Saâda Bonaire: »Heute nennt man das Bassmusik!«

Stephanie Lange und Claudia Hossfelds Inszenierung von Saâda Bonaire

»Ich durfte nur auf den Auslöser drücken.«: Bei Stephanie Lange und Claudia Hossfelds Inszenierung von Saâda Bonaire war Ralph von Richthoven außen vor

»Wir wollten den Millionen türkischer Einwanderer eine Stimme in der Musik aus Deutschland geben, wie in Frankreich oder England.«, erinnert sich Ralph von Richthoven. Ein Interview über seine just vom New Yorker Label Captured Tracks wiederentdeckte Global-Disco-Band Saâda Bonaire aus Bremen.

Eigentlich müssten Saâda Bonaire heute legendär sein. Anfang der 1980er Jahre spielt die Band Disco-Funk mit Einflüssen aus dem Mittleren Osten und einer Prise No-Wave-Ästhetik, wie man ihn bis heute selten gehört hat – und sicher noch nicht zu ihrer Zeit. EMI-Electrola wird auf die Gruppe um Stephanie Lange und Claudia Hossfeld aufmerksam und erklärt sie zur großen Hoffnung des Labels. Der Durchbruch scheint nur eine Frage der Zeit. Stattdessen kommt alles anders.

Quasi über Nacht stößt EMI Saâda Bonaire ab, die daraufhin in Vergessenheit geraten. Jetzt brachte das Captured Tracks‘ Sublabel Fantasy Memory eine Reissue des Bremer Fusion-Funk-Projekts heraus, auf der man erstmalig das gesamte Material der Band hören kann – nachdem es zuvor fast 30 Jahren im Keller verstaubte. SPEX sprach zu diesem Anlass mit Bandgründer Ralph von Richthoven, der Anfang und Mitte der 80er auch für dieses Magazin aus Hamburg berichtete.

Ralph von Richthoven, Sie gründeten Anfang der 80er Saâda Bonaire. Wie kam es dazu?
Damals war ich DJ im angesagtesten Club von Bremen, dem Römer. Die Musik, die ich dort gespielt habe, wollte ich auch selbst irgendwie produzieren. Außerdem arbeitete ich beim Senat in einer ABM-Stelle und war zuständig für die Ausländerkulturarbeit in Bremen. Dort saß ich mit einem Kollegen zusammen, der für die Musikbunker zuständig und außerdem Bassist war. Wir hatten den selben Musikgeschmack und haben angefangen zusammen zu spielen. Irgendwann konnte ich meine damalige Freundin Stephanie überreden, dass sie dazu singt.
Gleichzeitig arbeitet ich für ein Monatsmagazin als Musikredakteur und als ich für die eine Kompilation mit Musik aus Bremen zusammengestellt habe, wollte ich ganz gerne auch meine eigenen Sachen drauf haben. Also bin ich dann los und habe Leute, die ich aus dem Nachtleben kannte, eingeladen, etwas zu dem Projekt hinzuzufügen. Ich habe denen dann Platten von DAF oder so vorgespielt und sie gebeten, etwas in die Richtung zu improvisieren. Heute würde man das wohl mit Samples machen, die es damals so nicht gab. Als nach der Veröffentlichung ein Label Interesse zeigte, habe ich dann jeden zusammen getrommelt, den ich aus der Musik kannte und bin mit denen ins Studio gegangen. Das war der Punkt, an dem die Sache etwas ernster wurde.

Die Band hatte also mehr den Charakter eines Kollektivs? Sie hatten ja einen durchaus reichhaltigen Sound.
Ja, das stimmt, wir sahen uns auch eher als Pop-Art Projekt denn als Band. Ich arbeitete auch als Manager für verschiedene Gruppen aus Bremen und kannte von daher so ziemlich jeden interessanten Musiker aus der Szene.

Wie kamen Sie auf den Namen Saâda Bonaire?
Wir wollten, dass mehrere Sachen im Namen transportiert werden. Zum Einen orientalische Elemente. Saâda ist ein ganz kleiner Ort in Algerien, irgendwo in der Wüste. Außerdem wollten wir unseren Einfluss von afro-kubanischer Musik und Raggae abbilden. Bonaire ist eine winzige Insel in der Karibik. Das ganze sollte darüber hinaus noch wie ein Frauenname klingen, also musste unbedingt ein Wort, das auf A endet am Anfang stehen. Uns ging es nämlich auch darum, frauenspezifische Themen zu transportieren.

Auch visuell haben Sie mit orientalischen Einflüssen geflirtet.
Ja. Aber ich muss zugeben, dass die beiden Mädels sich das damals ausgedacht haben. Damit hatte ich wenig zu tun. Da durfte ich nur auf den Auslöser drücken.

Die Single »You Could Be More Than You Are« entstand in Kraftwerks Studio N mit dem Produzenten von Fela Kuti, The Pop Group oder Orange Juice, Dennis Bovell, an den Reglern. Wie kam es zu dieser Konstellation?
Also ich bin riesiger Reggae-Fan und war es schon damals. Über die Platten von Linton Kwesi Johnson bin ich auf Dennis Bovell gestoßen, weil ich den Namen in diesem Kontext öfter gelesen hatte und mit ihm arbeiten wollte, unbedingt. EMI wollte uns eigentlich in Möchengladbach bei Conny Plank unterbringen, weil der damals etwas mit Tom Tom Club gemacht hatte. Doch ich wollte unbedingt Dennis, ihn oder niemanden. Und am Ende haben wir ihn bekommen (lacht).

Und wie haben Sie das Studio N bekommen?
Wir wurden von Anfang an bei EMI relativ hoch gehandelt. Unser Labelmanager war sehr von uns überzeugt. Damals nahmen wir zwei Wochen in einem recht renommierten Bremer Studio auf, wurden aber in dieser Zeit mit unseren vier Stücken nicht fertig, weil wir mit irrsinnig vielen Musikern im Studio waren. Außerdem kam der Techniker ständig mit Dope an und alle waren höllisch bekifft. Das war wirklich schwierig. Dann musste Dennis mit seiner Band auf Tour und es sollte eigentlich in den EMI Studios weiter gehen, doch die waren besetzt. EMI wollte aber unbedingt, dass wir in Köln aufnehmen, damit sie die Produktion unter Kontrolle bringen konnten. Das Einzige was dann noch frei war, war das unglaublich teuere Studio N von Kraftwerk, wo wir dann auch rein sind. (Weiter nach dem Bild…)

ralph-von-richthoven
Ralph von Richthoven im Studio

War es damals eine bewusste Entscheidung, die Einflüsse deutscher Migranten aus dem Mittleren Osten in die Musik einzubinden?
Ja, absolut. Wir haben die afro-kubanischen Einflüsse in amerikanischer Musik dieser Zeit gehört, den Einfluss der Musik von Immigranten aus der Karibik auf die englische Musik, oder der Rai-Musik aus dem Magreb in Frankreich. In Deutschland gab es Millionen türkischer Einwanderer, die jedoch in der Musik aus Deutschland keine Stimme hatten und übrigens auch heute noch nicht wirklich haben. Ich sammelte bereits seit 1975 Musik aus Ägypten und der Türkei. Also mussten wir das machen, auch wenn es in der Realität schwer umzusetzen war. Ich kannte die Leute ja auch alle durch die Kulturarbeit. Wenn man genau hinsieht waren das meistens kurdische Separatisten, PKK und so (lacht).

Sie hatten ja eigentlich die besten Voraussetzungen für den Durchbruch. Doch mehr als die Single wurde bisher nicht veröffentlicht. Was ist passiert?
Eigentlich ist das schon vor der Single geplatzt, weil der Finanzchef von EMI stinksauer auf den A&R Chef war, der ständig das Budget überzogen hatte. Wir hatten beispielsweise einen Deal über 25.000 DM Produktionskosten für eine Single und am Ende hatten wir eine Rechnung von 125.000. Da ist der natürlich total abgedreht, wollte ein Exempel statuieren und hat uns komplett den Stecker gezogen. Danach ging nichts mehr, das war‘s.

Wie wurde Ihr altes Material nach fast 30 Jahren wiederentdeckt?
Ein Freund von mir hat mir einmal gesteckt, dass unsere alte Single für Preise um die 1.000€ gehandelt wird. Das fand ich natürlich total verrückt, aber irgendwann kam ein Anruf von Andy (Grier) von Captured Tracks, der den ganzen Kram haben wollte. Rein zufällig hatte ich das alles noch ein meinem Keller, den Rest hatte ich schon längst weggeworfen. Daraufhin haben wir hier bei Radio Bremen in einer sehr aufwändigen Aktion über eine Woche hinweg das völlig abgerockte Bandmaterial rekonstruiert. Wir haben hier einen Techniker, der sich mit so etwas auskennt. Als ich das anfangs gehört habe, dachte ich man könnte es wegwerfen, doch nach einer Woche bin ich dem Mann fast um den Hals gesprungen, so super hörte sich das an.

Ist es nach all dem eine Genugtuung für Sie, dass die Musik auch nach drei Jahrzehnten noch relevant ist?
Ja natürlich, auch wenn es etwas spät kommt (lacht). Ich glaube wir haben damals einfach versucht, zu viele Sachen auf einmal zu vereinen. Das konnte damals niemand richtig einordnen. Was ich damals erreichen wollte, wäre heute jedoch technisch realisierbar. Heute nennt man das Bassmusik, Slow-Motion-House. Damals war das technisch einfach nicht möglich.

Und möchten Sie selbst wieder etwas machen, jetzt wo Ihre Vision technisch möglich ist?
Nein. Es gibt noch immer Angebote, dass ich irgendwelche Sachen produzieren soll, doch ich sage immer wieder, dass ich das nicht machen möchte. Ich bin Radiomann, Musikredakteur, Diskjockey und stelle Compilations zusammen. Meine Frau freut sich immer, wenn sie sich mal sieht. Nein, das reicht mir.

Gibt es noch mehr von Saâda Bonaire zu hören oder sind die Bestände erschöpft?
Nein, die haben alles genommen, was ich hatte. Bis auf die Coverversionen, das war ihnen zu riskant.

saada-bonaire

abo_neu

SPITZENABO & SPITZENPRÄMIEN

ZUM SHOP
spex_no369_final_cover_240_kiosk

VERSANDKOSTENFREI: DIE NEUE
SPEX &
BACK ISSUES
IM ONLINESHOP

ZUM SHOP
ZUM SHOP

Onescreener – Share Your Passion

Der Trend geht in Richtung Einfachheit: Onescreener ist die smarte Website für Artists.

SPEX präsentiert Tauron Nowa Muzyka Festiwal

Ein gutes Argument, Polen mit auf die Karte des Festivalsommers zu nehmen, ist das Tauron Nowa Muzyka Festiwal in Katowice westlich von Krakau.

Auf ins Gefecht: SPEX präsentiert das Fuchsbau Festival 2016

Foto: Tonje Thilesen Fünf Jahre gibt es das Fuchsbau Festival bereits. Es hat in dieser Zeit nicht nur zur Belebung des Hannoveraner Umlands beigetragen, sondern mit seinem anspruchsvollen Programm…

Album der Ausgabe: JaKönigJa »Emanzipation im Wald«

Sängerin und Cellistin Ebba Durstewitz versieht jeden gängigen Pop-Jargon mit einem Maulkorb – Innerlichkeitspathos? Fehlanzeige.

SPEX präsentiert: [PIAS] Nite mit Bohren & Der Club Of Gore

Bohren & Der Club Of Gore live in einer Kirche, noch dazu im November: Der Herbst kann kommen. SPEX präsentiert die [PIAS] Nite in Berlin.

Die Antwoord: Neues Album, neuer Deutschlandtermin / Ticketverlosung

Zef-Style in Gelsenkirchen: Die Antwoord kommen mit ihrem vierten Album nach Deutschland, SPEX hat die Tickets.

Family 5 »Was zählt« / Review

Immer wieder genial, Peter Heins romantische Durchhalteparolen!

Pet Shop Boys live – Royal Opera House Music

30 Jahre sind seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums Please vergangen. Wurden die Bitten der Pet Shop Boys endlich erhört? Sie bekamen das Londoner Royal Opera House als Spielwiese für vier Greatest-Hits-Shows.

SPEX präsentiert A L’Arme! Festival / Ticketverlosung

Das A L’Arme Festival bietet vier Tage voller experimenteller Sounds und ist dieses Jahr sowohl im Berliner Berghain als auch im Radialsystem V beheimatet. SPEX verlost Tickets.

Gegenkultur, versammle dich! »Decoder«-Filmvorführung im Acud Studio mit Klaus Maeck

Eine illustre Auswahl an Underground-Ikonen, gute Musik und ein auf William S. Burroughs‘ Ideen beruhendes Drehbuch: Der Low-Budget-Klassiker Decoder ist es wert, wiederentdeckt zu werden. Möglich ist das im Acud Studio.

»Wir imitieren nicht, wir erschaffen« – Idris Ackamoor im Interview

Idris Ackamoor (links im Bild) auf der Bühne Auf ihren Konzerten macht sich die Band The Pyramids erst mit dem Publikum bekannt, bevor sie die Bühne betritt. Der Gemeinschaftsgedanke…

Lebenslänglich Journalismus – Çiğdem Akyol über den Kampf um die Pressefreiheit in der Türkei

Wer in der Türkei dieser Tage von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen will, kann seine Freiheit schnell wieder los sein. Çiğdem Akyol lebt als Journalistin in Istanbul und hat von dort aus auch über den Putschversuch am 15. Juli berichtet. In der aktuellen Printausgabe SPEX N° 369 schrieb sie über den Kampf für und gegen die Pressefreiheit in der Türkei. Aus gegebenem Anlass ist der Text nun in voller Länge online zu lesen.