Über Michel Foucault: »So wollen wir nicht leben!«

Michel Foucault by Abode of Chaos under CC
Gemaltes Portrait des 1926 geborenen Philosophen  FOTO: Thierry Ehrmann (CC BY 2.0)

Am 25. Juni 1984 starb Michel Foucault. 30 Jahre nach seinem Tod ist der Autor von Überwachen und Strafen, Die Ordnung der Dinge und Die Archäologie des Wissens einer der meistzitierten Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Pascal Jurt sprach mit dem Sozialwissenschaftler Alex Demirović über unterschiedliche Rezeptionsschübe sowie entpolitisierte Lesarten Foucaults, neue Angst- und (Un-)Sicherheitsdispositive und aktive Intoleranz.

Alex Demirović, Foucaults Begriffe wie »Diskurs«, »Gouvernementalität« und »Selbsttechnologien« gehören heute zum akademischen Alltagswortschatz. Obwohl die Rezeption von Foucault bereits mit den Übersetzungen seiner Bücher in Deutschland einsetzte, wurde er zunächst von vielen Seiten als Irrationalist, Antiwissenschaftler oder gar als Rechter abgelehnt. Warum sind Foucaults Studien auch heute noch in vielen Debatten ein beliebter Bezugspunkt?
Foucault hat im Zusammenhang mit den Bewegungen seit 1968 neue Themen aufgebracht oder aufgegriffen und durchdacht, die das theoretische Verständnis von Macht verändert und erweitert haben. Wenn man seine Studien zu Diskurs, Wissen und Macht, Subjektivierung und Identität, Wahrheitsregime, zur Psychiatrie, zu den Gefängnissen, zur Kontrolle der Körper oder zur Sexualität nimmt, dann sind das ja alles Bereiche, in denen und von denen Emanzipation bis heute akut ist. Foucault hat mit seiner Machtanalytik zum Verständnis dieser Formen von Herrschaft erheblich beigetragen. Darüber hinaus hat er auch den Alltagsverstand vieler Linker provoziert: Welche Selbstverständlichkeiten sind in unseren Vorstellungen von Emanzipation enthalten? Wieso kann die Kontrolle oder gar Ablehnung staatlicher Macht am Ende zu einem Mehr an staatlicher Gewalt, zur Erneuerung der Psychiatrien, Gefängnisse oder der Gerichte führen? Die Radikalität seiner Analysen hat dazu geführt, dass er von liberalen und orthodoxen Linken teilweise als Rechter diffamiert wurde. Jedenfalls ist vieles von dem, was er gedacht hat, noch immer nicht oder nicht angemessen angeeignet, und wirkt deswegen weiterhin als Stachel.

Erst in den Neunzigerjahren setzte in Deutschland eine verstärkte Foucault-Rezeption ein. Worin liegen die Gründe für diesen vergleichsweise späten Zeitpunkt?
Ich glaube, dass es eine kontinuierlich rege Rezeption seit den Siebzigerjahren gab, die allerdings sehr verschiedene Schwerpunkte hatte: Wissenschaftstheorie, Repression, Disziplin und Gefängnisse, Psychoanalyse und Sexualität, Vernunftkritik, Rassismus, Gouvernementalität, Subjektivierungsweisen. In seinen Untersuchungen zur Gouvernementalität, die in jüngster Zeit stark rezipiert werden, beschäftigt sich Foucault auch mit der Frage, wie es zur Regierung von Menschen kommt. Die Frage des Geführt-Werdens hat die Linke lange vernachlässigt. Zwar gab es Ansätze zu einer grundlegenden Veränderung der Verhaltensführung, wie zum Beispiel Gramscis Überlegungen zur Hegemonie, aber bis 1968 blieb das ein randständiges Thema. Insgesamt ist es aber doch schon erstaunlich, dass Foucault einen so hohen Stellwert jenseits linker, feministischer, queerer und subkultureller Milieus erreichen konnte. Das hat auch damit zu tun, dass es sich vielfach um nachholende Rezeption handelt. Denn von Teilen der kritischen Theorie wurde die Rezeption bis weit in die Achtzigerjahre hinein blockiert. Von Medien wie der taz oder der Frankfurter Rund-schau, die eher Habermas und Luhmann gehypt haben, wurde Foucault links linken gelassen – was bei der taz verwunderlich war, weil Foucault Stargast des Tunix-Kongresses 1978 war, aus dem die taz hervorgegangen ist. Leider beinhaltet die neuere Rezeption von Foucault in Deutschland auch, dass seine Analysen oftmals von dem kritischen und radikal linken Kontext isoliert werden, in dem sie entstanden sind. Heute muss man eigentlich Foucault gegen seine Anhänger verteidigen.

Vor allem seine Vorstellungen von Befreiung und Emanzipation waren in der linken Diskussion nicht unumstritten. Dass er sich mit seinem Denken nicht vom Ereignis 1968 verabschiedet hat, sondern sich mit neuen, schwierigeren Bedingungen »mikrophysischer« Machtverhältnisse beschäftigt hat, wurde nicht wahrgenommen?
Foucault war durchaus kritisch gegenüber '68, diese Bewegung war ihm nicht radikal genug. Genau genommen arbeitete er diesen Emanzipationsimpuls weiter aus. Sein Buch Überwachen und Strafen war ja nicht nur ein Plädoyer gegen bürgerliche Gefängnisse, sondern wollte die Rationalität einer Form der Bestrafung verstehen, die sich gegen körperliche Züchtigung und Tortur wendet, aber Menschen über Jahrzehnte wesentliche Menschenrechte vorenthält – freie Bewegung, Sexualität –, die sie der Willkür von Mitgefangenen und Personal unterwirft und die mit einem machtvollen Wissen verbunden ist. Polizeiakten, Verhörtechniken, psychiatrische Gutachten, Statistiken, Überwachung, Gefängnisse, Sozialarbeit, Moralisierungskampagnen.

Foucault gründete 1971 die »Groupe d’information sur les prisons« (GIP), die eine radikale Kritik an der Institution Gefängnis übte und sich für Inhaftierte einsetzte. In ihrer Info-Broschüre L’intolerable spricht die Gruppe immer wieder von einer »aktiven Intoleranz«. Sie beziehen sich schon im Titel Ihres demnächst erscheinenden Buches auf diesen Begriff. Was verstehen Sie darunter und wie kann man ihn unter veränderten Bedingungen heute produktiv machen?
Der Titel meines Buches greift diesen Foucault’schen Ausdruck der aktiven Intoleranz auf. Damit will ich hervorheben, dass Foucaults Analytik zwar zeigt, dass Macht nicht nur negativ, begrenzend, abschöpfend wirkt, sondern auch produktiv, dass er das aber nicht affirmativ meint. Manchmal wird Foucault ja postmodern gelesen: er verstehe Macht als etwas Positives, auch er wende sich gegen jedes totalisierende Wissen. So werden seine Analysen auf Talkshowformat verstümmelt: alles ist nur noch nebeneinanderstehende Meinung. Das, worum es geht, wird beredt verschwiegen, kommt gar nicht vor. Foucault war ja gegen die Gefängnisse, gegen den justiziellen Apparat, die psychiatrischen Gutachten, die Folter von Homosexuellen, die administrative Konstruktion von Identitäten, die Erzeugung von Gehorsam in Schulen oder Fabriken, die militärische Produktivität des Tötens oder die Sexualisierung und Familiarisierung der Individuen. Die jahrhundertelange Mikrophysik der Macht erzeugt den Menschen und die Seele – und diese Macht und ihre Produkte werden kritisiert. Aber selbst die Kritik, wie man sie seit der Aufklärung praktiziert, wird noch Gegenstand einer Machtanalyse. Es geht um mehr als Kritik, es geht darum, eine ablehnende Haltung einzunehmen. Also darum, zu sagen: Diese Rationalität wollen wir nicht, so wollen wir nicht leben.

Selbstkontrollformen, Unsicherheits- und Angstdispositive setzen sich bis in die kleinsten Kapillaren des Alltagslebens, der Medien, der Seelen und Psychen fest. Gouvernementalitätstheoretiker haben im Anschluss an Foucault darauf hingewiesen, dass bestimmte Formen von Flexibilisierung, Prekarisierung, Privatisierung und Entgarantierung ehemaliger wohlfahrtsstaatlicher Arrangements die gegenwärtige Gesellschaft dominieren. Wie sehen Sie das?
Heutzutage wird mit der Unsicherheit regiert. Ein hervorragendes Instrument zur Erzeugung von Unsicherheit gegenüber den Subalternen ist der Markt. Es gehört zu den Privilegien derer oben, dass sie Sicherheit genießen. Die Unsicherheit wird nach unten weitergegeben und dort durchgesetzt. Wir haben also so etwas wie eine Hierarchie der Kontingenz. Soziale Sicherungssysteme für Krankheit und Alter oder die Genetifizierung werden benutzt, um Angst einzupflanzen. Dies geht mit einem vermeintlichen Wissen über Ökonomie, Demografie oder Kriminalitätsentwicklung einher, das in vielen Fällen unzulänglich oder einfach falsch ist. Insofern stellt sich, ganz im Anschluss an Foucault, die Frage, welche Macht ausgeübt wird, wenn Wissenschaft und Wahrheit in Anspruch genommen werden – und die Wahrheit selbst oftmals den Tatbestand der Lüge erfüllt, aber ihr Wahrheitsstatus mit der Macht neuer Regierungstechniken in Politik oder Wissenschaft gesichert wird. Leider gilt das alles reflexiv auch für die Foucault-Industrie selbst. Das betrifft nicht nur sein positives Verständnis von Macht, sondern auch seine Kritik an der Repressionshypothese und der Souveränitätsmacht. Solche sinnvollen Überlegungen werden genutzt, um viele Formen der Gewalt in unserer »abendländischen« Gesellschaft zur Seite zu schieben: die sexualisierte Gewalt vor allem gegen Frauen, die Geheimgefängnisse, Folter und polizeiliche Gewalt, die zivilgesellschaftliche Gewalt von rechten Gruppierungen, die Gewalt, die mit Organhandel, Menschenhandel, Prostitution, Korruption verbunden ist. Auch über die bewusst gewollte chirurgische Selbstamelioration wäre hier nachzudenken. Es stellt sich die Frage, wie sich Gewaltverhältnisse mit Moralisierungskampagnen (z.B. gegen Abtreibung oder sexuelle Aufklärung) und Unsicherheit verbinden und wie immer wieder körperlich normalisiert wird.

Wann kommt es zur verstärkten Universalisierung des Angst- oder Sicherheitsdispositivs? Ist 9/11 der Wendepunkt?
Es gibt eine Dialektik von Freiheit und Sicherheit, die ein grundlegendes Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft ist. Foucault hat dies im Detail gezeigt. Wurde nach dem Ende des Kalten Krieges erwartet, dass nun eine neue Ära der Friedenspolitik und der Abrüstung möglich wäre, so konnte sich das Sicherheitsdispositiv ab den Nullerjahren auf höherem Niveau reproduzieren: Gefängnisse, private Sicherheitsdienste, neue Kriegsführungsstrategien. Es wurde eine enorme Verletzlichkeit der hochmodernen Gesellschaften festgestellt: Industrien, Verkehrswege, Energieversorgung, Kommunikation. Unknown unknowns – Gefahren, von denen man noch nicht einmal wissen kann, weil sie noch völlig unbekannt sind. Jetzt geht es nicht mehr nur um Überwachung im traditionellen Sinne, sondern es geht um weit in die Zukunft vorausgreifende Strategien. Sicherheit ist heute nicht die Bewältigung von statistisch Unwahrscheinlichem, sondern Sicherheit entwickelt eine völlige neue Perspektive hinsichtlich der Zukunft. Nämlich: Wie ändern wir die Zukunft so, dass statistisch Unwahrscheinliches erst gar nicht mehr eintritt. Damit kommt etwas Neues ins Spiel: Die Zukunft ist nicht die um mögliche Abweichungen korrigierte Gegenwart, sondern umgekehrt wird nun Gegenwart aus dem Blickwinkel der zukünftigen Gefahren verändert, sodass jene Bedingungen nicht mehr existieren, die solche Gefahren erzeugen könnten. Da wir nicht wissen können, was dies sein wird, werden Szenarien durchgespielt und damit – ganz im Sinne der Hobbes’schen Paradoxie — eine neue Realität der Unsicherheit geschaffen.

Auf einer anderen Ebene inspirierten Foucaults Fragestellungen der Subjektkonstitution und Motivierungsleistungen auch die identitätskritische Queer-Bewegung. Vor allem für Judith Butler war er ein wichtiger Stichwortgeber.
Hier würde ich Ihnen nur teilweise zustimmen. Für Foucault ging es in den Kämpfen seit den Sechzigerjahren darum, alles zu bekämpfen, was uns an uns selbst bindet und uns zu Gefangenen der eigenen Geschichte macht. Auch damit setzt Foucault eine Marx’sche Denkbewegung fort. Foucault thematisiert deshalb auch die Rolle der Inquisition, der Befragung, der Prüfung, der Festlegung und Erfassung von Identitäten. Butler unterschätzt die Bedeutung, die diese Überlegungen für die Konstitution des homosexuellen oder lesbischen Subjekts haben. In Sexualität und Wahrheit zeigt Foucault, wie im 19. Jahrhundert mit der Explosion von Diskursen über Sexualität unter anderem auch das homosexuelle Begehren konstruiert wurde. Dies geschieht im Kontext der Herausbildung der bürgerlichen Sexualität und Familie. Foucault zufolge gehört der Diskurs der sexuellen Emanzipation noch zu diesem Dispositiv der Sexualität selbst und zur Intensivierung einer bestimmten Form von Lust. Butler kann, so verstanden, mit ihren Überlegungen durchaus als ein Akteurin innerhalb dieses Dispositivs gesehen werden. Denn, ihrem eigenen Verständnis nach liberal, tritt sie für die Emanzipation des lesbischen Begehrens ein, das sie im zweiten Teil von Gender Trouble identitär festschreibt. Das ist anti-identitär gegen das heterosexuelle Dispositiv gerichtet und insofern emanzipatorisch. Doch können diese neuen Praktiken und Existenzformen von der bürgerlichen Gesellschaft absorbiert und in Verbindung mit den medizinischen Reproduktionstechnologien durchaus zu neuen Formen der Verwaltung des Lebens beitragen. Das stellt – mit Foucault und über ihn hinaus – ganz neue Herausforderungen dar.

Alex Demirović' neues Buch Aktive Intoleranz. Macht und Staat bei Michel Foucault erscheint bei Westfälisches Dampfboot im Sommer 2014 erneut. In Berlin findet heute im //:about blank Ein Abend zu Michel Foucault – Eine Retrospektive auf Biographie und Werk anlässlich seines 30. Todestages mit Prof. Hania Siebenpfeiffer (Juniorprofessorin für Neuere Deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald), Wolfgang Theis (Kurator im Schwulen Museum*) und Dr. Frank Engster statt.