Pet Shop Boys Electric

Hintersinnige und kühle Freiheitskämpfer

Text:

Pet Shop Boys Electric
PET SHOP BOYS
ELECTRIC
X2 / KOBALT / ROUGH TRADE – 12.07.2012

Das letzte Album der Pet Shop Boys glänzte wie die Politur auf dem Mahagonihandlauf, der den Hotelgast vom 14. in den 15. Stock der Suite führt. Dort sieht man selbst über die höchsten Yachtmasten hinweg, dort krümmt sich der Horizont. Und dort harmonieren südafrikanische Chöre mit den wippenden Pop-Lords Neil Tennant und Chris Lowe, knappe Reithose, das Peitschchen steckt im Stiefel – nicht als Zuchtinstrument, sondern als prop, wie eine Requisite auf Englisch heißt. Die Pet Shop Boys sind die Konzeptbuben der synthetischen Tanzmusik und die Süßköche des saccharinen Gefühls. Bei ihnen herrscht stets verschärfter Zeichenalarm. Dennoch war dieses letzte Album, Elysium, zu gediegen.
   Das neue, Electric, klingt so, als sähen die Pet Shop Boys das ähnlich. Nach 60 Sekunden Wabern und Eiern flüstert Neil Tennant: »Time is up«. Oder: »Turn this on!« Enter the Eighties-Wumme: Wir sind in Europa, zwischen italienischen Stränden und Munich Disco, wie sich das der transatlantische Elektro-House nachträglich erträumt. Außer den Worten »Electric energy« ist nichts zu vernehmen, die Pet Shop Boys eröffnen ihr Eurotrash-Album mit einer Instrumentalnummer. Ein Wunder des Sound-Brandings: Auch im Blindtest würde man die Band erkennen, und dennoch springt der bestbezahlte Kindskopf des Geschäfts ins Ohr, produziert wurde das Album von Stuart Price. Hello, we are the Pet Shop Boys, our friend Stuart darf bei uns vieles von dem machen, was ihm Madonna verbietet. Erst einmal. But we will be back, love, do not worry.
   Das Peitschchen, von dem oben die Rede war, ist nie ausschließlich eine lustige Requisite, das wäre undialektisch (oder langweilig). Denn auch im Kunstraum, zum Beispiel im Theater, können Dinge wehtun. Doch die Pet Shop Boys sind nicht Rammstein, sondern Engländer und haben Manieren. Es ist demnach weniger eine deutsche Peitsche als ein lässig durch die Luft gewirbelter Feudel, mit dem sie ihre Autorschaft zurückfordern. Feudel, Feder, sagen wir einfach: Kunst.
   »Im Kernstück des Abends«, wollte ich schon sagen in Anbetracht der Theatralität dieser Musik, ich meinte aber: Im Kernstück des Albums erscheint die PSB-»Schrift« am schönsten. Das Stück heißt »Love Is A Bourgeois Construct«, und jetzt gehen drei Säulen auf und lassen uns eintreten in das hintersinnige, aber eben auch nicht zu hintersinnige Hinterzimmer dieser Herren. Es geht bei ihnen selten allein um kokettes Versteckspiel (hui, ein Verweis!), sondern um eine angenehme Unterhaltung unter Erwachsenen, die hinterm Rücken gerade dabei sind, den Stock aus dem Arsch zu ziehen.
   »Love Is A Bourgeois Construct« beginnt mit einem Offbeat und ein paar Streicherakzenten, bevor Stuart Price ein Sample von unten in die Höhen hineindreht, wie er das zum Beispiel in Madonnas »Hung Up« mit dem ABBA-Schnipsel gemacht hat. Tatsächlich klingt es auch hier einen Moment nach ABBA. Indes: Es ist eine Bearbeitung von Henry Purcell, einem englischen Barock-Komponisten, die der Minimal-Musiker Michael Nyman für Peter Greenaways Film Der Kontrakt des Zeichners vorgenommen hatte. Diese Art musikalischer Witz entspricht dem adeligen Teil der PSB-Persona. Der Text relativiert das wieder, weil Neil Tennant nicht nur szenisch die Universitätsjahre des »Erzählers« passieren lässt, sondern sich auch teetrinkend neben Tony Benn imaginiert, jenem Adeligen, der in den 60er-Jahren als erster auf seinen Titel verzichtete, um für das Unterhaus kandidieren zu können. Wer nicht das Alter oder den Nerv hat, das alles zu wissen oder zu googeln (und auf der fantastischen Fanseite geowayne.com zu finden), kann sich noch immer über mehr In-your-face-Humor freuen, wenn Price das Wort Bourgeoisie zerhäckselt und in die Heliumhölle schickt. Die letzte Pointe dieses musikalischen Kabaretts: Liebe mag ein bürgerliches Konzept sein, aber bitte komm jetzt zurück zu mir!
   Wer auf bürgerliche Tugenden pfeift, dem bleibt noch immer der Adel. Oder, zwei Stockwerke tiefer, der Schulterschluss mit dem dirty Dancefloor. Dass dort auch das Kleinbürgertum die Unlust in Bewegung investiert, wissen die Pet Shop Boys. Dass ausgerechnet sie mit »The Last To Die« Bruce Springsteen covern, ist kaum Zufall. Man vergleicht zwei Arten der Melancholie: die schwitzende, authentische, bei der nur die Halsschlagader tanzt wie beim Boss, und die Melancholie zweiter Ordnung der beiden Briten. Keep calm and carry on! Aber besser geht es, wenn das Weitermachen ein bisschen queer bleibt wie beim furiosen Schluss-House-Marsch »Vocal«: »I like the singer / He is lonely and strange / Every track has a vocal / And that makes a change.«
   Simon Reynolds sah in seinem Retromania-Bestseller die Modelogik im Zentrum der Popmusik, wenn der change nicht mehr Wandel, sondern nur noch Abwechslung vom letzten Album oder Trend verspreche. Reynolds sieht darin eine Entleerung von Pop. Die Pet Shop Boys aber sehen darin die Freiheit, zu tun, was sie wollen. Manchmal bedeutet das übrigens auch: nichts sagen, nichts singen, höchstens summen.

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