2013, so far: Die besten Alben

SPEX 2013, so far
Die erste Jahreshälfte visualisiert als SPEX-Ausgaben

Es ist Juni, SPEX N°346 ist gerade im Druck. Zeit für ein Zwischenfazit des sehr bewegten ersten Halbjahres 2013. Am Ende der letzten Heftproduktion hat sich die Redaktion zusammengesetzt, um die 30 besten Alben, die zwischen der Zeit des Jahreswechsel und dem letzten Freitag hierzulande erschienen, zu ermitteln. Yeezus war also außen vor, dennoch gab es allerhand zu diskutieren: das Auftauchen neuer Held*innen, die Rückkehr von Bowie und My Bloody Valentine, die Wandlung Daft Punks und re-politisierte Popmusik allerorten. Das Ergebnis findet sich nachfolgend kurz kommentiert. Ablehnung oder Zustimmung können natürlich ebenfalls eingereicht werden.

30. Austra Olympia
Große Themen, große Hymnen. Katie Stelmanis & Co schärfen ihr (feministisches) Profil und legen nochmals eine Schippe an discotauglicher Eingänglichkeit drauf.

29. Lilacs & Champagne Danish & Blue
Emil Amos und Alex Hall betören mit Samples aus skandinavischen Pornos und Avantgarde Filmen der 60er und bauen psychedelische Soundcollagen aus düsterem Down-Tempo-Beats, wahnwitzigem Prog-Rock und perfekt arrangiertem Chaos.

28. Haftbefehl Blockplatin
Chabos wissen … ach, in diesem Album steckt so vielmehr und es braucht unzählige Anläufe, um dieses enorm präzise vorgetragene Sprachgemisch mit all seinen Anspielungen und Referenzen vollends zu verstehen.

27. David Bowie The Next Day
Es ist nicht das große Spätwerk geworden, dazu ist es zu durchmischt, aber Songs wie »Heat« und natürlich »Where Are We Now« tragen es weit, sehr weit.

26. Queens of the Stone Age …Like Clockwork
Sicherlich nicht die Konsens-Rockplatte-der-Saison, aber irgendetwas hat sich bei der Band gelöst, dass sie auf einmal so viel befreiter und näher an sich selbst klingen lässt als auf allen Vorgängern.

25. Diverse London Is The Place For Me 5 & 6
Der fünfte und sechste Teil der Honest Jon's-Reihe verdichtet Afro-Cubism, Calypso, Highlife, Mento mit Jazz zu einem zeitlosen Geschichtenband.

24. EASTER The Softest Hard
Max Boss und Stine Omar Midtsæter als kreidebleiches Schluffiduo mit einem bildgewaltigen Katerepos über Drogen, Liebe und Perioden zu Beats, wie sie auch The Knife gut gestanden hätten – wären die nicht schon längst woanders (siehe unten).

23. My Bloody Valentine mbv
Nach 22 Jahren schält sich endlich wieder Musik aus dem weißen Rauschen und sie klingt fast so wunderbar wie dereinst.

22. Laura Marling Once I Was An Eagle
Es ist kaum zu glauben, aber über das menschliche Beziehungsleben wurde noch immer nicht genug gesungen. Marlings viertes Album steckt voll klarer Analysen, philosophischer Anwandelungen und steht dabei so fern allen Kitschs, dass jede(r) etwas von ihr lernen kann.

21. Deptford Goth Life After Defo
Ein britischer Grundschulaushilfslehrer zimmert aus all den Dingen, die gerade zu nerven beginnen (weißer R 'n' B, dramatische Filmsoundtracksounds, verhuschte Intimitäten), ein hell scheinendes Amalgam, das die faszinierende Auflösung aller Eindeutigkeiten betreibt. 

20. Chance The Rapper Acid Rap
Der 20-jährige, aus Chicago stammende Chancelor Bennett zeigt mit nasal-verschrobenen Stoner-Lyrics und jazzdurchtränkten Instrumentals was es bedeuten kann, sich von jeder Menge Acid, Kanye West und Juke Music inspirieren zu lassen.

19. Alpoko Don The Ol'Soul
Ein Stift, zwei Händen, eine Veranda. Mehr braucht der aus Kalifornien stammende Pen Tapper nicht, um uns mit verrauchtem Soul und bedeutungsschweren Texten den Porch Blues wieder näher zu bringen.

18. Jake Bugg Jake Bugg
In dieser Liste zu finden, weil das Album hierzulande erst im Januar erschien – und weil der Teenager mit der ihm eigenen boldness, seiner Nonchalance und seinem Soul ein Singer-Songwriter-Debütalbum geschrieben hat, wie man es eigentlich nicht mehr für möglich gehalten hatte.

17. The Underarchievers Indigoism
Issa Dash und AK bringen auf ihrem ersten Mixtape mit der Fusion aus niedrigen BPM-Raten und höchst philosophischen Rhymes die Spiritualität zurück in den Ostküstenrap.

16. Foxygen We Are the 21st Century Ambassadors of Peace & Magic
Jonathan Rado und Sam France haben ihre Hausaufgaben gemacht und klingen wie eine neu übersetzte Hommage an die Zeit der wohl meisten Platten ihrer Sammlung. Irgendwie unwiderstehlich, trotz allem.

15. Daft Punk Random Access Memories
Statt öder Selbsthistorisierung greifen die Franzosen und ihre Freunde zu den Instrumenten und spielen ein opulentes Disco-Werk auf, das famos die späten 1970er-Jahre imitiert.

14. Rhye Woman
Aus dem Netzrauschen tat sich ein slickes weißes Soul-Pop-Album mit erstaunlicher Hitdichte hervor, das den Zeitgeist ideal zuzuspitzen wusste.

13. Charles Bradley Victim of Love
Der Screaming Eagle of Soul bleibt sich trotz seines neuen Lebenswandels selbst treu, prangert die sozialen Verhältnisse seiner Heimat an und gibt den verliebten troubled man. Schon wieder ein gleichermaßen eindrucksvolles wie ergreifendes Soul-Album.

12. Dean Blunt The Redeemer
Der Erlöser ist ein innerlich Zerrissener, ein Klaustrophobiker, ein Voyeur, ein himmlischer Crooner, verträumter Cineast, einer, der einen hochzieht und dann wieder hinab stößt. Eine LP außerhalb jeglichen Zeit-Raum-Verhältnisses – trotz ihres vorsichtig implementierten Trennungsnarrativ.

11. Autechre Exai
Es das bereits elfte Album des britischen Duos, das für dieses Opus auf ein großes Überkonzept verzichtet und stattdessen gleich mehrere Netze strickt. Einmal vollends in dieses düstere Monster eingetaucht, wird die akustische Wahrnehmung des Hörers konsequent neu justiert.

10. Mount Kimbie Cold Spring Fault Less Youth
Der Weg führt ins musikalische Unterholz: Mount Kimbie betreiben plötzlich spröde, jedoch sehr stimmige Verästelungsakrobatik, über die Kai Campos und Gastsänger King Krule singen. Die absolut richtige Richtung.

9. Vondelpark Seabed
Das Trio entwindet sich erfolgreich der üblichen Schlafzimmerproduzenten-Ästhetik und nimmt den neuen Soundtrack suburbaner Nächte auf. Die Wasserzeichen verdichten sich, Traum trifft Ordnung, und in subtiler Schönheit erscheint die Botschaft: Miteinander statt Ego-Kultur. 

8. Atoms For Peace AMOK
Die »Soupergroup« lässt auf ihrem Debüt moosige Beats und klackende Percussions mit wattierten Bässen und sphärischen Klängen kollidieren, den gewohnt exaltierten Gesang Thom Yorkes perfekt untermalend.

7. Nick Cave & The Bad Seeds Push The Sky Away
Nick Cave entdeckt Wikipedia und The Bad Seeds ihre ruhigere Seite. Naturlyrik verwebt sich mit Zeilen über den Teufel und die Forschungen im CERN. Die halbe Welt im Sog eines fein gemaserten Albums.

6. The Knife Shaking The Habitual
Das Geschwisterduo zog alles in Zweifel. Allen voran die konservativen Elemente die Gesellschaft, aber auch die Konzepte »Album« und »Konzert«. Neuerdings in den Gender Studies bewandert erschufen sie so ein infernalisches Statement, das bisweilen zu direkt formuliert sein mag, aber auf einem bislang ungehörten, kaum in Worte zu fassenden Musikfundament basiert. Gerne auch einmal 19 Minuten am Stück. Oder nur 37 Sekunden.

DJ Koze »Amygdala«
5. DJ Koze Amygdala
In typischer Koze-Manier spielt Herr Kozalla mit Gegensätzen wie nur er sie überhaupt erschaffen kann. »Ein Meisterwerk von tierisch überragender Qualität«, sagt er selbst und hat dabei nicht Unrecht.

Vampire Weekend »Modern Vampires of the City«
4. Vampire Weekend Modern Vampires Of The City
Sie sind noch immer eine Gitarren-Pop-Band, langweilig wird es aber selbst mit der dritten Platte nicht. Ein flamboyantes Plädoyer für kulturelle Vielfalt und Toleranz, erzählt in eigentümlichen Anekdoten und zwölf hoch verschiedenen Songs, die sich selten um irgendwelche Schemata scheren.

Savages Silence Yourself
3. Savages Silence Yourself
Die Britinnen konzipierten erst Bandgefüge, Inhalte und Ästhetik komplett durch, bevor sie dieses kraftvolle Post-Punk-Manifest aufnahmen, das Verweigerung, Selbstbehauptung und -Beschränkung im multimedialen Alltagssturm predigt, um so den Blick und Kopf wieder für das Wesentliche freizubekommen. Und der Plan geht mehr als auf.

JAMES BLAKE OVERGROWN
2. James Blake Overgrown
Von der Liebe enorm beeinflusst, tritt Blake mit tiefgründigen und organischen Schlafzimmer-Gospel-Dub den Beweis an, dass er tatsächlich selbst ein hervorragender Songwriter ist.

COCOROSIE TALES OF A GRASS WIDOW
1. CocoRosie Tales of A GrassWidow
Sie selbst sprechen von der »größten Neuorientierung in der Geschichte der Band« und ihre frische Offenheit gegenüber Beats, Pop und dem Feminismus hebt CocoRosie auf eine ganz neue Ebene & an die Spitze einer re-politisierten Pop-Bewegung anno 2013. Großartig.

AUSWAHL: Torsten Groß, Lisa Cordes, Patrick Klose, Jacqueline Krause-Blouin, Arno Raffeiner, Thomas Vorreyer, Jan Wehn
TEXTE: Lisa Cordes, Thomas Vorreyer

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