Tom Kummer: Borderliner an der Borderline

Ein Gefallener kehrt zurück & spricht über Subjektivität bis zum Exzess

Text:

Tom Kummer liest aus seiner Reportage Borderline
Tom Kummer (l.) zeigt Daniel Bernet die Borderline   FOTO: Doro Tuch

»Ich glaube, Tom Kummer hat in Hollywood Dinge geschaut, die wir nie sehen werden, nie sehen können. Er ist ein bisschen wie Rutger Hauer, der Replikant in der letzten Szene des Films Blade Runner. Der Replikant sagt sterbend zu Harrison Ford: ›Ich habe dort draußen Dinge gesehen, die ihr Menschen nicht glauben würdet. Brennende Kampfschiffe an den Ufern des Orion. Ich sah C-Strahlen glitzern in der Dunkelheit am Tannhäuser Tor. Und nun: All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, wie Tränen… im Regen.‹ Eine unglaubliche Szene. Tom Kummer hat – wie der Replikant – in die Unendlichkeit geschaut, er hat, wie Dantes Sänger, über die Schulter zurück in den Abgrund geblickt. Und das nehmen ihm die Menschen sehr, sehr übel. Ich nicht.«

Das hat Christian Kracht einmal im Tagesspiegel über Tom Kummer gesagt. Tatsächlich sieht Kummer, wie er da in der Berliner Filiale eines Schweizer Unternehmens für Taschen und Accessoires, die aus Lastkraftfahrzeugenplanen hergestellt werden, sitzt, nicht unbedingt wie ein Replikant, aber doch wie ein Filmschauspieler aus, der eben dessen Rolle auf ganz wunderbare Weise hätte verkörpern können.
    Kummer trägt nagelneue schwarze Basketballschuhe, eine abgewetzte Bluejeans und ein ausgeblichenes Shirt mit der Aufschrift »Woodstock«. Wie alle Starschreibern sieht er viel zu gut aus für einen Journalisten. Will heißen: Sehr braun. Genau richtig viele Falten. Helle, aber nicht weiße Zähne. Beinahe schon auratisch. Das ist, natürlich, alles Quatsch. Ein solcher Eindruck entsteht nur im Kopf, geformt durch die Fotos, die man überall gesehen hat, die Geschichten und Meinungen, die man zu Kummer und seinen gefälschten Interviews über die Jahre hörte. Die Bildung des Mythos Kummer, sie findet einzig und allein im Kopf statt.

Der Grund, warum die Person Kummer an diesem Donnerstagabend in dem Laden unweit vom Alexanderplatz, ganz nahe bei diesem skurril sandbestrahlten Gebäude einer deutschen Telefonfirma sitzt: die Einladung des Magazins Reportagen, für das er kürzlich mal wieder einen deutschsprachigen Text verfasst hat. Er trägt den Namen »Borderline« und Kummer beschreibt in ihm auf 18 Seiten, wie er die Grenze zwischen Mexiko und den USA abläuft. Den tödlichen Zaun. Dass Kummer unter seinem bürgerlichen Namen schreibt, geschah in den letzten Jahren selten. Denn seit seinen ausgedachten Interviews mit Sharon Stone, Brad Pitt oder Madonna sei sein Name zu einer human brand geworden, weswegen er nur noch unter Pseudonymen schreibe. In den USA. Für Blogs und Kunstkataloge.
   Es läuft Lounge-Musik. Reportagen-Chefredakteur Daniel Bernet möchte gerade das Gespräch eröffnen, da schaltet sich das Mikrofon erst ab, dann wieder an. Es gibt eine Rückkopplung, dann läuft wieder Lounge-Musik. Alle lachen. Nun geht es endlich los. Bernet erzählt von seinem Heft (Das Ziel: »Realitäten einfangen und packend erzählen«) und von Tom Kummer. Davon, dass er mal so etwas wie Hollywoods Hofberichterstatter in den deutschsprachigen Medien war. Kummer guckt währenddessen wie jemand eben guckt, wenn jemand anderes über einen erzählt.
   Er habe heute auch über Paris Hiltons Hündchen schreiben können, sagt Kummer dann. Aber das hätte ihn sicher schnell gelangweilt. Also sei er in seiner Reportage lieber an der Grenze zwischen den USA und Mexiko entlanggegangen. Das Schicksal der Menschen hat ihn dabei aber nicht so sehr interessiert. Später sagt er: »Die Provokation ist die Ignoranz gegenüber den Menschen.« Es sei ihm um den ästhetischen Blick auf dieses Konstrukt Grenze gegangen. Der Zaun, seine Form, seine Farbe, seine Architektur – das sei für ihn »so etwas wie Land Art«. Und: »Ich wollte eine Beziehung zu der Grenze herstellen.« Fürwahr: Bei der Lektüre der Reportage erweckt es immer wieder den Eindruck, Kummer behandele das Konstrukt aus Metall, Stein und Draht wie einst seine Interviewpartner, haucht den starren Gebilden dank seiner Beobachtungsgabe und Aufschreibekunst neues Leben ein.

»Tom Kummer liest nicht gerne selbst, also hat er mich verknurrt«, lacht Daniel Bernet und trägt einige Passagen aus dem Text vor. Kummer hört zu, schmunzelt an manchen Stellen wissend, stolz, zufrieden. Im Text kommt Kummer der Mauer immer wieder zu nahe. Dann taucht die mahnende border patrol auf und ermahnt ihn. Der Autor: »Ich wollte ein feindliches, subversives Objekt werden, das an der Grenze entlangspaziert.« Bernet kommt nun auf die für ihn wichtigste Szene, eine beinahe schon filmische, zu sprechen. Fast kommt es zum Verhör des Reporters: »Ich operiere möglicherweise auf einer realen, der vor Ort recherchierenden und erlebenden Eben. Und auf einer vermittelnden Ebene, wo die Wirklichkeit erst durch meine Hirnkamera real wird… also durch die Reflexion.«
   Ob Kummer den Dialog mit Officer Brian Johnson genau so erlebt habe, möchte Bernet wissen. »Diesen Gedanken finde ich unwichtig. Mir geht es mehr darum, dass ich sagen kann: ›Jetzt habe ich den Leser reingezogen.‹«, sagt Kummer und fügt an: »Brian Johnson kommt natürlich intelligenter rüber – das habe ich immer so gemacht.«  Und spätestens da wird es dann allen klar: Die gesamte Geschichte ist eine Riesenmetapher auf Kummers Schaffen, den ständigen Drahtseilakt zwischen Fiktion und Realität, Kunst und Arbeit. Eine beinahe schon zu offensichtliche Abarbeitung an einem der größten Medienskandale der deutschsprachigen Medienlandschaft.

In der anschließenden Fragerunde rekapituliert Kummer die Zeit bei Tempo, die Idee des Magazins, »die journalistische Form zu zerstören und den Mainstream-Journalismus zu unterwandern.« Er spricht vom »reingehängten Ich« und »Subjektivität bis zum Exzess«. Auf Nachfragen zu den erfundenen Interviews reagiert Kummer patzig. Dann aber stellt jemand die Frage, was er, Kummer, im Nachhinein, anders machen würde. »Wow!« Kurze, sehr lange Pause. »Ich würde in München anrufen und sagen ›Ich hatte 15 Minuten Zeit und habe euch 20 Seiten Interviewtranskript geliefert. Seid ihr bekifft? Warum druckt ihr das?‹« 

Auch an diesem Abend bekommt man ihn nicht zufassen. Nur, will man das überhaupt? Wieso sollte man? Schon im Gespräch mit Bernet hatte Kummer gesagt, er spiele nicht mit Fakten. Aber man müsse, als Journalist und als Leser, das Format »Interview« hinterfragen. Wie viel Wahrheit steckt in einem gewöhnlichen Celebrity-Q&A, wie viel in einem erdachten Text von Kummer? Was unterhält mehr? Aber über solche Ideen reden will er auch nicht weiter reden (»Es ist alles schon gesagt. Das ist Geschichte, Pressegeschichte.«). Allerdings: Tom Kummer nennt seinen ersten Text seit langer Zeit als Tom Kummer »Borderline« und erschafft darin eine Parabel auf sein eigenes Schicksal, streut immer wieder eigene Überlegungen zu seinem Handeln ein. Es ist genau diese wahnwitzige Ambivalenz, die einem aus jedem Kummer-Interview entgegenspringt.

Jemand in der ersten Reihe meldet sich und gesteht, mit dem Werk Kummers gänzlich unvertraut zu sein. Gelächter. Ein schlechter Scherz, denkt man. Vielleicht wurde der junge Herr engagiert. Kummer greift hinter sich und holt seine Tasche (nicht aus LKW-Planen, sondern aus Leder) hervor. Miklós Gimes, der Regisseur der Dokumentation Bad Boy Kummer habe ihm bei einem Treffen alte Magazine, die er für seine Dreharbeiten und Recherchen benötigte, zurückgegeben. Kummer blättert durch die Titel, macht Andeutungen, wiill den ganzen Stapel wieder in die Tasche zurückzustecken, übergibt dem Fragensteller dann aber doch ein dünnes Heft mit Charles Bronson auf dem Cover.
   Der Gast blättert durch die Seiten des Magazins, hält schließlich das Titelblatt in die Höhe. Er dreht sich, damit es jeder sehen kann. »Charles Bronson – Ein Mann sieht grün«, steht da. »Die Geschichte erschien zu einer Zeit, in der Bronson bereits im Sterben lag. Niemand hatte Chancen auf ein Interview. Lediglich eine Pflegerin sprach mit der Presse und erzählte, Bronson interessiere sich nur noch für seinen Garten.« Ein Gespräch über das Gärtnern und die Kraft der Pflanzen, das erschien Kummer zu der Zeit genau richtig. Viele lachen. Tom Kummer nimmt das Magazin wieder an sich, lacht auch kurz, schüttelt dann den Kopf, klappt es behutsam zu und schiebt es wieder zurück in seine Tasche.

Weiterführende Artikel

  • Der Spextrakt Ein Brief der Titanic an u.a. Spex – – – Das Interview-Blog von David Lynch – – – Das Manifest für den Online-Journalismus – – &n...
  • James Franco »Es wird immer Erwartungen geben, die die Gesellschaft an den Menschen stellt.«, sagt der multitalentierte James Franco und versucht mit Projekten auf zahlreichen Gebieten seine Kriti...
  • Dimiter Gotscheff Der Regisseur Dimiter Gotscheff ist tot. Ein Eigenwilliger hat das Theater verlassen.

Kommentiere den Artikel


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs