St. Vincent, Tausend Hochzeiten

St Vincent by Sabrina Theissen

FOTOS: Sabrina Theissen STYLING: Ruza Pavelic

Die Sektenführer von heute rennen nicht mehr in weißen Gewändern durch die Wälder, wir tragen sie in der Hosentasche mit uns herum. Annie Clark hat ein Album über sie und ihr Gefolge geschrieben. Es ist ihr viertes als St. Vincent und führt vor Augen, was passieren könnte, wenn die Technologiemüden nicht mehr einschlafen können und den Rückzug ins Hinterland verweigern. Kein schöner Anblick, aber die Platte ihres Lebens.

Als Annie Clark zum ersten Mal in Berlin war, hat sie irgendwo in der Stadt einen Brief liegen lassen. Damals, am Anfang ihrer Karriere, spielte sie Gitarre und sang im Chor des mehr als 20-köpfigen Reisekommune-Orchesters The Polyphonic Spree aus Texas. Deren Vorstand Tim DeLaughter war der erste cult leader in Clarks Leben, mit einer Botschaft zwischen Sonnenschein und hirnverbrannt ermutigte er zur Verbrüderung, bei Konzerten fiel er vor Freude von der Bühne. Clark vertrieb sich die Nachmittage auf Europatour mit Stift und Papier. Sie schrieb ihr späteres Debütalbum Marry Me, das sie 2007 als St. Vincent veröffentlichte, und wenn ihr dazu nichts mehr einfiel, schrieb sie Briefe ohne Absender oder Adressat, die in Parks, Cafés und Sofaritzen liegenblieben. Clark hat keine Ahnung, ob auch nur einer davon jemals gelesen wurde. »Ich wollte Kontakt aufnehmen«, sagt sie heute. Was zurückkommt, ist erst mal egal.

Zehn Jahre später ist Annie Clark wieder in Berlin, und alles sieht anders aus. Angefangen bei ihr selbst: Ihre New Yorker Wahlheimat hat Spuren hinterlassen, die Polyphonic-Spree-Uniform aus Instrument und weißer Robe ist längst einem elaborierten Upper-East-Side-Look gewichen, der sich auch auf der anderen Seite eines Transatlantik-Fluges keine Schwächen erlaubt. Blondierte, kompliziert zusammengesteckte Locken betonen Clarks vornehme Blässe. Selbst der größte Schlafsaal einer Friedrichshainer Jugendherberge, in dem die Interviews zur inzwischen vierten St.-Vincent-Platte St. Vincent stattfinden, kann ihre Aura aus Anmut und Contenance nicht beschädigen. Jedem Hüsteln folgt ein »excuse me«, jeder Frage eine wohlüberlegte Antwort. Briefe schreibt Clark schon lange nicht mehr. »Als ich neulich ein Formular ausfüllen musste, habe ich wieder mal gemerkt, dass meine Schreibhand nur noch am Smartphone zu gebrauchen ist.«

Erstaunliche Aussage für eine der erfinderischsten Rock-Gitarristinnen der Gegenwart. Dann aber auch ganz logisch: Die Kontaktaufnahme erfolgt längst über die Musik, mit jedem St.-Vincent-Album ist Clark extrovertierter und lauter geworden. Ihre Entwicklung führt von der Unterdrückung zum Ausdruck und bricht mit Songwriting-Traditionen, die jede Solokünstlerin mit Gitarre als Folksängerin einordnen wollen. Schon Marry Me ist zu elektrisch und unkonventionell arrangiert dafür, ans wirklich Eingemachte geht es aber erst mit den Platten danach. Auf Actor (2009) hört man das Brodeln unter der Oberfläche von Liedern, die um Haltung und Kontrolle bemüht sind. Streicher erscheinen in den Stücken und verschwinden gleich wieder, die Gitarre wird schriller und angriffslustiger. Strange Mercy (2011) überzieht die Songs dann mit Texturen aus Einsen und Nullen, alles könnte Orchester oder Computer sein, vieles ist beides, die Unterscheidung unerheblich. Die Risse in St. Vincents Fassade der Gefasstheit sind nicht mehr zu übersehen. Auf dem Albumcover frisst sich ein weit aufgerissener Mund durch ein Latextuch.

Es gibt einen Archetyp für jedes Album von St. Vincent, eine übergeordnete Figur, zu der sich alle Themen der Platte zurückverfolgen lassen. »Strange Mercy«, sagt Clark, »war die Platte einer gelangweilten Hausfrau auf Weißwein und Schlaftabletten. Das neue Album klingt nach einem Sektenführer aus der nahen Zukunft.« Dazu passend ist diesmal alles noch überdrehter und überzeichneter, Clarks sonst sehr strenge Selbstkontrolle für 40 Minuten abgemeldet. Es gibt keine Fassade mehr, die aufrechtzuerhalten wäre, die Geheimnisse sind verraten, die Songs dürfen sich austoben. St. Vincent strahlt dabei eine Leichtigkeit aus, die eher gefährlich als einladend wirkt. Clark verdichtet die Songs bis an die Grenze zur Reizüberflutung. Ständig sucht sie den Kontakt zum Hörer, es wäre schon penetrant, wenn es nicht auch so gut wäre. »Ich wollte nicht länger das Opfer sein«, sagt sie über den spürbar verrohten Ton des Albums. »Wer sich immer nur selbst zerfleischt, gewinnt am Ende auch keinen Blumentopf.«

Clark behauptet, ihr fielen solche Verschiebungen immer erst im Nachhinein auf. Eine Richtung für St. Vincent zeichnet sich allerdings schon während der Strange-Mercy-Konzerte zwischen September 2011 und Juni 2012 ab. Die Musik verselbstständigt sich im Laufe der Tour, sie wird körperlicher und konfrontativer. Clark covert den Big-Black-Song »Kerosene« und bodycheckt sich durchs Publikum, am Ende wird sie auf Händen getragen. »Stagediving«, sagt sie, »ist die ultimative Verbindung zwischen Künstler und Fan. Man bietet sich den Leuten an wie ein Opferlamm.« Clark führt den Energieschub, den ihre Shows erfahren, auf die Strapazen und Rituale des Touralltags zurück, das Reisen, Warten und Wiederholen. Jeden Abend wühlt sie sich mit ihrer dreiköpfigen Band in dieselben Songs hinein, stößt auf neue Aspekte und dringt so zur Essenz der Stücke vor: »Wut und Aggression haben schon immer in mir gesteckt, aber erst auf dieser Tour habe ich gelernt, sie zum Ausdruck zu bringen.«

Ein Album kann immer nur die Saat sein, glaubt Clark, geerntet wird auf den Konzerten danach. Noch während der Strange-Mercy-Tour entsteht der Song »Krokodil«, das bisher einzige Stück von St. Vincent, das als Hardcore durchginge. Nichts auf ihrem neuen Album reicht an seine Aggression und Verachtung heran, »Krokodil« ist aber wichtig für St. Vincent, weil es Clark zu ihrer großen musikalischen Jugendliebe zurückführt. Das Album ist voll mit schnellen und verhaspelten Gitarrenriffs, die auch Metal-Songs tragen könnten, wenn Clark weniger verkünsteln und mehr verzerren würde. Powerchords erklingen im Gameboy-Sound, die Regeln des harten Genres werden gebrochen, seine Konventionen auf den Kopf gestellt. »Für mich ist Metal heute eher Werkzeug als Leidenschaft«, sagt Clark. »Seine Disneyland-Düsternis gibt mir nicht mehr viel. Ich habe keine Angst mehr vor den Monstern unter meinem Bett.«

Vor 20 Jahren war das vielleicht noch anders. Metal ist Mitte der 90er-Jahre jedenfalls ein guter Gehilfe für Teenager, die sich in einem Haushalt mit sieben Geschwistern und katholischen Eltern behaupten müssen. Annie Erin Clark wird 1982 in Tulsa geboren und wächst in einem Vorort von Dallas auf. Sie bringt sich Jethro-Tull-Songs auf der Gitarre bei und spielt Bass in einer Highschool-Band, die Metallica, Megadeth, Iron Maiden und AC/DC covert. Clark gefällt diese Musik, weil sie laut, schnell und athletisch ist: »Als Kind«, findet sie, »braucht man nichts anderes.« Später schreibt sie trotzdem den Soundtrack für eine Schulaufführung von Alice im Wunderland. Die Eltern wittern Talent und schicken sie auf Tour mit einer Jazzband aus der Verwandtschaft.

Nach dem Highschool-Abschluss zieht Clark nach Boston, studiert am Berklee College Of Music. Wie so viele Freigeister lernt sie dort vor allem, was sie nicht machen will, teilweise in schmerzhaften Praxiserfahrungen. Mit befreundeten Kommilitonen entsteht die EP Rats Live On No Evil Star, schon der Titel verweist auf die nudelige Mucker-Musik, an der sich Clark damals abmüht. Ihre Stimme ist schwer und kehlig, die Gitarre jazzig-angeberisch. Die EP erhält bestimmt gute Noten, wertvoller ist aber das Unwohlsein, das ihre zweckmäßige Art und die Benotung von Musik in Clark auslösen. Nach drei Jahren bricht sie das College ab, geht mit The Polyphonic Spree und Sufjan Stevens auf Tour, spielt zwischendurch im 100-Gitarren-Orchester von Glenn Branca. Noch bevor sie sich St. Vincent nennt, lernt Clark dabei die Unberechenbarkeit von kreativen Prozessen zu schätzen. Das Mysteriöse, sagt sie, bedeute ihr heute mehr als je zuvor. »Ich versuche Musik zu schreiben, die sich außerhalb meiner Reichweite befindet. Musik, nach der ich mich ein bisschen strecken muss. Die Songs sollten immer klüger sein als ich selbst.« (Weiter nach dem Foto)

St Vincent by Sabrina Theissen 2

Ob das nun der Fall ist auf St. Vincent, sei dahingestellt – die Songs sind jedenfalls hyperklug, beladen mit Referenzen durch alle Register und Disziplinen, verlinkt mit Clarks früheren Alben und der Gegenwart. Musikalische Anspielungen reichen von Pantera bis zu den Pointer Sisters, textliche Referenzen decken das Feld zwischen David Foster Wallace und dem chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky ab, einem weiteren cult leader in Clarks Leben. Ihre visuelle Inszenierung hat die Sängerin an diese Einflussliste angepasst. Das St.-Vincent-Cover zeigt sie auf einem pinkfarbenen Thron im plastikverliebten Stil der Memphis-Design-Schule, aufgedonnert wie eine Endgegnerin der Hexen von Eastwick. Das Setting erinnert an Bienenstock von innen. »Ich sehe aus wie ein Freak«, sagt Clark, und das passt dann ja.

Wenn sich überhaupt etwas Übergeordnetes aus all dem herauskristallisiert, dann ein Gefühl der Überforderung, das Clark auf St. Vincent ein bisschen durchdrehen lässt. Alles muss gleichzeitig und unmittelbar passieren, E-Gitarre und Synthesizer, Wallace und Dimebag, Verarbeitung und Weiterdenken, am besten immer gleich mit zwei Bedeutungen. »Das Leben spielt sich heute auf unzähligen kleinen Bühnen ab«, sagt Clark zu diesem Tanz auf tausend Hochzeiten. »Jeder von uns ist ein Performer, jeder ist sich seines Publikums bewusst. Wir dokumentieren unsere Erfahrungen und erwarten den Applaus von 100.000 digitalen Händen. Wir sind Voyeure und Exhibitionisten zugleich.«

Erste Folgerung daraus: Digitales und analoges Selbst driften auseinander, »bei den meisten Menschen sind sie höchstens noch entfernte Verwandte«, wie Clark sagt. St. Vincent reagiert, indem es alle Einflüsse offen- und übereinanderlegt. Das Album macht ihre Musik durchschaubar wie nie zuvor, in der Produktion treffen Klarheit und Künstlichkeit aufeinander, die Bruchstellen bleiben offen. Clark kopiert damit auch das Verhalten von Menschen, die sich Tweets, Posts und Pics im Sekundentakt um die Ohren schießen. Im Song »Digital Witness« wird daraus ein Zukunftsszenario, das nur noch für sehenswert hält, was für jeden einsehbar ist. Eine Idee, die Clark nach Edward Snowdens NSA-Enthüllungen kam, auch wenn diese »nur bestätigten, was sich sowieso schon jeder gedacht hat«, wie sie sagt. Interessanter als den Skandal findet sie deshalb die Reaktionen darauf. »Weil die Menschen ihr Privatleben nicht mehr schützen können, geben sie es auf und machen sich vollständig transparent. Nicht der Zugang zu Informationen, sondern Privatsphäre wird in Zukunft die harte Währung unserer Gesellschaft, das große Privileg der Eliten sein.«

Nächste Folgerung daraus: Der Ton wird rauer. Wer schon mal auf einem Message Board für Rockmusik oder dem Handy der Kanzlerin mitgelesen hat, wird bemerkt haben, dass für Nettigkeiten keine Zeit mehr bleibt. »Der zivilisierte Umgang der Menschen wird vor allem durch unser Schamgefühl geregelt«, glaubt Clark – wäre es nicht so peinlich, würden wir einander immerzu anschreien. »Nun ist das Internet aber eine Art Paralleluniversum, in dem dieses Schamgefühl nicht existiert. Wir springen giftig miteinander um, weil wir glauben, es bliebe ohne Konsequenzen. Dabei hat unser digitales Verhalten natürlich auch ganz reale, analoge Folgen.« St. Vincent kalkuliert auch das mit ein, es passt sich vor allem musikalisch den Begebenheiten an. Clarks Gitarre und ihre Gegenspieler spielen häufig die gleichen Melodien durch, einer ruppiger als der andere, viele Stücke enthalten mindestens einen Teil, der nichts mit dem Rest des Songs zu tun hat, die Übergänge sind harsch und kommen abrupt. Es wird zitiert, zerstört und neu zusammengesetzt. Was sich klauen lässt, wird außerdem geklaut. St. Vincent ist eine schamlose Platte.

Clark übt echte, emphatische Kritik darauf, »Call the 21st Century / Tell her give us a break«, singt sie in »Every Tear Disappears« und kann selbst nicht glauben, in was für ein Chaos sie hier geraten ist. St. Vincent ist aber kein pessimistisches Album, trotz Thron-Cover und cult-leader-Gedanken predigt es nicht von oben zu uns herab. Clark schwimmt im selben See wie alle anderen, sie ist genauso fasziniert wie fassungslos und kommt deshalb auch zu einem ambivalenten Fazit. Shit is fucked up, na klar, aber wer sagt eigentlich, dass es besser lief, als noch Schamgefühle unseren Umgang geregelt haben? Und liegt nicht die Hoffnung sowieso im Desaster? Das zu beantworten, sei nicht ihre Aufgabe, sagt Clark. »Technologie bestimmt unseren Alltag wie nie zuvor, aber wir werden immer technologiemüder. Um uns lebendig zu fühlen, gehen wir zunehmend extreme Wagnisse ein – und doch verlernen wir, manche Erfahrungen nur für uns selbst zu machen. Ich beobachte das und frage mich, wie es ausgehen wird. Ich werde mich aber nicht vor die Leute stellen und ihnen das Jüngste Gericht voraussagen.«

Dieser Artikel entstammt SPEX N°351, die es noch versandkostenfrei als Back-Issue im SPEX-Shop gibt. Der Vorverkauf für die St. Vincent-Tour findet sich auf spex.adticket.de.

SPEX präsentiert St. Vincent live
29.10.2014 Düsseldorf – Zakk
10.11.2014 Stuttgart – Wagenhallen
12.11.2014 Frankfurt – Mousonturm

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