CTM 2014: Editions Mego

Kasseler Jaeger
Promofoto von Kasseler Jaeger

Das heterogene Roster des Wiener Labels Editions Mego eint die Kompromisslosigkeit. Mit gleich drei Veranstaltungen wurden Aufführungspraxen und Rezeptionsverhalten beim CTM auf die Probe gestellt. Auch unsere.

Wien, Mitte der neunziger Jahre. Nach einer Party kommt Peter Rehberg nach Hause und hört seinem Kühlschrank zu. Gut klingt das!, findet der gebürtige Londoner. Von ihm und Bekannten werden daraufhin Aufnahmen gesammelt und in einem Berliner Tonstudio zusammengesetzt. Sie erscheinen 1995 als Fridge Trax erscheinen. Die Platte markiert den Start des Labels Mego, das Rehberg mit Ramon Bauer, Andreas Pieper und Peter Meininger ins Leben ruft. 

Mittlerweile betreibt Rehberg das nunmehr Editions Mego betitelte Imprint allein und hat es als Institution für unkonventionelle Soundkonzepte etabliert. Unter seiner Aufsicht haben sich Sublabels wie Spectrum Spools, Ideologic Organ, Sensate Focus und Recollection GRM etabliert. Letzteres widmet sich dem Erbe der Groupe de recherches musicales. Eingeleitet durch einen Vortrag von Christian Zanési markierte die Vorführung von Werken einiger GRM-Mitglieder den Auftakt der fünfteiligen Editions Mego-Konzertserie im Rahmen des CTM.

Den zweiten Teil beginnt François Bonnet alias Kassel Jaeger im stockdunklen HAU2. Andächtig schraubt er inmitten des Publikums an seinen Gerätschaften, lässte dröhnende Soundscapes durch die acht kreisförmig angeordneten Lautsprecher mäandern. Surround-Drones, die Ehrfurcht einfordern: In den kurzen Pausen wagt niemand zu klatschen. 

Bei Jim O’Rourkes Klanginstallation zeigt sich, wie leicht sich solch eine Performance stören lässt. Ein Handyklingeln hier, eine umgeworfene Bierflasche dort schneiden sich schmerzhaft durch die Mischung aus irischen Fiedelpassagen, japanischem Stimmengewirr und Jim O’Rourkes markantem, kurios-schönen Gitarren- und Bassdrones. Dass der Wahltokyoter O’Rourke nicht anwesend ist, sorgt für Unsicherheit und wirft Fragen auf. Wann ist das Stück vorbei? Muss für einen abwesenden Künstler geklatscht werden? Braucht es die Instanz des Performers?

Main, das Projekt des Loop-Gitarristen Robert Hampson mit Unterstützung seitens des Multimediakünstlers Stephan Mathieu, lässt etwas Licht ins Dunkel und zeigt sich konzentriert über Laptops gebeugt. Mit denen tauchen die beiden das HAU2 in dichte Drone-Wolken. Eine abstrakte Screengaze-Komposition, die luzide Träume zu befeuern scheint. So schön es aber wäre, auf einem der Sitzsäcke abzudriften: Der dritte Teil wartet schon, es geht weiter ins Berghain. 

Dort zerhäckselt Russell Haswell bereits knallende Beats im Gabber-Tempo und entfesselt endlose Harsh-Noise-Kaskaden. Selbst für den gemeinhin folterfreudigen Briten ist es eine strapazierende Performance, die nur eine wenige Mutige in den ersten Reihen zu mutigen Verrenkungen animiert. 

Mit Yasunao Tone radikalisiert sich der Abend: Das, was der Japaner mit ausdruckslosen Gesichtszügen und kantigen Armbewegungen auf dem Dancefloor entfesselt, überfordert eine halbe Stunde lang alle Sinne. Nervenaufreibend und ohrenbetäubend. Krach als Krieg. 

Peter Rehberg und Sunn 0)))-Begründer Stephen O’Malley dann zeigen sich besser gelaunt als ihr Sound. Die beiden spielen als KTL ebenso genüsslich mit den Möglichkeiten des Soundsystems wie zuvor Haswell. Mächtige Subbässe drücken aus den Boxen, subtile Rhythmen finden sich zusammen und verlaufen sich wieder. Ebenso massiv wie beeindruckend. 

Chris Madak, der als Bee Mask auf Spectrum Spools veröffentlicht, spielt anschließend Ping Pong mit der Wahrnehmung. Es klingt und klangt aus allen Ecken des Raums, der durch die quasi-psychoaktiven Synthie-Sounds größer scheint, als er eigentlich ist. 

Das sich zunehmend lichtende Publikum – es ist bereits kurz nach zwei Uhr morgens – nimmt nach den fordernden Erfahrungen unter erschwerten Konzertbedingungen den Auftritt des Russen Ivan Pavlov als CoH dankbar an. Visuell begleitet von Tina Frank schließen tonnenschwere, immerhin aber gerade Beats einen Abend ab, der alle Gewohnheiten und Erwartungen auf eine harte Probe gestellt hat. Ein nahezu versöhnliches Ende. 

Der vierte Teil der Editions Mego-Konzertserie widmet sich dem von Stephen O’Malley kuratierten Sublabel Ideologic Organ. Im HAU2 wird Mats Lindström am Donnerstag um 20 Uhr eine Komposition des 2005 verstorbenen Ákos Rózmann aufführen. Den Abschluss der Reihe bestreitet Spectrum Spools-Chef John Elliot von Emeralds als Outer Space am Freitagabend im HAU1, unterstützt wird er von Innode. Heute Abend bietet das CTM Festival Hobocombo und James Holden mit Band im HAU1, Rabih Beaini, Charles Cohen und das Upperground Orchestra im HAU2 sowie Anne Wellmer & Julia Eckhardt, Moritz von Oswald Trio featuring Tony Allen und Mark Bain im Berghain.