Almut Klotz (1962 – 2013)

Almut Klotz mit Christian Dabeler FOTO: Robin Hinsch

Almut Klotz mit Christian Dabeler   FOTO: Robin Hinsch

In Trauer vernahmen wir gestern die Nachricht von Almut Klotz‘ Tod. Christoph Braun erinnert sich an einen uneitlen Menschen voll fröhlicher Neugier und Tatendrang.

Sie hatte noch einmal ein paar schöne Wochen. An einem Tag Ende Mai heiratete Almut Klotz ihren langjährigen Weggefährten Christian Dabeler. Es wurden Ja-Worte getauscht, Musik gehört und auf höchsten Respekt untereinander geachtet. Almut legte Wert auf so etwas: Erstmal begrüßen, und dabei im Gesicht alles auf »geöffnet« stellen, die Augen, den Tonfall, sie ließ sich Zeit und hörte zu. Sie war von fröhlicher Neugier.

Die als Sängerin der Lassie Singers bekannt gewordene Wahlberlinerin Almut Klotz war als 1962 Geborene noch alt genug, um von »Westdeutschland« zu reden, wenn sie ihre Touren nach Frankfurt oder Köln führten. Die um 1970 Geborenen und alle Späteren, die dann also die Nesthäkchengeschwisterkinder von ihr sein könnten, sie sprachen nicht mehr von »Westdeutschland«. Als sie nach Berlin kamen, in die Stadt, deren Musikleben umso viel ärmer wäre ohne Almut Klotz, da gab es »Westdeutschland« ja schon nicht mehr.
Sie war aus Baden gekommen, Mitte der 80er. Dort hatte sie schon als Kind die klassische Ausbildung des R’n’B-Stars erhalten: Kirchenorgel, Kirchenchor. Was ihr zu einer unfassbar klaren und symmetrischen Alt-Stimme verhalf. Und zu der Befähigung, Arrangements zu notieren. Almut nutzte das. Nach dem Ende der Lassie Singers verdiente sie ihr Geld, indem sie einem zeitgenössischen Komponisten assistierte, und gründete außerdem den Popchor Berlin. Das Ziel lautete: Wir singen Almuts Lieblingssongs. Die Originale von Missy Elliott und Gang Of Four verwandelte sie in vierstimmige Chorsätze. Die Musik gab sie an befreundete Bands zur Neu-Interpretation. Dabei setzte sie vor allem auf tolle Leute. Die Qualität der Stimme gehörte nicht zu den K.O.-Kriterien zur Aufnahme in den Popchor. Eher die »Okayheit« der Menschen. Flittchen Bar, Flittchen Records, Maxi unter Menschen, Parole Trixie waren weitere Projekte und Aktivitäten für mehr Klotzigkeit und weniger normiertes Rockstartum.
Mit den Lassie Singers erreichte Almut Klotz zusammen mit Christiane Rösinger das »Karaoke-Level«. »Männliche Mitmenschen«, eine fröhliche Anti-Gender-Konstruktivismus-Hymne, ließ sich prima beim Schaukeln der Adoleszenz singen. »Hamburg« als Tourkoller-Hymne bei gleichzeitiger kritischer Würdigung der Hamburger Schule taugte super beim Rumfahren.  Welche andere Band hatte solche Texte! Welche andere Band sang auf Deutsch! Welche andere Band – deren Freunde Blumfeld hießen und Rocko Schamoni und Tocotronic – konnte sich so über die eigene Flapsigkeit mokieren. Ihr Girlism war fast so leicht zu verstehen wie Schlager. Leider lehnte der Musiksender VIVA den Smash-Hit »Liebe wird oft überbewertet« mit der legendären Begründung ab, das Wort »überbewertet« sei zu »intellektuell«.

Almut ging es trotz ihrer jahrelangen Krebserkrankung sogar so gut, dass sie nach der Heirat in Hamburg zusätzlich eine Feier in Berlin veranstaltete. Sie hatte sich mit ihrem nahenden Tod abgefunden. Was ihr leid tat, war die Niedergeschlagenheit um sie herum, die Gedämpftheit ob ihrer immer wiederkehrenden Symptome. Gerade weil sie sich so mit der Krankheit beschäftigt hatte, machte sie weiter mit dem Schreiben, mit der Musik, wann immer es ging. So erscheint am kommenden Freitag das zweite Album der Band Dabeler & Klotz, in der sie gemeinsam mit Reverend Ch. Dabeler spielte: Deutschrock. So frei von modischen Attributen, dass es irritiert, voller Lebensklugheiten, in dieser uneitlen Weise vorgetragen. »Tausendschön«, »Mylord«, »Rache und Gerechtigkeit«, es ist ein von sehr leiser Melancholie getragenes Abschiedsalbum. Wenn Almut singt, legt sie auf diesem Album Lass die Lady rein zeitweise sogar ihre charakteristische Tomboyhaftigkeit ab, mit der sie ihre Sonnenstrahlstimme so gerne brach.
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist Almut eingeschlafen. Es tröstet, wenn jetzt die Telefone glühen und die Zeitungen drucken und auf Facebook »Hamburg« gepostet wird. Almut wird das schon mitkriegen.

Ihrem fast erwachsenen Sohn, ihrem Mann und ihrer ganzen Familie gilt unser tief empfundenes Beileid. 

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