleichermaßen zulässt und 13-jährigen Mädchen zu verstehen gab und gibt: You kick ass, no matter what.

Die erste Folge von Sailor Moon Crystal ist auf nicovideo.jp online in voller Länge zu sehen.

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