Fennesz Bécs

Aus Wien heraus beschert uns Fennesz ein neues Album. Bécs ist nicht weniger als ein sehr gehaltvoller Sundowner-Soundtrack auf Vulkaninseln geworden.

Christian Fennesz gehört zu einer Generation, zu einem Umfeld, das man mittlerweile endlich als die Dritte Wiener Schule bezeichnen könnte: Musiker, Sound-Gestalter, Klangkünstler, die vor der Jahrtausendwende, hauptsächlich rund um das Label Mego, einen Stil entwickelten, der ermöglichte, das künstlerische Sound-Design, die Traditionen von Free Jazz und Improv, die Lehren von Techno, Glitch und Electronica und die Reflexionsstände der neuen komponierten Musik gemeinsam und bezogen aufeinander weiterzuentwickeln. Fennesz war, neben Farmers Manual, nicht nur eines der ersten und wichtigsten Aushängeschilder von Mego, er war auch bei der Neugründung des Labels im Jahr 2006 mit einer Wiederveröffentlichung seines Albums Endless Summer (ursprünglich 2001 erschienen) der erste Künstler auf der sich seither Editions Mego nennenden Plattform.

Setzt man Christian Fennesz in Beziehung zu anderen Künstlern, mit denen er zusammengearbeitet hat und heute noch zusammenarbeitet – wie etwa Franz Hautzinger, Peter »Pita« Rehberg, Werner Dafeldecker und Burkhard Stangl –, dann befindet er sich am maximal Pop-orientierten Pol dieser Möglichkeiten. Mit dem Endless Summer hat er die Beach Boys ausdrücklich gemeint und sie dann folglich nicht nur mit elektronischem Schrot beschossen, sondern ihnen auch einen Sockel aus delikater Sentimentalität errichtet. Später waren es, von meiner Geschmacksposition aus gesehen, eher Kitschmeister wie Ryuichi Sakamoto (einst und phasenweise immer wieder: Yellow Magic Orchestra) oder David Sylvian (einst: Japan), mit denen Fennesz als Partner überraschte. Dennoch nahm er daran keinen Schaden beziehungsweise das von ihm vertretene Ideal einer ins Trans- und Posthumane gleitenden, knurschpeligen Erhabenheit: ein Streuselkuchenplanet, über dem aber immer eine riesige Sonne strahlt und auf dem alle Bewegungen Opium-esserisch verlangsamt sind.

Auch Bécs kann man sich heute schon fast als Entspannungsmusik vorstellen, als Sundowner-Soundtrack auf Vulkaninseln. Der Titel ist das ungarische Wort für Wien und spielt auf des Künstlers doppelte Wurzeln an; doch das Einzige, was das Albumcover (wie schon jenes für Endless Summer einmal mehr von Tina Frank gestaltet) eventuell von Wien zeigt, ist ein verwischtes Foto, das die petrol-chemischen Industrieanlagen darstellen könnte, die sich unmittelbar in der Nähe des Wiener Flughafens, über Kilometer an Autobahn und Bahnlinie entlang, als extrem künstliche Architektur wie eine Stadt aus dreidimensionalen Neunzigerjahre-Bildschirmschonern oder wie Peter-Kogler-Kunst ausnehmen. Auch Wien kann man sich so ganz posthuman ausmalen, um sich dann vor lauter strahlender Erhabenheitslaune wieder mitten ins menschlichste Gefühl zu stürzen.

Typisch ist für diese Platte die Mitte. »Liminality«, der dritte Track, ist geradezu cantabile. Man möchte eine Ballade dazu verfassen – dann wird man mit »Pallas Athene« aber sehr dazu gezwungen, die eigene sophistication in den Kitsch des Schwelgeklangs hinein zu entspannen (so wie man sich in den Schmerz hinein entspannen soll, um eine Verkrampfung zu lösen). Das Titelstück »Bécs« ist danach fast Rock’n’Roll. Man sieht revolutionäre japanische One-Riff-Psychedeliker vor sich, wie sie sich auf die schaumige Repetition mit Steigerung stürzen würden. Und nach dieser fast schon gemütvollen Trilogie kommt dann wieder das Streuselige zu seinem Recht: in »Sav*«, das gemeinsam mit Cédric Stevens entstand (der mal in meiner Lieblingsband South Of No North gespielt hat). Schöne Dramaturgie!

Bécs ist im Übrigen auch eine sehr gehaltvolle Platte: Die noch so gemütvolle Zugänglichkeit schützt nicht vor gewissen ästhetischen Brennwerten. Jede stilistische, künstlerische Position, die eingenommen wird, ist sehr genau beschrieben, die Auflösung hoch, die Details unschlampig. Hauptbezugspunkt von Fennesz ist hinter und unter allem immer noch und immer wieder: die Gitarre. Sie watet in wenig variierten Acid-Folk-Gebirgsakkorden mit nach innen gewandtem Blick weiter, sich auf Einbrüche von goldenen Störgeräuschen vorbereitend.

FENNESZ
BÉCS
EDITIONS MEGO / GROOVE ATTACK
ALBUM – 30.05.2014