Indies vs. YouTube: »Unser Partner ist nicht an Musik interessiert«

Broken TV by Shinichi Sugiyama under CC BY-SA 2.0
FOTO: Shinichi Sugiyama unter CC-Lizenz. Bearbeitet.

Google will YouTube um einen eigenen Musikstreamingdienst ergänzen und Inhalte von Indie-Labels von beiden Diensten ausschließen, sofern diese sich nicht auf reduzierte Konditionen einlassen. Wir haben mit einem Labelbetreiber über die Situation gesprochen.

Bereits in den »kommenden Tagen« könnte die Sperrung in Kraft treten. Das hat zumindest Robert Kyncl, Googles YouTube-Verantwortlicher, der Financial Times gesagt. Wer sich mit Google nicht auf einen Tarif für dessen kommenden Musikstreamingdienst einigen kann, dessen Inhalte werden auch von YouTube gesperrt. Und wie Christof Ellinghaus, Gründer des Berliner Independent Labels City Slang, SPEX.de bestätigte, hat YouTube bereits die bislang geltenden Nutzungsverträge einseitig gekündigt. Es sind gerade die Indies, die nun von der Sperrung betroffen sein könnten, denn mit den drei großen Major-Labels Universal, Sony und Warner konnte sich Google nach eigenen Angaben bereits für den neuen Dienst einigen.

Die großen Drei sollen allerdings bessere Konditionen erhalten haben als die Indies, was Letztere nicht hinnehmen wollen. Neu sind solche Alleingänge und Praxen keineswegs. Schon vor fünf Jahren hatte Google etwa zusammen mit Universal und Sony (sowie Abu Dhabi Media) die Musikvideoplattform Vevo gegründet, die im Übrigen vorläufig einen ermäßigten GEMA-Einführungstarif nutzen kann, weshalb die Videos auch in Deutschland zu sehen sind. Darüber hinaus sollen die Majors auch bei Streamingdiensten wie Spotify bessere Vergütungen ausgehandelt haben. Allerdings zahlt Spotify etwa 0,5 Cent pro Trackstream, der Konkurrent WiMP 1,3 Cent. Der Tarif beim kommenden Google-Angebot liegt, laut der Indie-Verbände, noch deutlich darunter – wenngleich auch über den 0,1 Cent, die Labels derzeit für einen Stream auf YouTube erhalten. (Alle Zahlen beziehen sich auf Deutschland und die Bilanz der Band Plan B)

Bereits am 4. Juni hatte sich VUT, der Verband unabhängiger Musikunternehmen e. V., mit einem offenen Brief an die deutsche Politik gewandt. VUT warnte vor einer kommenden Situation, »in der der gesamte internetbasierte Handel von kreativen Inhalten von nur zwei oder drei Offshore-Unternehmen bestimmt wird, die scheinbar die Absicht haben, so viel Profit wie möglich zu generieren, aber so wenig wie möglich an (die) Unternehmen und Künstlerinnen und Künstler zurückzugeben (…).« Auch A2IM, die American Association of Independent Music, richtete am gleichen Tag einen ähnlichen Brief an die US Federal Trade Commission. Mit welchen Konsequenzen Google den Indies droht, hatte der VUT schon am 23. Mai öffentlich gemacht, nachdem die Verhandlungen ziwschen WIN, dem Worldwide Independent Network, und YouTube gescheitert waren. Die Medienlandschaft – einschließlich SPEX – ignorierte das Thema jedoch überwiegend bis zu dieser Woche.

Nun sagte Alison Wenham, Leiterin von WIN, dem Guardian, Google sitze »einem simplen, aber katastrophalen Trugschluss, was ihre Sicht des Marktes betrifft, auf.« Helen Smith, Vorstandsvorsitzende der europäischen IMPALA, der Independent Music Publishers and Labels Association, lässt sich wiederum in einer VUT-PM zitieren: »Statt sich vom ›Störer‹ zum ›Zerstörer‹ zu wandeln, sollte Googles Herausforderung eher darin liegen, ein disruptives Entlohnungssystem zu entwickeln, das anerkennt, dass 80% aller neuen Veröffentlichungen, die für YouTubes Angebot so wichtig sind, von Independents generiert werden.«

In Deutschland besetzen Indies derzeit 30% des Musikmarkts, zu den von ihnen vertretenen Künstlerinnen und Künstlern gehören u. a. Jack White, Tom Waits, Kate Bush, Radiohead, Vampire Weekend, Cro, Arctic Monkeys, Brian Eno, Aphex Twin und vor allem Adele, die 2011 und 2012 kommerziell erfolgreicher war als jeder Major-Act. Zu den international etablierten Labels zählt auch City Slang aus Berlin. Arcade Fire und Tortoise veröffentlichten hier, aktuell sind The Notwist, Caribou, Calexico, oder Lamchop Teil der City Slang-Familie. Christof Ellinghaus hat das Label 1990 gegründet und für uns schriftlich einige Fragen zum jetzt eskalierten Zwist beantwortet.

Christof Ellinghaus, Google bzw. YouTube zahlt aktuell für einen Songstream noch deutlich weniger Nutzungsgebühren an die Labels als Spotify, der Marktführer bei den Streamingdiensten, welcher wiederum im Vergleich mit anderen Diensten unterdurchschnittlich wenig zahlt. Mit seinem Streamingangebot will YouTube diesen Umstand nun beheben. Woran stößt sich die Kritik der von Merlin vertretenen Labels?
Die Labels stoßen sich daran, dass YouTube nicht nur deutlich weniger per Nutzung/Stream zahlen mag, sondern YouTube ebenso für die Titel, die bisher kein Video haben, sogenannte Arttracks bauen wird und sich dafür weitere Prozente von der Nutzung abziehen möchte. Dass bedeutet, dafür, dass YouTube ein hübscheres Cover-Still bastelt, möchten sie auch noch als Hersteller bezahlt werden, um einen einheitlichen Look für ihre Kunden gewährleisten zu können.
Des Weiteren führt die Einführung eines Premium Subscription Services bei der größten Musiksuchmaschine der Welt dazu, dass alle anderen gerade vorsichtig am Markt etablierenden Streaming Services wie Spotify, Deezer, etc. die ja bereits aufgrund ihrer Zahlungen per Nutzung nicht von allen Künstlern geschätzt werden, einen Wettbewerber haben werden, der dadurch, dass er deutlich weniger für die Benutzung von Musik zahlen möchte, diesen Services die Lichter ausschalten kann. Dies führt zur weiteren Entwertung von musikalischen Werken, die den Labels und Künstlern zum Nachteil wird.
Abgesehen davon, dass die reine Marktmacht YouTubes die Bemühungen anderer Services, sich langsam zu etablieren, erheblich erschweren würde und die Sorge um eine auf übelste Weise dominante Marktstellung YouTubes mehr als gerechtfertigt ist …

Sollte eine Einigung zwischen Merlin und YouTube nicht zustande kommen, werden Labels wie City Slang dann schlicht auf die Nutzung der Plattform verzichten oder nach Alternativen suchen, etwa ein »Indie-VEVO«?
Da nicht absehbar ist, was im Falle einer Nicht-Einigung geschieht, ist es schwer, hier Vermutungen anzustellen. Denn: YouTube hat ja bekanntermaßen auch UGC-Inhalte, also jene, die von Nutzern hochgeladen wurden. Ob dieser von Nutzern selbst erstellte Inhalt, wenn er mit unserer Musik unterlegt ist, dann auch geblockt/gesperrt wird, ist mehr als fraglich. Dies würde bedeuten, dass YouTube-Kunden – abgesehen von der ohnehin anderen Voraussetzung hier in Deutschland wegen der GEMA-Situation – das Gefühl haben, dass Inhalte (mit selbsterstellten abfotografierten Coverartworks) weiterhin erhältlich/anhörbar sein werden und eventuell sogar einfach diese nicht-offiziellen von Usern erstellten Videos in den Premium Subscription Service integriert wurden. Bedeutet: Die Nutzer werden sagen: Guck mal, ist doch alles da! (Wie gesagt in Deutschland noch mal anders als in anderen Ländern.) Nur werden die Möglichkeiten, überhaupt Geld zu generieren, für die Labels nicht mehr möglich sein, zumal wohl auch das so genante Content-Management System für die Labels (welches sie zum Blocken oder Monetarisieren ermächtigt hat) abgeschaltet wird.

YouTube ist einerseits die marktbeherrschende Videoplattform. Andererseits werden bzw. sind viele Videos seit dem bis heute nicht gelösten Tarifkonflikt zwischen GEMA und YouTube in Deutschland gesperrt. Nutzer laden selbst Inhalte der Labels ohne Berechtigung auf ihre eigenen Kanäle. Welche Rolle spielt die Plattform heute überhaupt für ein Indie Label?
YouTube ist ja für die Etablierung von Newcomern schon ein extrem wichtiger Faktor. Es wäre daher sehr schädlich für Indie Labels, wenn die Majors die Möglichkeit hätten, ihre Künstler auf YouTube präsentieren zu können, wir Indie Labels dort aber nicht stattfinden. Außerdem sind gut gemanagte und monetarisierte YouTube-Channels bereits heute eine der Top 3 Einkommensquellen für manche Indies aus dem Digitalmarkt. Aus diesem Grund würden wir uns einfach wünschen, dass YouTube nie einen Premium Subscription Service gebaut hätte oder aber zumindest auf dem gleichen (miesen) Niveau vergütet wie andere Marktteilnehmer/Services im Streamingbereich.

Wie sähe Ihrer Meinung nach eine ideale Zusammenarbeit zwischen YouTube und einem Label wie City Slang aus?
Tja, neben dem eben angeschnittenen Punkt müsste sich wohl zunächst ein dramatischer Philosophie- bzw. Kurswechsel bei Google breitmachen. Das Problem ist doch, dass wir früher unsere Musik über interessierte Parteien vertrieben haben; Fachhändler bis hin zu WOM. Dann kam der semiinteressierte Händler dazu (der, der auch weiße Ware und Mikrowellen verkloppen will) und mittlerweile haben wir unsere Musik im digitalen Bereich leider komplett in die Hände von Firmen mit völlig anderen Interessenslagen gegeben. Will Apple Musik verkaufen? Nein, Hardware. Will Amazon Musik verkaufen? Ja, neben der Weltherrschaft und dem Totalen Verkauf von ALLEM. Will Spotify Musik verkaufen? Nein, Werbung. Google? Werbung. Youtube? Werbung.
Das sind unsere neuen Handelspartner. Wie könnte man also mit denen gut zusammenarbeiten?
Durch einen vernünftig bezahlten und nachvollziehbaren Service, der uns Indielabels und unsere Künstler nicht weiter entwertet und respektiert und im Googleschen Sinne nicht nur »Don’t be evil« vorgibt, sondern auch lebt. Und mindestens nicht seine Marktmacht ausnutzt, um uns zu schaden. Man darf ja nicht vergessen: YouTube hat uns die Kündigungen der bisherigen Verträge geschickt, nicht wir haben gekündigt. Sie lassen uns also nicht mehr mitmachen, weil wir Fragen zu ihrem Service haben, die sie sich selber nicht gestellt haben oder uns nicht rechtzeitig, also im Bau des Services, dazu befragt haben.

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