Review: Fenster The Pink Caves & Hundreds Aftermath

Fenster
Fenster   FOTO: S. Urzendowsky

Fenster und Hundreds veröffentlichten just mit The Pink Caves bzw. Aftermath ihre neuen Alben. Wir lernen: Wald ist nicht gleich Wald.

Der Wald von Twin Peaks ist kein natürlicher Ort, hier geschieht Übernatürliches. Böse Seelen besetzen in einem Moment der Unaufmerksamkeit deinen Avatar und: »The owls are not what they seem.« Wie klingt ein solcher Wald? In einem YouTube-Video sieht man den hoch intuitiven Score-Komponisten Angelo Badalamenti auf wunderbare Weise seine Zusammenarbeit mit David Lynch erklären. Als Badalamenti die Melodie gefunden hat, sagt Lynch nur: »Take me back into these woods, Angelo!«

Die Berliner Band Fenster wollte diesen Wald aufsuchen, um den dort vorhandenen Schwingungen nachzuspüren. Ihr neues Album heißt The Pink Caves, und darauf finden sich einige Referenzen an die bekannte Fernsehserie. Den besonderen Badalamenti-Synthesizer, der einen sanft, aber unausweichlich in eine andere Welt mitnimmt, hört man beispielsweise im Song »The Light«. »Cat Emperor« erinnert zu Beginn an den Gitarrensong des Rockabillies James und der brünetten Donna, doch am genauesten treffen Fenster die Naivität, mit der Twin Peaks das Motiv Liebe verhandelt, auf dem Stück »True Love«: »I’m going to see my true love tonight / I’m going to watch him die.« Das hat mit Julee Cruise, die mit ihrem verhuschten Shoegaze-Gehauche an diversen Stellen in der Serie auftritt, musikalisch zwar nicht mehr so viel zu tun, trifft aber auf wunderbare Weise das dominanteste Thema der Serie überhaupt, das besagt, dass man seinen Gefühlen und Trieben vollkommen ausgeliefert ist.

Abgesehen vom Gehölz in Twin Peaks klingen Fenster sowieso ziemlich waldschratig. (Vom Berliner Szenefotografen Maxime Ballesteros haben sie sich schon vor einiger Zeit unter düsterem Laubwerk und Geäst ablichten lassen.) Der nebulöse, getragene Sound, die Tremolo-Gitarren und die Chöre auf The Pink Caves werden nämlich oft durch Klimbim gebrochen, der so klingt, als ob die Instrumente aus Unrat und selbstgefällten Bäumen hergestellt worden wären.

Ein dunkler Wald erscheint auch auf dem Cover des Albums Aftermath von Hundreds, einem Geschwisterpaar aus Hamburg. So richtig fürchten mag man sich zwischen diesen Bäumen aber nicht, eine Nacht in einem dort auf einer Lichtung aufgeschlagenen Zelt stellt man sich eher schön vor. Wenn man beschreiben müsste, wie der Wald klingt, der das Album Aftermath ist, würde man wohl feststellen, dass es kein mysteriöser und dunkler, sondern ein heller, moosiger Wald mit darin herumspringenden Eichhörnchen ist. Ein Ort, an den Städter gerne für ein paar Tage rausfahren würden, um nachzudenken und runterzukommen. Der Sternenhimmel ist hier immer klar. Während man dem Klang der Sternschnuppen lauscht, denkt man ausschließlich über die großen Themen des Lebens nach und fühlt alles, ohne reizüberflutet zu sein.

Bezeichnenderweise haben sich Hundreds, ebenfalls waldschratig, aber eher so BonIver-mäßig, aus dem hiesigen Treiben in ein im Nirgendwo selbstgebautes Studio zurückgezogen, um mit Aftermath ein Album aufzunehmen, das für das, was es ist – stille Pianokompositionen ergänzt um Streicher und elektronische Spielereien, die sehr nach Apparat klingen –, ziemlich perfekt geworden ist. In welchem Wald aber man letztendlich lieber spazieren geht, das ist Charaktersache.

Fenster The Pink Caves
FENSTER

THE PINK CAVES
MORR MUSIC / INDIGO
ALBUM – 07.03.2014

Hundreds Aftermath
HUNDREDS

AFTERMATH
SINNBUS / ROUGH TRADE
ALBUM – 14.03.2014

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