CTM 2014: James Holden & das Moritz von Oswald Trio

Moritz von Oswald Trio
Das Moritz von Oswald Trio mit Neumitglied Tony Allen im Berghain  FOTO: CTM / Marco Microbi

Was ist eigentlich Präsenz? Welches Instrument dominiert den Raum? Der gestrige CTM Festival-Abend bot mit dem Moritz von Oswald Trio samt Tony Allen, James Holden & Band sowie Hobocombo Anlass zu einem passenden Frage-Antwort-Spiel.

War Louis Hardin anwesend?

Nein, dafür aber das italienische Trio Hobocombo, dass sich seinen Kompositionen unter dem Namen Moondog annahm.

Meinst du, Hardin hat es wenigstens gesehen?

Das kommt ganz auf deinen Glauben an. Vielleicht wanderte er gerade über die Straßen New Yorks, auf denen er jahrelang gelebt hatte. Oder er badete im Rhein. Vielleicht hockte der vor 15 Jahren Verstorbene aber ja tatsächlich irgendwo mit seinem göttlichen Alter Ego Odin auf der Logenmauer. Wohlmöglich steckte er sogar hinter den sechs riesigen Pfauenaugen, vor denen Rocco Marchi, Francesca Baccolini und Andrea Belfi musizierten. Die ursprünglichen Interpreten jener maritimen Traditionals, die sie unter ihre Interpretationen mischten, waren jedenfalls nicht anwesend. 

Wovon redest du da eigentlich?

Von einem Fluss, einem Strom. Nicht dem Rhein zwar, auch nicht der Spree, aber einem Band der Musik, dass hier und da auch mal unzwingend versickerte, insgesamt jedoch drei Stimmen und sieben Instrumente verschwimmen ließ. Ein eigenartiger Folk war das, Einkaufs- und Seidenstraße zugleich. War das jetzt noch der Kontrabass, der da dröhnte, oder doch schon das Gitarrenfeedback? Hatte ihr überhaupt noch jemand die Führung inne?

Warum stellst du denn jetzt die Fragen?

Entschuldige bitte, ich war abgelenkt, versunken, Kopf unter. Schon bei James Holden, das Blut wollte mir in die Glieder sacken. Der Abend spielte sich ja weiterhin im HAU1 ab, sitzend. Und Holden war diesmal nicht allein am Pult, sondern hatte in den Personen von Saxofonist Etienne Jaumet und Schlagzeuger Tom Page eine kleine Band um sich geschart, um sein Album The Inheritors aufzuführen. Musik für Füße und Synapsen, ganz klar. Der synthetische Bass überlagerte zwar mitunter arg Pages Spiel und Jaumet schien sich auch eher an Letzterem zu orientieren als am Knöpfe drehenden und drückenden Holden, doch solche Dissonanzen gaben dem Rahmen erst recht die nötige Spannung. Stücke wie »The Caterpillar's Intervention« machten so die Tyondai-Braxton-Battles vergessen. Schlussendlich entpuppten sich die einzelnen Lieder live als große konzentrische Anordnung, während auf der Leinwand kleine Musikamöben fröhlich pulsierten und aus Fingerabdrücken Flechten wurden. Dieses Konzert hatte Grip.

Hätte das nicht wunderbar ins Berghain gepasst?

Absolut, absolut. Aber da war ja bereits das Moritz von Oswald Trio, wobei man beide Konzerte locker zeitlich miteinander verbinden konnte. Was zahlreiche nutzten, schließlich trat das Trio erstmals mit Tony Allen statt Vladislav Delay am Schlagzeug auf.

Eine Weltpremiere?

Exakt. Sie begann entspannt-verhalten. Ganz locker begann der Afrobeat-Taktgeber Set und Handgelenke warmzuspielen. Das Spiel war dabei stets wichtiger als die Präzision. Max Loderbauer und Moritz von Oswald begannen vorsichtig, ihre Klangbauten darunter zu schieben, was allerdings nicht so recht gelingen wollte. Durchaus traf man sich auf der selben Ebene, man war nur in unterschiedliche Richtungen unterwegs. Allen deutete immer wieder Wechsel an, seine Interventionen blieben aber meist ohne Antwort. Seine Gegenüber zogen stattdessen einfach weiter ihre Wände hoch. Die Abmischung blieb dazu vage, unverbindlich. Erst in der Mitte des Sets fand auch die linke Seite eine zweite und eine dritte Dimension – ein gemeinsamer Groove, eine Dringlichkeit entstanden. Das Finale setzte dann erst recht Belang über Belag.

Das Beste kommt also durch zum Schluss?

Bitte, wir müssen uns doch nicht gleich in Plattitüden versteigen.

Gut. Willst du mir diesmal gar nicht sagen, was zu sehen war?

Doch. Tony Allen trug weiße Hose und Hemd mit Ornamenten zu schwarzem Hut und Camouflage-gemusterte Chucks. Bis in die letzte Ecke strahlte sein gütiges Lächeln, während der Scheinwerfer in seinem Rücken Allens Silhouette überlebensgroß auf die Decke zeichnete. 

Was bleibt zu sagen?

Mark Bain hat zwar anschließend die Bassuntergrenze des Function One-Systems gesucht und gefunden – das Berghain zitterte wie noch nie, auch weil Bain seine Schwingungen direkt in das Gebäude leitete –, aber letztendlich wird wohl doch nur Jazz die Welt heilen können. Im erweiterten Sinne. Vielleicht.

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