The Haxan Cloak, Prurient, Wife, Oneirogen: Metal trifft Techno

Tri Angle Künstler WIFE spielt heute sein einziges Deutschlandkonzert in Berlin

Tri Angle Künstler WIFE spielt heute sein einziges Deutschlandkonzert in Berlin

Schlägt jetzt, im Jahre Vier nach der Erfindung von Hypnagogic Pop, die Stunde des hypnagogischen Krachs? Acts wie The Haxan Cloak, Oneirogen, Prurient und WIFE begeben sich auf die Suche nach Traumzuständen von neuer, abgründiger Intensität. Ihre Schnittmenge aus Metal, Noise und Techno hat noch keinen Namen, dafür aber eine eindeutige Klangfarbe: Blackest Ever Black.

Verstörende Stimm-Samples, gespenstische Flächen, repetitive Chords und, wenn sie denn eingesetzt werden, stoische Kick-Drums in verschleppten Tempi: Seit einer Weile geistert ein düsterer Entwurf elektronischer Musik durch die Clublandschaft. Das Konzept einer Peaktime auf der Tanzfläche scheint in dieser Spielart genauso wenig eine Rolle zu spielen wie der Club als sozialer Ort – eine Kirche oder eine Kunstgalerie wären als Rahmen mindestens ebenso geeignet. Der wesentliche Antrieb dieser Bewegung kommt von Labels, die aus unterschiedlichen Kontexten stammen, etwa von Blackest Ever Black aus England, das in Techno und Industrial verwurzelt ist, von Denovali Records aus Deutschland mit einem Programm von Drone-Ambient bis zu Jazz oder von der New Yorker Hipsterplattform Tri Angle. Die Akteure ihrer gemeinsamen Schnittmenge sind nicht, wie noch bei den kleinen Geschwistern Witch House und Hypnagogic Pop, jungfräuliche Schlafzimmerproduzenten, sondern größtenteils Künstler, die bereits mit anderen Projekten Aufmerksamkeit erregt haben, und zwar in Szenen außerhalb des Clubmusikzirkels: Es handelt sich vorwiegend um Musiker mit einem Metal-, Punk- oder Noise-Hintergrund.

Eines der Aushängeschilder dieser Spielart elektronischer Musik ist der Brite Bobby Krlic alias The Haxan Cloak, der mit Punk und Metal aufwuchs. Excavation, das nun bei Tri Angle veröffentlichte zweite Haxan-Cloak-Album beinhaltet vorwiegend Techno-Tracks mit einer gewissen Lethargie, die teilweise an den Dubtechno eines Andy Stott erinnern. Für Krlic relatives Neuland: Sein selbstbetiteltes Debütalbum war 2011 auf dem Post-Metal-Label Aurora Borealis erschienen und zeichnete sich durch mit Streichinstrumenten erzeugte Drones aus. Einen Widerspruch zwischen den Stilen der beiden LPs sieht Bobby Krlic nicht, im Gegenteil: Drone und Techno haben für ihn durchaus Gemeinsamkeiten. »Beide Arten von Musik bestehen aus sich wiederholenden Mustern, die sich langsam entwickeln«, erklärt er. »Ich kann etwas Ähnliches erzeugen, indem ich einen Vier-Takt-Loop über 30 Minuten auf meiner Drum Machine manipuliere, oder indem ich mit meinem Cello und einem Loop-Pedal arbeite.«
Wie The Haxan Cloak ist auch der aus Irland stammende James Kelly bei Tri Angle unter Vertrag. Bevor er sein Soloprojekt WIFE initiierte, das er mit Attributen wie »zugänglich« oder »Pop« umschreibt, war Kelly unter anderem Mitglied der Black-Metal-Band Altar Of Plagues. Kelly hat WIFE wegen seines Verlangens nach »etwas Spezifischerem« ins Leben gerufen, erklärt er. Nun genießt er die neu gewonnene Entscheidungskraft des Solokünstlers: »Als jemand, der seit Jahren in Bands spielte, fühle ich mich durch die absolute Kontrolle, die ich nun als Produzent elektronischer Musik habe, beflügelt.«
Einen vergleichbaren Hintergrund wie Kelly hat Mario Diaz de León, der seit 2012 unter dem Decknamen Oneirogen in Erscheinung tritt, ein Begriff, der Traum-induzierende Substanzen bezeichnet und damit an den Trend des Hypnagogic Pop erinnert. Musikalisch spricht Oneirogen allerdings keine fröhlich vernuschelte, sondern eine entschieden schroffe Sprache. In den 90er-Jahren war der US-Amerikaner Teil der Metalcore-Band Disembodied, nun veröffentlicht er bei Denovali Records Musik, die an Prä-Drop-Momente auf Raves erinnert: Hochspannungsknistern – aber ohne die Erlösung im großen Bummbumm. Trotz eines ähnlichen Werdegangs wie James Kelly versteht sich Diaz de León nicht als Teil einer neuen Szene. Viel eher sieht er sich als Mitglied einer New Yorker Community, die sich nicht zwingend über einen bestimmten Stil definiert, aber ein Interesse für dunkle, intensive Musik teilt. »Die Leute dieser Community sind sehr aufgeschlossen«, schwärmt er. Bei einem Blick auf die Liste seiner Kollaborationen und vergangenen Projekte findet sich dieselbe Aufgeschlossenheit wieder. Diaz de León scheint zwischen Einmann-Noise-Orchester und Kammermusik zu pendeln, die musikalische Einheit liegt für ihn offenbar gerade in der Vielheit – eine Melange, die nicht nur in New York auf Gegenliebe stößt.
Die Offenheit, die Diaz de León erwähnt, vermisst der in Los Angeles lebende Dominick Fernow heute in jenem Umfeld, in dem er sich lange bewegte: in der Noise-Szene. Nachdem der Multimediakünstler, Labelbetreiber und Vielproduzierer unter dem Pseudonym Prurient in den 2000er-Jahren mit Veröffentlichungen, die als »Harsh Noise« oder »Power Electronics« kategorisiert wurden, Aufmerksamkeit erregte, entwickelten sich seine Produktionen gegen Ende der Dekade zusehends in Richtung Techno, was von Noise-Hardlinern nicht besonders goutiert wurde. Grund für die Neuausrichtung war laut Fernow seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Darkwave-Kollektiv Cold Cave. Vor allem eine Europatournee sei prägend gewesen, deren Nachhall in Fernows Nebenprojekt Vatican Shadow Ausdruck in hypnotischen Beats und Chords fand. Unter seinem Alias Prurient geht Fernow nun auf Through The Window, einem bei Blackest Ever Black erscheinenden, nur drei Stücke umfassenden Album, ähnliche Wege. Prurients Techno-Entwürfe verlieren trotz Track-Längen von teils an die 20 Minuten und nur minimaler Modulation der endlos wiederholten Elemente nie an Spannung und Raffinesse.

Man mag sich, mit der Musik von The Haxan Cloak, WIFE, Oneirogen und Prurient im Ohr, fragen, ob Ex-Metaller plötzlich die besseren Elektroproduzenten sind. Doch zum einen ist die Kombination aus Goth-Metal-Drones und Techno-Kicks, auch wenn sie sich gegenwärtig häuft, nicht neu. Acts wie Psychic TV oder Scorn wagten sich bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren aus ihrem Industrial- beziehungsweise Metal-Umfeld vor und experimentierten mit Elementen von Acid House oder Drum’n’Bass. Zum anderen war elektronische Musik, selbst die für Tanzflächen gedachte, nie zwangsläufig upbeat und happy. Der Avant-Techno von Sähkö Recordings aus Finnland oder das britische Label Downwards – zwei Institutionen, deren Hochzeit über eine Dekade zurückliegen – öffneten vergleichbare Tiefen wie aktuell Alben auf Tri Angle oder Blackest Ever Black. Mario Diaz de León erzählt, dass er in seiner Jugend nicht nur auf Slayer und Godflesh stand, sondern eben auch auf den Downwards-Produzenten Surgeon und auf Warp-Acts wie Aphex Twin oder Autechre. Und James Kelly gibt Ähnliches zu Protokoll: »In meinen Teenagerjahren suchte ich in allen Musikarten, die ich mochte, die Extreme – ob Black Metal oder harter Techno.« Elektronische Musik ist in diesem Sinne nicht neu für die Produzenten, diverse musikalische Vorlieben koexistierten lange nebeneinander, bis sie schließlich in verschiedenen musikalischen Personae ihren Ausdruck fanden.

So ist ein Grund für die aktuelle Beliebtheit düsterer Elektronik eher auf der anderen Seite zu finden: beim Publikum. Es wurde in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt an die dunklen Sounds herangeführt. Einerseits zeichneten Genres wie Dubstep, Witch House oder Cloud Rap ein mindestens dunkelgraues Bild unserer Welt, andererseits ist der Einfluss von Indie- und New-New-Wave-Bands wie Interpol nicht zu unterschätzen. Mit ihnen hat ein bis jetzt anhaltendes Revival der melancholischen und unterkühlten Popmusik der 80er-Jahre eingesetzt. Dabei wird in puncto Ästhetik und musikalischen Referenzen aus einem überraschend ähnlichen Fundus geschöpft, wie dies etwa auch Burial, Salem oder Le1f tun. Hinzu kommt das durch die neuen Verbreitungswege von Musik revolutionierte Konsumverhalten der Digital Natives. Mit dem Eintreten des digitalen Zeitalters sind die Grenzen zwischen einzelnen Jugend- und Subkulturen zunehmend verschwommen. Musik allein dient weniger der Identifikation, sondern wird als weiterer Konsumgegenstand wahrgenommen. Und im MP3-Speicher liegen Techno und Metal heute so nahe beisammen wie nie zuvor, die Schnittmenge der beiden Genres ist leichter zugänglich.

Auch die Zeichen der Zeit machen das Lechzen der Hörerschaft nach dieser Synthese plausibel: Der Stumpfsinn in unserer Post-Social-Network-Gesellschaft, ein hohes Maß an Ironie auf der Virtual Plaza, das Gefühl von verlorengegangener Intensität in vielen Lebensbereichen – da kommen düster-dystopische elektronische Klänge gerade recht. Wenn man Protagonisten wie James Kelly glaubt, ist die aktuelle Popularität dieser Musik kein Zufall. Er spricht von einem Überdruss an »einwandfreier, glattpolierter Musik« und von mangelnder Menschlichkeit im Mainstream. »Düstere Musik ist oft ehrlicher, beinhaltet persönliche Emotionen und kann darum in dieser schwierigen Welt, in der wir leben, Trost spenden«, meint er. Zwar ist eine so verstandene Authentizität selten ein Garant für Qualität. Aber gerade ostentative Wehmut und die romantische Vor- stellung von Echtheit sind seit jeher Teil der Popkultur. So liegt also der wahre Trost anno 2013 in einem unheimlichen, finsteren Klangabgrund. Die Wechselwirkung zwischen Metal, Noise, Industrial und Techno trägt dort ihre Früchte, und die schimmern verführerisch schwarz.

SPEX präsentiert WIFE
23.08. Berlin – Naherholung Sternchen mit Joane Skyler, Puce Mary, BlackBlackGold, Tom Ass

The Haxan Cloak live
19.10. Lausanne – Luff Festival
05.11. München – Feierwerk
06.11. St. Gallen – Grabenhalle
07.11. Bern – Reitschule Dachstock
12.11. Leipzig – UT Connewitz

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