Review: Schneider TM Guitar Sounds

SCHNEIDER TM
GUITAR SOUNDS
BUREAU B / INDIGO – 27.09.2013

Dirk Dresselhaus alias Schneider TM legt mit Guitar Sounds ein Werk vor, das eine ganz neue Kategorie für Soloalben von Gitarristen aufmacht – wie unsere Rezension findet.

Ein Mann und seine Gitarre – kann das gutgehen? Die Gründe, die dagegensprechen, sind Legion: Zum einen heißt der Gitarrist Dresselhaus und nicht Van Zandt oder Cohen. Zum anderen weiß man, dass Männer, nehmen sie mit ihrer Gitarre ein Album auf, ihr vorgeblich lyrisch-zerrissenes Inneres nach außen kehren, was in der Regel wenig erquicklich ist.

Handelt es sich um Metal-Gitarristen, wird dagegen oft mangels Masse nicht Innerlichkeit entfaltet, sondern gezeigt, was man so draufhat. Auf den Solowerken Yngwie J. Malmsteens, Steve Vais oder Joe Satrianis dreht sich alles um diffiziles Grifftechnikgeheimwissen, Picking-Fertigkeiten und Schnelligkeit. Daher sind die Tracks auf ihren Alben auch keine Songs, sondern Vorwände für Demonstrationen handwerklichen Geschicks. Als Mucker mit ein paar hübschen Skills begreift man sich dennoch nicht, eher als genialisch-diabolischen Großkünstler, was durch Verweise auf Klassik und das Pflegen einer Geigenvirtuosengedächtnismatte à la Paganini unterstrichen wird.

Und dann gibt es natürlich die Musiker, die wie Neil Diamond, Johnny Cash oder Jochen Distelmeyer vor ihrem Karriereende noch einmal ins RickRubin-Hospiz verlegt werden. Der fordert sie dazu auf, alles zu vergessen, was sie schon wissen, zu dem Punkt in ihrer Historie zurückzufinden, an dem ihnen noch klar war, weshalb sie eigentlich Musik machen, und bitte zu einer ganz, ganz einfachen Gitarre zu greifen.

Das aufreizend treffend betitelte Album Guitar Sounds des Ex-Bielefelder Ex-Indierockers Schneider TM etabliert eine weitere Kategorie: eine, bei der die onanistische Stromgitarre dekonstruiert, nämlich gar nicht erst als führendes Instrument eingesetzt wird, sondern der Klangentbindung dient.

Die fünf langen, fließenden Tracks eignen sich mit ihrem repetitiven Geschrumms aus Reverbs, Echos, Delay-Effekten und allerlei Filtern wunderbar als Meditationshilfe. Dass das klangliche Ausgangsmaterial von einer Gitarre generiert wird, fällt nicht groß auf, es könnten auch ein elektrisch verstärktes Cello, ein Didgeridoo, pitchgeshiftete Frösche bei der Paarung oder amplifizierte Gletscherspalten im Spiel sein. Alles klingt eher nach Knöpfen als nach Knopfler – was passt, steht der nom de guerre Schneider TM doch eigentlich für Elektronik. Man kann zuhören, aber es ist schwierig, ganz im Jetzt des Sounds zu bleiben und nicht wegzudriften. Schneider TM hat mit dem Werkzeug des Rock eine improvisierte Ambient-Platte gemacht. Schon deshalb kann das Urteil nur lauten: nicht schuldig.