Die Nerven, im Schutt geboren

Die Nerven by Michael Donath

​Die nervenden Genervten: Julian Knoth, Kevin Kuhn und Max Rieger (v. l.)   FOTO: Michael Donath

Sie schreiben ganze Alben an weniger als einem Tag, fordern mehr Selbstachtung und bringen uns jede Menge paranoiden Fun: ein Portrait der Stuttgarter Band Die Nerven.

Die Nerven wollen »einfach hart ficken«. Und zwar euch da, in der zweiten Reihe. Euch Provinz-Mucker, euch Konfirmanden und Konformisten, euch, die ihr immer über Typen wie Die Nerven gelacht habt. Eine halbe Interview-Stunde haben sich Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn in Höflichkeiten geübt, doch dann platzt es aus ihnen heraus, und Schlagzeuger Kuhn bringt die Motivation der Stuttgarter auf den Punkt. Schon eine Split-Single mit Candelilla hieß Fick dich Alter!, sie erschien zwischen dem ersten Nerven-Album Fluidum und dessen nun vorliegendem Nachfolger Fun. All das ist binnen eines Jahres passiert.

Alles rast voran bei dieser Band. Sie sind Zöglinge des Post-Empire, sie wissen, dass es kein Außen mehr gibt. Aber das entbindet keineswegs von Verantwortung – vor allem gegenüber sich selbst. »Das ist immer noch dein Leben, auch wenn du selbst nichts mehr entscheidest«, singen Die Nerven auf Fun. Oder: »Wenn du Fehler machst, rettest du dich selbst.« Eine logische Fortsetzung der Fluidum-Berlin-Depesche »Irgendwann geht’s zurück«, in der es heißt: »Aber andere Städte ändern auch nichts an deinen Komplexen!«

Obendrein sind Die Nerven ein Nebenprodukt von Stuttgart 21. Im Freiraum der sogenannten Waggons auf einem ruhenden Gleis für Schuttabtransport trafen eines Abends Knoth und Rieger, die sich seit ihrer Umlandjugend kennen und gerade das zweite Nerven-Konzert überhaupt gaben, auf Kuhn, dessen damalige Band dort debütierte. Schnell fanden sie zusammen – und bald erste Bestätigung. »Man konnte zwei Tage vorher erst die Band gegründet haben«, erinnert sich Knoth an die mittlerweile mit neuem Konzept weitergezogene alternative Kulturstätte. »Trotzdem waren Leute bei deinem Konzert und sehr offen.« Zum Mittelpunkt des Bandgeschehens ist inzwischen Riegers WG geworden, »eine total heruntergekommene Bude, in deren Umkreis kein Mensch wohnt. Dafür haben wir ein Wohnzimmer und einen Proberaum.« Nur die Klingel fehlt.

In dieser WG haben Die Nerven einen Großteil der von Bekannten initiierten Kompilation Von Heimat kann man hier nicht sprechen (siehe SPEX N° 350) aufgenommen. Fünf Songs wurden es am Ende, eingespielt von fünf verschiedenen Bands, denn die Mitglieder von Die Nerven sind in verschiedensten Konstellationen auch unter anderen Namen aktiv: All diese GewaltWolf Mountains, Peter Muffin und Melvin Raclette. Letzteres ist ein Projekt von Kuhn, mit dem er satte 100 Soloalben veröffentlichen will. Allein über Weihnachten wurden 30 fertiggestellt und direkt hochgeladen. Die Soundqualität ist allerdings weniger als Lo-Fi.

Fürs Schreiben von Fun haben sich Die Nerven mehr Zeit gelassen, »netto vielleicht 16 Stunden«, so Kuhn. Anschließend wurde mit Ralf Milberg, der zuvor Human Abfall produzierte, aufgenommen. »Es ist uns schon wichtig, dass die Musik gut ist«, sagt Rieger. »Es geht nicht ohne Musik, es geht um die Musik.« Und um einen Fluss, wie Knoth fortführt, um Verbesserung gegenüber Fluidum, das »größer geworden ist, als wir es jemals erwartet hatten«. Nun lodern die Saiten dirty wie auf Sonic Youths Dirty vor sich hin, als Brit-Folie dienen statt den Buzzcocks Black Sabbath. »Paranoia, Paranoia!«, ruft es aus den zahlreichen Zwischenspielen. Den Gesang teilen sich Knoth und Rieger, die Texte machen Menschen nicht sichtbar, sondern durchsichtig. Für die Band könnte das Album sogar als Goth-Rock durchgehen, was, man denke an The Damned, gar nicht so abwegig ist.

Kuhn will »niemals die gleiche Platte zweimal machen«, die Kollegen träumen bereits von einem Album »mit Orgel, Streichern und Männerchor, aufgenommen in einer Kirche«. Einfach mal machen, ganz entspannt und befreit, das sei ohnehin »der Grundgedanke von Punk«, dem sich Die Nerven verpflichtet fühlen. Dieser freie Geist erlaubte ihnen auch, sich spontan an alte Helden zu wenden und mit einer ungehörigen Anfrage durchzukommen. Wollen Tocotronic nicht vielleicht im Video zum Fun-Song »Angst« mitwirken? Sie wollten – und so fanden sich Die Nerven im vergangenen Dezember selig-ungläubig in einem Jugendzentrum südlich von Berlin wieder und konnten den alten Helden dabei zusehen, wie sie als Imitationen von Die Nerven aufspielten.

SPEX präsentiert Die Nerven vom Sommer an bis zum November auf großer Tour. Alle Termine finden sich hier.

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