Casper

Casper: Mit XOXO gelang ihm der große Durchbruch

Mit XOXO gelang ihm der ganz große Durchbruch: Casper war wochenlang Dauerthema in allen Medien von Feuilleton bis Rap-Presse. Er revitalisierte ein angeschlagenes Genre, spielte die größten Festivals, war auf Platz eins der Charts, vor seiner Haustür campierten Fans. Irgendwann dann die Frage: Was soll jetzt noch kommen? Casper verschanzte sich in der westdeutschen Provinz und nahm mit Hinterland ein Album auf, das viele überraschen wird. Ein Prozess, den SPEX mit mehreren Interviews exklusiv begleitet hat.

Wenn man heute, wo alle so nett geworden sind, gleich aussehen, jeder alles hört und Berlin-Neukölln von sogenannten Hipstern bevölkert wird, noch mal ein richtig derbes Street-Rap-Album aufnehmen wollte – Mannheim Jungbusch wäre sicher nicht der schlechteste Produktionsort. Auf den Straßen türmt sich der Sperrmüll meterhoch, im Park nebenan stehen finster dreinblickende Typen, die Fassaden der Gründerzeithäuser sind ramponiert, am Vorabend wurde schräg gegenüber ein Menschenhändlerring ausgehoben. Ein idealer Ort also für jemanden wie Casper, um der Hip-Hop-Meute zu beweisen, dass er doch noch einer von ihnen ist. Er hat ein sogenanntes Emo-Rap-Album gemacht, okay, war vielleicht wichtig, aber jetzt ist auch mal gut!

Das wäre zumindest ein möglicher Auftakt für diese Geschichte gewesen. Nach dem Casper-Megaerfolg mit XOXO, das zum Zeitpunkt der Niederschrift kurz vor Platin steht, wäre eine Rückkehr des »verlorenen Sohns« zu den sogenannten Wurzeln, also zur reinen HipHop-Lehre, nicht überraschend gewesen. Stattdessen begrüßt uns an diesem milden Mannheimer Frühlingstag im April 2013 ein verschmitzt grinsender Indie-Schluffi: Markus Ganter hat das Dagobert-Album und das vielbeachtete Debüt der polyrhythmisch versierten Rockband Sizarr produziert, darüber hinaus aber eher wenig. Ganter ist jung und vermutlich einer der begabtesten Nachwuchsproduzenten der Republik. Was er nicht ist, zumindest noch nicht: ein sure shot für eine Major-Produktion.

Allerdings war der Auftraggeber auch nicht an einem solchen interessiert. Der Backlash nach XOXO und die damaligen Anfeindungen, nicht nur aus der Rap-Szene, provozierten bei ihm vielmehr einen gewissen Trotzeffekt. »Wenn mich eh alle scheiße finden, ist es auch egal, dann kann ich ja einfach drauflos machen«, sagt Casper mit kokettem Lächeln – er weiß natürlich, dass ihn mehr als genug Leute alles andere als scheiße finden. Gemeinsam mit Ganter bildet der 31-Jährige das Empfangskomitee. Seit vier Monaten haben die beiden sich abseits des Berliner Trubels, in dem Casper sonst zu Hause ist, in Markus Ganters Heimstudio in Mannheim Jungbusch verschanzt, um den XOXO-Nachfolger Hinterland aufzunehmen. Ihnen zur Seite steht bei dieser schwierigen Mission ein Mann, dessen Berufung vielleicht sogar noch überraschender ist als die Wahl des Produzenten: Konstantin Gropper of Get-Well-Soon-Fame, einer der gewieftesten Arrangeure und Songschreiber der Republik, hundert Prozent Indie, null Prozent Rap. Bereits bei XOXO wollte Casper gerne mit Gropper arbeiten, was jedoch dessen Terminplan nicht zuließ. Jetzt hat es geklappt, und was auf dem Papier reichlich abenteuerlich klingt, entpuppt sich tatsächlich als ein cleverer Move: Markus Ganters nüchterne, analytische Art scheint bestens mit Caspers manischer Daueraktivität zu korrespondieren. Und Gropper ist der Musiker-Musiker, der immer wieder reinkommt und entscheidende Akzente setzt – a match made in heaven.

MUSIKALISCH OFFEN

Über einen Hinterhof geht es hinab in Ganters Studio, das im Keller eines von den Sizarr-Musikern sowie Ganter und seiner Freundin bewohnten Gartenhauses liegt. Casper hat sich während der Produktion einige Häuser weiter in einer strunzordinären Jungs-WG eingerichtet. Das Studio ist klein, unspektakulär, gemütlich. Bevor Ganter die Räume anmietete, wurden sie als illegale Zockerbar und später als Versammlungsort für Jesus-Freaks genutzt. Nicht der schlechteste Ort also für eine musikalische Neugeburt. Denn dass es sich um eine solche handelt, verraten gleich die ersten Töne, die Ganter nun per Knopfdruck den Boxen entweichen lässt. Casper hat sich noch weiter und radikaler von seinem ursprünglichen Entwurf entfernt als zuletzt. Wir hören fertige Songs und grobe Skizzen, perfekt austarierte Bombast-Monster wie »Im Ascheregen«, den Strokes– und Vampire-Weekend-beeinflussten Indie-Kracher »Alles endet (aber nie die Musik)«, mit einem Refrain, für den andere töten würden, und das beinahe Tom-Waits-artig taumelnde Säuferlied »Rue Morgue«. Schon jetzt wird klar, was für ein breites musikalisches Spektrum Casper auf Hinterland abdeckt.

Wenn man Casper in diesen Tagen auf sein drittes Album anspricht, fallen immer wieder zwei Namen: Rancid und Jamie T. Ausgerechnet diese Einflüsse hört man den neuen Songs allerdings kaum an. Womit auch schon die wichtigste Erkenntnis gewonnen ist: Casper hat zwar Folk, Madchester, Coldplay-Opulenz, Springsteen-Americana und noch viel mehr eingemeindet. Es gibt Kooperationen mit Kraftklub und Tom Smith von den Editors, man spürt deutlich die Handschrift von Konstantin Gropper, und soweit man sich das bei dieser chronisch bellenden, heiseren Stimme vorstellen kann, singt der sogenannte Rapper an einigen Stellen sogar. Dennoch wirkt Hinterland nicht zerfasert oder überladen. Die mannigfaltigen Einflüsse finden zu einem Großteil im Subtext statt, am Ende ist es immer Casper-Musik.

»Casper hat ein unglaublich großes Musikwissen, der kennt einfach alles«, sagt Markus Ganter. Diese musikalische Offenheit war nicht zuletzt der Schlüssel zum Zustandekommen der eigenwilligen Konstellation. So musste sich etwa Konstantin Gropper XOXO überhaupt erst mal kaufen, als die Anfrage kam – vorher kannte er nur die Singles. Er gibt zu, dass die Platte, von »Michael X« und »Auf und davon« abgesehen, eher nicht seinem Geschmack entspricht. »Zuerst habe ich mich gefragt, was ich bei dieser Produktion überhaupt soll«, sagt Gropper. »Ich war nicht abgeneigt, zumal Casper ein beeindruckender Live-Künstler ist, aber irgendwie wusste ich nicht so ganz, was er von mir wollte. Wir haben uns dann getroffen und ich habe ihm gesagt, dass das musikalisch eine völlig andere Sache wird als seine bisherigen Platten, wenn ich involviert bin.«

Über viele Gespräche und gemeinsam gehörte Platten hat sich das ungleiche Gespann schließlich der idealen Form angenähert. Im Spätsommer 2012 mieteten Casper und Ganter ein Haus in einem verwaisten spanischen Urlaubsort und schrieben gemeinsam mit Kon- rad Betcher und Jan Korbach aus der Casper-Band die ersten Songs, bereits die Basis dieses Albums wurde also eher rock- als raptypisch gelegt. Gropper kam dann Ende des Jahres hinzu, seit Januar 2013 wurde durchgehend aufgenommen. »Was mich vor allem an der Zusammenarbeit interessiert hat«, sagt Ganter, »ist die Tatsache, dass wir ein großes Maß an künstlerischer Freiheit haben, weil die Platte davor so erfolgreich war und Casper quasi freie Hand hatte.«

Trotz aller musikalischen Öffnung läuft die Arbeit mit Casper aber natürlich immer noch anders als mit einer normalen Rockband, auch wenn auf Hinterland tatsächlich alles analog eingespielt wurde und keine fertigen Beats oder dergleichen genutzt wurden. Der Nicht-Musiker entwickelt komplette musikalische Entwürfe in seinem Kopf, bei deren Umsetzung er indes auf die Fähigkeiten von Leuten wie Ganter und Gropper angewiesen ist. »Bands kommen im Allgemeinen mit fertigen Songs, die man dann eben aufnimmt«, sagt Gropper. »Doch in diesem Fall sind Markus und ich schon ziemlich involviert, es geht um Inszenierung, Songwriting, Arrangement. Hinzu kommt, dass Casper ziemlich genau weiß, was er will. Und darüber hat sich dann auch eine freundschaftliche Komponente entwickelt.« (Weiter nach dem Video)

TEXTE FÜR GENERATIONEN

Musikalisch gibt es also keine Probleme, vermutlich könnten die drei gleich mehrere Alben füllen. Schwierig wurde es erst, als die Texte ins Spiel kamen. »Ich wusste nicht so richtig, worüber ich schreiben sollte«, sagt Casper. Das alte Dilemma: Fürs erste Album hat man sein ganzes Leben Zeit, für das danach höchstens ein oder zwei Jahre. Nun war XOXO zwar nicht sein erstes Album, es wurde aber so wahrgenommen. In jedem Fall war es das erste, auf dem der Mensch Benjamin Griffey im Mittelpunkt stand. Casper hat sein Herz auf den Tisch gelegt, seine Familienverhältnisse aufbereitet, vom Selbstmord eines nahen Freundes geschrieben – und das alles sehr direkt, eins zu eins, bewegend emotional. Und irgendwie hat er damit offenbar einen Geist getroffen in dieser Generation. Problem: Das geht nur einmal. »Ich könnte jetzt natürlich auch noch über meine Mutter rappen und was weiß ich, aber das würde man mir nicht abnehmen«, sagt er. Und so quält er sich mit den Texten. Die Lockerheit der frühen Produktionsphase ist einer sich stetig steigernden Anspannung gewichen in diesen Tagen. Casper schläft kaum. Wenn es nach kräftezehrenden Stunden im Studio nach Hause in seine kleine WG geht, füllt er das Whiskeyglas und arbeitet bis in die frühen Morgenstunden.

Casper, wie sehr setzt dich die Tatsache unter Druck, mit XOXO das Lebensgefühl einer Generation auf den Punkt gebracht zu haben?
Das sind so unfassbar große Worte, da kann ich nicht so viel mit anfangen. Zumal ich meistens gerade in Bart-Simpson-Shorts Mighty Ducks gucke und Chips esse, wenn ich so was lese. Da fühlt man sich dann nicht gerade als Lyriker einer Generation. (lacht)

Du hast in jedem Fall einen Nerv getroffen. Das beweist ja die Tatsache, dass Leute sich Songzeilen tätowieren lassen und Casper-Zitate auf T-Shirts schreiben oder bei Facebook posten. Hast du mal darüber nachgedacht, welche Themen diese Generation umtreiben?
Da hab ich tatsächlich nie drüber nachgedacht, aber ich nehme an, diese Dinge geschehen aus ähnlichen Gründen, aus denen mich eine gewisse Art von Texten bewegt. Wenn Leute mich fragen, warum ich immer so emotional, dramatisch und pathetisch schreibe, fällt mir nichts dazu ein. Weil ich das selbst gar nicht so sehe. Vielleicht setze ich ja immer das eine Wort zu groß ein, eventuell sollte ich überall ein Adjektiv rausnehmen und dann wäre es normale Sprache, keine Ahnung.

Wie funktioniert die Arbeit an Texten während dieser Produktion?
Generell passiert alles auf den allerletzten Drücker. Meistens brauche ich relativ lange, bis ich wirklich in Schreiblaune komme. Ich sitze nächtelang da und höre in einer Tour Musik. Und da ist dann manchmal etwas dabei, das mich auf irgendeine Fährte bringt. Dann schreib ich mir vielleicht einen Songtitel auf und daraus ergibt sich eine Zeile. Grundsätzlich gilt: 60 Prozent sind Inspiration und Gefühle von mir, der Rest so eine Art collagenartiges Zusammentragen.

Im Prinzip also so etwas wie Sampling 2.0?
Vielleicht. Mir ist aber wichtig, das zu konkretisieren. Weil jetzt wahrscheinlich alle denken: »Aha, so läuft das also, er klaut sich alles zusammen.« Aber nein, so läuft es eben nicht! Das ist ja durchaus eine Kunst. Natürlich ist das zusammengesetzt, aber das ist ja auch das Wesen von Popkultur. Guck dir jemanden wie A$AP Rocky an, der ist eine totale Zitatmaschine.

Eine zeitgemäße Vorgehensweise. Es geht ja heute nicht zuletzt darum, tradierte Vorstellungen von Urheberrecht und Intertextualität infrage zu stellen. Insofern war die Hegemann-Diskussion vor einigen Jahren wichtig.
Zumal wir dadurch erfahren haben, was ein Axolotl ist, total süße Tiere sind das nämlich! Aber noch mal, das ist mir wichtig: Wenn du mich fragst, ob ich in diesem oder jenem Song ein Tocotronic-Zitat gefolgt von einer Coldplay-Harmonie verwende, würde ich sagen: ja, so ist das. Aber am Ende habe ich, also ein in der Öffentlichkeit als Rapper wahrgenommener Musiker, einen Song daraus gemacht, der klingt, als wäre er auf Suburbs von Arcade Fire. Aufgenommen wurde er von einem Postrock-Produzenten, und ich habe darauf in Rapform die Sterne zitiert, aber in einer Geschichte, die mir passiert ist. Außerdem gebe ich es zu, ich benenne meine Quellen! Jeder, der meint, was ich mache, wäre einfach, soll es doch einfach mal selbst versuchen, viel Spaß! Was mich richtig nervt, ist übrigens die Tatsache, dass nach XOXO Alben von anderen Leuten rauskamen, die wirklich eins zu eins klingen wie meine Sachen. Und dann antworten diese Leute auf die Frage, ob ich sie inspiriert hätte, mit Nein. Wenn man erwischt wird, sollte man sich bekennen.

Haben solche Erfahrungen dazu beigetragen, dass du mit Hinterland musikalisch ganz woanders hin wolltest?
Nicht direkt. Ich glaube, das hat viel mit meiner grundsätzlichen Rastlosigkeit und Neugierde zu tun – und mit dem, was ich »Klassiker-Treiberei« nenne. Ich jage immer dem Ideal hinterher, den einen Klassiker zu machen, worüber dann alle sagen: »Das ist seine beste Platte.« Album des Monats in allen Zeitschriften, so ein Dark-Side-Of-The-Moon-Ding. (lacht) Ich hab jetzt öfter gelesen, dass XOXO zu einem Stück deutscher Musikgeschichte geworden sei und man in zehn Jahren noch über die Platte sprechen werde. Das finde ich natürlich sehr schön, ich fühle mich geehrt. Aber ich selbst sehe das anders. Wenn ich auf die Platte zurückblicke, finde ich sie nicht scheiße, das wäre das falsche Wort. Aber mir fallen zig Sachen auf, die ich im Nachhinein anders gemacht hätte.

Hat diese partielle Unzufriedenheit mit XOXO dazu geführt, dass das Augenmerk diesmal eher auf der Musik als auf den Texten lag?
Die letzte Platte war Bombast, Drama, Pathos. Mein Leben und ich. Der Ehrgeiz bestand darin, die besten Texte in Deutschland zu schreiben, die Musik stand ein bisschen im Hintergrund. Dieses Mal war die Musik, die Qualität der Songs wichtiger. Mir war von Anfang an klar, dass wir mit dieser Platte an den Erwartungshaltungen mancher Leute vorbeischrammen. Ich glaube, dass viele damit gerechnet haben, dass jetzt die große Hab-ich-alles-nicht-so-gemeint-ich-gehöre-doch-zu-euch-Rap-Platte kommt. Dass es stattdessen noch viel weiter in diese Americana-Richtung geht, wird einige sicher überraschen. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass ein guter Song Genreschubladen transzendieren kann.

Einige Stunden später. Wir sitzen im Aufenthaltsraum eines größeren Mannheimer Studios, in dem Hinterland gemischt werden soll. Neben den anderen Beteiligten ist noch Max Leßmann von der Gruppe Vierkanttretlager zu Gast, ein guter Freund von Casper, mit dem er einen Text durchgehen will. Es gibt Bier und asiatisches Essen, draußen ist es längst dunkel geworden. Die Stimmung ist ein bisschen angespannt, die Deadline rückt immer näher. Mit dem Mix hat Gropper einen vermeintlich idealen Mann beauftragt, mit dem er schon oft gearbeitet hat und bislang immer zufrieden war. Doch irgendwie will es diesmal nicht so recht laufen: Seit Stunden bereits hören wir immer wieder neue Versionen des späteren Album-Openers »Im Ascheregen«, aber irgendetwas fehlt noch. Der Song lebt eigentlich von weiten Räumen und strahlenden Bläsersätzen, klingt jedoch immer noch unangebracht dumpf. Nach so vielen Durchläufen und der zermürbenden Warterei, die neben endlosen Wiederholungen ohnehin einen großen Teil des Studioalltags ausmacht, ist allerdings auch keiner mehr in der Lage zu einem wirklich qualifizierten Urteil.

PRIVAT-UNPRIVAT

Am nächsten Morgen kommt Casper aufgekratzt ins Studio und berichtet lachend und ohne auch nur ansatzweise übernächtig zu wirken von einem konzeptionellen Durchbruch, den er in der Nacht gehabt haben will. Seit Wochen habe er versucht, die losen Enden zusammenzuführen, sich deshalb mit Freunden gestritten und keine Ruhe mehr gefunden. Jetzt aber wisse er endlich, wie er Hinterland inhaltlich aufziehen wolle. Ganter lächelt mild: »So was gab es schon oft«, sagt er. Caspers Launen purzeln hin und her, beinahe täglich geht es von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt und zurück.

In dieser Phase der Produktion wirkst du unausgeglichen und bist extremen Stimmungsschwankungen unterworfen. Sind diese Unsicherheiten eine wichtige Triebfeder im kreativen Prozess?
Vielleicht ist das so. Während einer Albumproduktion bin ich extrem bipolar. Es gibt immer aktuelle Musik- oder Lyriksachen, die ich als das Nonplusultra betrachte und zu meinem Maßstab erhebe. Also will ich unbedingt etwas ähnlich Bedeutendes schaffen, worüber ich praktisch wahnsinnig werde. Wenn ich irgendwas fertig habe, finde ich’s erst mal super – und nach dem 50. Mal Hören dann plötzlich wieder totale Scheiße. Daher kommen diese Stimmungsschwankungen, weil ich die ganze Zeit so mit dem Herzen dabei bin. Ich weiß, dass es für Produzenten sicher nicht einfach ist, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich erwarte so quasi-divenhaft, dass sich alle nach mir richten und der Rahmen steht, wann immer meine Kreativität aufflackert.

Trotz der bewusst gewählten Mannheimer Isolation konfrontierst du dich mit Erwartungshaltungen, du kommunizierst, konsumierst Öffentlichkeit. Wie bewusst setzt du dich diesem äußeren Druck aus?
Grundsätzlich ist es auf jeden Fall so, dass ich vermutlich ein Internet-Problem habe. Das ist keine bewusste Öffentlichkeitsarbeit, sondern ich bin einfach ständig online. Davon abgesehen ist es mir tatsächlich extrem wichtig, sehr nah an allem dran zu sein. Ich bin anonym in den Foren sämtlicher Festivals, auf denen wir spielen, lese jede Zeile, die über mich geschrieben wird.

Und pflegst einen speziellen Umgang mit Privatheit. Dein tatsächliches Privatleben schottest du zwar ab – es gibt keine Home-Stories und dergleichen –, aber davon abgesehen bist du in Texten und Äußerungen schon extrem offen und, nun ja: nahbar.
Ich bin anderer Meinung. Es gab schon immer Songs, bei denen die Leute mich gefragt haben, ob ich nicht fände, dass ich hier einen Seelenstriptease abziehe. Das hab ich aber nie so empfunden.

Seelenstriptease ist ein Wort, das ich nicht verwenden würde. Was mich aber vor allem interessiert: Brauchst du das? Ist es zum Beispiel wichtig, über eine gescheiterte Beziehung zu schreiben, um sie verarbeiten zu können?
Würde ich nicht sagen. Eigentlich empfinde ich meine Arbeit als sehr privat-unprivat. Texte, egal welcher Gattung, sind für mich immer ein Dialog mit dem Adressaten. Wenn ich mich also in einem Dialog befinde, muss ich auch erzählen, wie ich mich inmitten dieses ganzen Trubels nach dem großen Durchbruch, durch den sich mein Leben total verändert hat, von meiner Freundin getrennt habe, obwohl das eigentlich ganz anders geplant war. Weil es dazugehört und ich das in einem tatsächlichen Dialog ja auch erzählen würde. Prinzipiell sind solche Themen ursprünglich schon privat, aber die zeitliche Verzögerung und der musikalische Rahmen machen sie wieder unprivat. Schwieriger wäre es, wenn ich so was eins zu eins bei Twitter kommunizieren würde. Dann würden sich eine Menge Leute vermutlich zu Recht fragen, ob ich ein Depressions- oder Aufmerksamkeitsproblem habe. (lacht)

Gemessen an seiner Popularität führt Casper seit dem großen Durchbruch ein fast unverändertes Leben. In den wahnwitzigen Wochen und Monaten nach XOXO haben einige Fans vor seiner Haustür campiert, er hat eine Weile lang zu viel getrunken, auch mal den Rockstar raushängen lassen und sich von besagter Freundin getrennt. Dann aber hat er den Trubel erstaunlich schnell hinter sich gelassen und sich wieder seinem normalen Leben gewidmet. Neben ein paar neuen trifft er immer noch die alten Bielefelder Freunde, von denen einige praktischerweise in seiner Band spielen. Er wohnt im gleichen WG-Zimmer wie eh und je, hat keine größeren Anschaffungen getätigt. Die Jahre auf der Straße und das quasifamiliäre Umfeld aus Band und Managementfirma haben ihn gegen die Versuchungen des schnellen Ruhmes immun gemacht, wie es scheint. (Weiter nach dem Video)

DAS HINTERLAND

»Erfolgsbedingte Aufs und Abs gab’s in der ersten Zeit auf jeden Fall, und das reflektiert die neue Platte auch sehr stark«, sagt Casper. »Inzwischen habe ich aber zu einer gewissen Souveränität im Umgang mit diesen Dingen gefunden.« Wir sitzen in einem Berliner Café. Casper ist eben aus Amerika zurückgekommen, wo er seinen Vater besucht und die Fotos fürs Cover-Artwork von Hinterland gemacht hat. Die Platte ist immer noch nicht fertig: Nach dem Mixing-Desaster von Mannheim haben Ganter und Casper eine Weile selbst versucht, alles zu mischen, die Ergebnisse gefielen allerdings weder dem Management noch der Plattenfirma. Und so sitzt nun einige Straßen weiter Moritz Enders an den Aufnahmen, der bereits das letzte Kraftklub-Album abgemischt hat. Ganter ist ebenfalls vor Ort, parallel werden letzte Details aufgenommen.

Als wir zum letzten Mal sprachen, waren viele Texte noch nicht fertig, die generelle inhaltliche Richtung der Platte schien aber eine ganz andere zu sein als auf XOXO. Nun sind einige der neuen Texte doch wieder sehr persönlich geworden …
Nun ja, es gab wie gesagt diese Trennung, die mir wichtig war. Und eine andere Frauengeschichte … Mit einem Mal ploppten Parallelen zur letzten Platte auf, die null geplant waren. Damals hat sich ein Kumpel umgebracht, dieses Mal ist eine Halbschwester von mir gestorben. Und dann waren das eben die Sachen, über die ich auch reden wollte. Vielleicht kann ich ja auch nur traurig.

Willst du über den Tod deiner Schwester sprechen?
Das war sehr dramatisch. Sie war erst Mitte 20, hatte Drogenprobleme, war ein bisschen vom Weg abgekommen. Kurz vor ihrem Tod ging’s ihr aber wieder gut: Sie kam frisch aus der Reha, hat sich um ihr Kind gekümmert – und ist auf dem Weg zur Kita mit dem Auto verunglückt.

Diese Halbschwester war eine Tochter deines amerikanischen Vaters, den du gerade besucht hast. Was bedeutet Amerika für dich? Du bist dort teilweise aufgewachsen, ist das Heimat, Rückzugsort?
Amerika war nicht zuletzt ein inhaltlicher Einfluss für diese Platte. Ich wollte zurück zur Essenz, es ging darum, auf meine Art ein Singer-Songwriter-Album zu schreiben. Und dafür war es wichtig, zurück zu meinen Wurzeln zu gehen und alles mal wieder auf null zu stellen.

Es gibt ein für Deutschland sehr untypisches Element in den neuen Texten, beinahe eine Springsteen-Analogie. Diese Sehnsucht nach einem besseren Leben, verbunden mit chronischer Entwurzelung und ewiger Suche, ist sehr amerikanisch. Wie definierst du Heimat?
Ich glaube, der Platz, den ich mir als Heimat im Kopf zurechtlege, ist eine Mischung aus allen Orten, an denen ich war, und allen Platten, die mir etwas bedeuten. Also ein imaginärer Sehnsuchtsort, der sich aus all meinen Erfahrungen zusammensetzt. Weil ich so viel umgezogen bin und unterwegs war in meinem Leben, kenne ich so was wie eine feste örtliche Verbundenheit nicht. So ist ja auch der Albumtitel zustande gekommen. Hinterland ist eine Mischung aus meinem Geburtsort Bösingfeld und Augusta, wo ich aufgewachsen bin. Dazu kommen ganz viel Bielefeld, ein bisschen Berlin und das dann noch angereichert mit Springsteen-Wasteland und Manchester. Diese Melange kommt meinem Heimatbegriff wohl am nächsten, auch wenn das vermutlich ein bisschen kindisch, krude und unsinnig klingt. (lacht)

Gibt es das Bedürfnis, irgendwo anzukommen?
Klar, aber das hat wenig Aussicht auf Erfolg, weil dieser Ort einfach nur in meinem Kopf existiert. Genauso verhält es sich im Übrigen mit meinem Verhältnis zu Frauen. (lacht)

Sind Songs wie »Im Ascheregen« oder »Hinterland« konkret mit Bielefeld verbunden, oder ist das Kaff, das du dort hinter dir lässt, auch eine Mischung aus der gesammelten Provinzerfahrung deines Lebens?
In diesem Fall ist es tatsächlich ein bisschen nebulös. Ursprünglich wollte ich ja ein Konzeptalbum machen. Mit einem festen Protagonisten, der im ersten Song eben das Provinzkaff, in dem er sich nicht mehr heimisch fühlt, niederbrennt, der sich auflehnt und dann aufbricht. Der zweite Song wäre dann »Hinterland« als der roadtrippige Raus-von-hier-Song geworden. Die Platte sollte also im Prinzip die Geschichte dieses Typen erzählen. Ich hab das Konzept dann aus eben genannten Gründen verworfen, aber einige Spuren sind geblieben. (Überlegt) Vielleicht geht es in dem Song aber auch ein bisschen um das endgültige Verlassen der HipHop-Szene. Wobei ich mich selbst ja noch total rap fühle, weil ich mich den ganzen Tag mit Rap beschäftige. Ich höre und kenne alles, treffe mich regelmäßig mit Freunden und analysiere Rap-Platten. Ich liebe das! Ich habe aber das Gefühl, dass ganz viele Leute erstens gar nicht wissen, dass ich so ein Rap-Interesse und -Wissen habe. Und auf der anderen Seite ist es vielleicht auch so, dass sie gar nicht wollen, dass ich ein Teil dieser Kultur bin.

RAP AUF BEATES & TOAST OF KETCHUP 

Juli 2013, Splash!-Festival in Ferropolis, Gräfenhainichen. Am Abend wird Casper zum ersten Mal in seiner Karriere als Headliner auf dem wichtigsten HipHop-Festival der Republik auftreten. Die Anspannung ist mit Händen greifbar. Während andere Künstler des Wochenendes wie Tyler, The Creator, lässig Basketball spielen und hinter der Bühne skaten, ist Casper sichtlich besorgt und steckt mit seiner Aufregung im Verlauf des Tages seine komplette Umgebung an. Im Vorjahr wurde beim Splash! gebuht, als sein Name als erster Headliner fürs kommende Jahr verkündet wurde. So etwas lässt ihn grübeln, wirft ihn vorübergehend aus der Bahn. »Um den Auftritt bei Rock am Ring hab ich mir keine Sorgen gemacht, aber wie’s heute wird, steht völlig offen«, sagt er. Musikalisch hat Casper die enge Welt des HipHop verlassen, ideologisch ist er dazu noch nicht bereit. Auch wenn er bisweilen das Gegenteil behauptet: Die Anerkennung der Szene ist ihm enorm wichtig.

Als Casper schließlich um halb zwölf die Bühne betritt, ist er aschfahl im Gesicht. Als Konzession an die Rap-Gemeinde beginnt er den Auftritt gemeinsam mit einem alten Freund, einem DJ namens Joe, in klassischer One-MC-and-one-DJ-Manier. Schließlich fällt der Vorhang, die Band stürzt sich in die Akkorde von »Auf und davon«, gewaltiger Jubel brandet auf, es gibt Pyro-Effekte. Zwar spielt Casper aus Angst vor schlechten YouTube-Versionen keinen einzigen neuen Song, der Auftritt gerät jedoch ungeachtet dessen zum Triumph – und verdeutlicht abermals die musikalische Grenzenlosigkeit dieses Mannes. Auf der Casper-Bühne werden im Verlauf der Show Thees Uhlmann (im Kanye-West-Shirt!) und Kollegah begrüßt, zwei Musiker, die weiter voneinander entfernt kaum sein könnten. Als der Auftritt schließlich in einem Konfetti-Meer mündet, ist tatsächlich alles so gelaufen, wie der letzte Song an diesem Abend heißt: »So perfekt«. Danach treffen wir uns hinter der Bühne.

Ist die Aufregung nun einem Gefühl der allgemeinen Zufriedenheit gewichen?
Keineswegs. Ich konnte den Auftritt keine Sekunde lang genießen. Vor der Show war ich aufgeregt wie noch nie und extrem emotional. Ich war schon als Kind immer beim Splash! Irgendwann durfte ich dann zum ersten Mal dort auftreten. Die Bühnen wurden langsam größer, und all die Jahre war der Headliner-Slot immer der große Traum. Doch als sich dieser Traum jetzt plötzlich erfüllt hat, wusste ich gar nicht so richtig, was ich damit anfangen sollte. Ist ja manch- mal so, wenn man ewig auf etwas hinarbeitet. Ich stand die ganze Show über unter Strom. Als ich von der Bühne kam und plötzlich alle Leute den Auftritt gelobt haben, war ich ernsthaft überrascht. Ich hätte das gar nicht vernünftig einschätzen können.

Eine Aussage, die durchaus ein bisschen kokett wirkt. Es fällt bisweilen schwer, dir so etwas abzunehmen …
Tatsächlich hab ich gestern erst einen YouTube-Kommentar gelesen, wo jemand unter einen Post von mir, dass ich gespannt sei, wie das neue Album ankommt, folgendes geschrieben hat: »Bei der letzten Platte hab ich ihm das ja alles noch geglaubt mit der Unsicherheit, aber langsam nervt dieser Bullshit echt total.« Aber das stimmt einfach nicht! Mir ist schon klar, dass das irgendwer kaufen wird und ich ’ne große Fanbase hab, aber was da wirklich passieren wird? Keine Ahnung. Ich verstehe schon, dass man das für Koketterie halten kann, aber ich bin wirklich so aufgeregt und angespannt bei solchen Sachen, ich meine das todernst!

Wie tief ist die Sehnsucht, von der HipHop-Szene umarmt zu werden?
Ich muss schon noch irgendwann die perfekte, unfassbare Rap-Platte machen. Im Moment lebe ich diesen Songwriter-Traum aus, danach kommt vielleicht auch mal eine reine Akustikplatte. Aber irgendwann … Natürlich wurmt einen das! Wenn ich in HipHop-Foren gehe und alle nur schreiben: »Ach, der schon wieder, der kann doch nichts«, dann will ich schreiben: DOCH. Ich bin nur gerade woanders und hab das hinter mir. Bei dieser Platte habe ich gemerkt, dass ich auf Rap als Sport inzwischen total scheiße. Mich mit über 30 noch hinzusetzen und Vierfachreime rauszuhauen, finde ich einfach unwichtig.

Die Anfeindungen aus der HipHop-Szene sind insofern fragwürdig, als dass du mit Marteria und einigen anderen Leuten dieses Genre in den letzten Jahren revitalisiert und auf eine breitere Ebene gestellt hast.
Das sehe ich grundsätzlich auch so. Es gibt inzwischen tatsächlich ein poppiges Mainstream-Verständnis von Rap, was es lange nicht gab. Und von diesen Leuten sind halt eine Menge so underacknowledged, was mich ein bisschen nervt: In der Zeit, als Rap tot war, haben Leute wie die Orsons, Marteria und ich das Ding extrem vorangetrieben. Wir waren ständig unterwegs und haben teilweise vor fünf Leuten gespielt. Dass wir jetzt da stehen, wo wir stehen, hat nichts mit Ausverkauf zu tun. Sondern als die Leute, die heute Rap hören, noch zu jung waren oder andere Musik gehört haben, haben wir vier Jahre Toast mit Ketchup gegessen und Rap auf Beats gemacht – und uns dann irgendwann weiterentwickelt.

Einige Wochen später. Hinterland ist endlich fertig. Casper hat ein paar Tage frei, unterbricht seinen Urlaub aber für das SPEX-Fotoshooting. Wir stehen im Atelier des Fotografen Oliver Rath, die Stimmung ist gelöst, von Casper scheint eine riesige Last abgefallen zu sein. »Im Endeffekt haben wir die Platte trotz aller Probleme im Wesentlichen in vier Monaten gemacht, zwischen Tourneen und anderen Verpflichtungen«, sagt er. Es ist ein kurzer Moment des Innehaltens. Nächste Woche geht der ganze Wahnsinn von vorne los: Interviews, die erste Single, Fotos, Auftritte, Ende September dann die Hinterland-Veröffentlichung. »Eigentlich gibt es für mich nichts Schlimmeres, als Platten zu machen«, sagt Casper. »Klar, wenn Sachen fertig sind, ist das schön. Aber das sind rare Momente. Die meiste Zeit jagt man vergeblich einem High hinterher. Als wir letztes Jahr auf dem Hurricane gespielt haben, war das das größte High, das ich als Künstler je erlebt habe, so was gab’s danach nie wieder. Und dem jage ich seitdem hinterher.« Mit Hinterland, das kann man jetzt schon sagen, hat er ein neues High erreicht.

SPEX präsent Casper live pt.1 Clubtour (bereits ausverkauft)
24.10. Bielefeld – Forum
26.10. Hannover – Musikzentrum
28.10. Hamburg – Grünspan
29.10. Köln – Gloria
30.10. Berlin – SO36
01.11. Dresden – Beatpol
03.11. München – Strom
05.11. Frankurt a.M. – Batschkap
06.11. Karlsruhe – Substage
09.11. Stuttgart – Wagenhallen

pt.2 Hallentour (Vorverkauf)
06.03. Saarbrücken – Garage
11.03. Hannover – Capitol
13.03. Erfurt – Stadtgarten
14.03. München – Zenith
15.03. Leipzig – Haus Auensee
17.03. Fürth – Stadthalle
18.03. Offenbach – Stadthalle
19.03. Stuttgart – Schleyerhalle
21.03. Hamburg – Sporthalle
22.03. Dortmund – Westfalenhalle
04.04. Berlin – Columbiahalle