Muso im Interview: »Ich habe mich von mir selbst entfernt«

Muso

Mit Videos wie »Garmisch-Partenkirchen« oder »Malibu Beach«, die Hipster Chic-Symbolismus neu konnotierten, und einem absolut eigenwilligen, frei zwischen allen Themenfeldern assozierenden Rapstil, der nebenbei auch gängige Männlichkeitsbilder aufweicht, hat sich der Heidelberger Künstler Muso ins allgemeine Aufmerksamkeitsfeld geschoben. Am nächsten Freitag, den 12. Juli, erscheint nun sein neues Album Stracciatella Now bei Chimperator. SPEX zeigt erstmals das neue Muso-Video zu »Blinder Passagier« und hat mit ihm im Interview über sein Schreiben gesprochen.


Mehr Videos von Muso gibt es hier auf tape.tv

Muso, Ihr Chimperator-Labelkollege Cro macht neuerdings Werbung für eine Fastfood-Kette. Sehen wir Sie demnächst auch mit einem Burger in der Hand im Fernsehen?
Ach, dieser Snack schmeckt echt gut und ich kann die Kette verstehen. Die wollen an den Hauptbahnhöfen das ganze Feinbäckerei-Klientel abfangen. Und ganz ehrlich: Bei mir hat es leider geklappt.

Wie ist es um Ihre Esskultur beschieden?
Ich habe einen krassen Energiebedarf, esse eher nach Quantität denn Qualität. Allerdings zelebriere ich mein Essen schon, ganz anders als die meisten hier, die lieber eine dicke Karre unterm Arsch haben, anstatt zusammen zu kochen. Früher war ich oft unterzuckert und lag plötzlich mitten in der Stadt auf den Boden, meine Mutter hinter mir, »Daniel, friss ‚was!« rufend. Das ging direkt in meine lipophile Phase über. Damals war ich sogar in der Kur deswegen und wurde erst mit den Drogen wieder dünn. Die ganzen XXL-Shirts und Bandanas konnte ich als HipHopper dann allerdings auch weiterhin tragen. Ich habe auch mit 16 erst entdeckt, dass ich eine Frisur habe. Ich war ein Monster.

Wurde HipHop da für Sie, den Provinzjugendlichen im Schwarzwald, zu einem Zufluchtsort?
Klar. Im Sommer war ich auch nie im Schwimmbad, wegen meiner Plautze. Ich habe den ganzen Sommer einfach durch geschrieben, hatte mit dem Skaten und Basketball aufgehört. Rap und Essen wurden zu meiner Zuflucht. Und ich war ein klassisches Scheidungskind. Das heißt, einmal in der Woche ging mein Vater mit mir Gokart fahren und zum Italiener, wo er beim Koch immer »etwas Besonderes für Gianni und seinen Sohn« bestellt hat. Ich wurde maßlos. Mein Vater hat alles, was er hatte, in mich gesteckt, um sein Gewissen ruhigzustellen.

Die Texte auf Stracciatella Now sind sehr abstrakt, handeln nahezu nie von Ihnen selbst. War das damals anders?
Tatsächlich. Auf meinem ersten Album Arrestato Uno habe ich das alles verarbeitet. In Heidelberg habe ich dann ein ganz anderes Umfeld kennen gelernt und nicht nur mein Aussehen verändert, sondern auch anderweitig gearbeitet. Dieses »Fickt euch, ich zeig’s euch allen!« habe ich abgelegt. Vielleicht musste ich mich jetzt gar nicht mehr nach außen rechtfertigen und konnte auch über andere Sachen schreiben. Meine sozialen Kontakte sind mir das Wichtigste geworden und dadurch habe ich mich wohl auch beim Schreiben von mir selbst entfernt.

Heute erwähnen Sie lapidar in fast jedem Interview Ihre nächtlichen Angstzustände, in denen Sie Ihre Texte schreiben. Das wirkt oftmals allerdings auch, als ob Sie dieses Problem marketingträchtig vor sich her tragen.
Nein. Ich habe balls. Ich habe einfach keine Angst, darüber zu reden. Dabei ist meine Person auch von dieser Diskrepanz zwischen meinem Aussehen und meinem Inneren geprägt. Meine Jugend als Wrack hat mich geprägt und heute interpretieren die Leute etwas ganz Anderes in mich hinein. Manche sagen, ich wäre ein Sonnenschein. Dabei habe ich mich nur äußerlich verändert und bin innen drin der Selbe geblieben. Vielleicht lag es auch an meinen Drogenproblemen.

Beim Sehen des Videos zu »Garmisch-Partenkirchen« drängt sich heute nun der Eindruck auf, Sie hätten einen Tick. Im Verrücktheitswettbewerb des deutschen HipHop erscheinen Sie damit neben bewusst »krassen« Künstlern wie Genetikk geradezu subtil.
Der Song war auch auf der JUICE-CD, da ist nicht so viel passiert. Erst der visuelle Reiz hat die Leute richtig getriggert. Und ja, es ist definitiv nicht einfach zu hören, nicht 08/15.

Im Interview mit JUICE wünschten Sie sich, auch mal »Schema F«-Songs schreiben zu können. Tatsächlich findet sich auf ihrem Album mit »Hölle Hölle« auch nur ein halbwegs klassischer Popsong.
Das ist der Kampf mir mir selbst beim Schreiben. Ich bin mit allem unzufrieden, sitze etwa seit zwei Wochen an drei, vier Zeilen und finde sie noch immer zum Kotzen. Was die Leute nicht wissen: Für einen Text wie »Schatten« gab es zehn Entwürfe. Allerdings mangelt es mir auch gewissermaßen an Selbstvertrauen. Kanye West beispielsweise hat die dicksten und besten Produktionen. Ich würde mir aber ins Bein schießen, wenn ich auf so etwas dann seine Texte rappen würde. Das wird dem nicht gerecht. So geht es mir zumindest oft mit meinen eigenen Beats.

Da überrascht es umso mehr, wie unbedarft Alltagsphrasen à la »Stille Wasser sind tief.« in Muso-Texten auftauchen und auch mal ganz schlicht »Händchen gehalten« wird.
Ein anderer würde sich das allein wegen der Attitude bzw. der vermeintlichen Weichheit verkneifen, denn es hat kein Swag. Mir geht es aber um den Dreh. »Halt ma‘ Händchen, Alphamännchen« funktioniert eben auch nur so. Dabei hoffe ich, dass ich irgendwann mal auf diese Doppelreime und Sechser-Reime verzichten kann, dann gäbe es viel mehr Möglichkeiten. Doch schon bevor ich richtig rappen konnte, habe ich nur Doppelreime gemacht, selbst wenn man klar gehört hat, dass es Zweckreime waren. Ich war richtig penetrant und auf der Bühne immer geschrien, bis sie mir das Mikrofon abdrehten. Erst später habe ich den Minimalismus gelernt.

Liegt es am mangelnden Selbstvertrauen, dass Sie sich noch nicht von diesem Schema lösen konnten?
Ja. Ich würde gerne mal Takt für Takt aufnehmen, wie Jay-Z und andere, gar nicht mehr schreiben. Aber das ist schwierig. Ich glaube, dann wäre ich näher an den Leuten – und noch weiter weg von mir.

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