Olympia von Austra: Club ohne Plüsch

Austra Olympia
AUSTRA

OLYMPIA
DOMINO / ROUGH TRADE

Man hatte schon geahnt, dass Feel It Break erst der Anfang war, dass Austra nicht beim jenseitsbesessenen Electro-Goth á la Zola Jesus hängen bleiben würden. Das Debütalbum der queeren kanadischen Band von 2011 ließ sich dank distanzierter 80er-Synthie-Sounds und überirdisch anmutendem Gesang zwar perfekt in dieselbe Schublade wie Fever Ray, Glasser und eben Zola Jesus einsortieren. Auch die exaltiert-dramatische Bühnenperformance der klassisch ausgebildeten Sängerin und Pianistin Katie Stelmanis, die ihren zweiten Vornamen (in der lettischen Mythologie die »Königin des Lichts«) zum Bandnamen erkor, ließ die Herzen derjenigen höher schlagen, die bedauerten, dass Kate Bush nie eine Dark-Wave­-Phase durchmachte. Aber man spürte auch, dass Austra noch anderes im Sinn haben: Die von ganz tief unten pulsierenden Beats, zuweilen durchblitzende Reminiszenzen an Giorgio Moroder und überhaupt Disco verrieten die Dance-Affinität der Band, die vielleicht während der gemeinsamen Tour mit Gossip realisierte, dass man raus will aus der Ecke der bleichen Nachtschattengewächse.
   Olympia ist das Album einer Transformation. Schon der Titel erzählt so viel: Olympia, Washington, Hauptstadt der amerikanischen Riot-Grrrl-Bewegung, Gründungsort von Gossip und Queer-Hochburg, benannt nach dem Berg, auf dem die griechischen Götter wohnen. Dort wollen Austra, die jetzt als Sextett firmieren, hin. Transformation bedeutet aber nicht, dass frühere Erscheinungsformen völlig verschwinden. Katie Stelmanis’ Stimme ist auf Olympia noch klarer und zentraler als früher, aber auch mindestens genauso traurig und monolithisch. Vom ersten Track an entsteht ein paradoxer, hypnotisierender Mix der Emotionen: Die Beat-getriebene Musik – ohne Loops und Programming live im Studio eingespielt – führt zu den Hotspots des Hedonismus, nach Ibiza, Chicago, Manhattan und Manchester, der reizvoll isolierte Gesang erzählt von Einsamkeit und Sehnsucht.
   Austra tanzen in einem Club ohne Plüsch, der Sound ist trotz der vielen Instrumente vom Piano bis zum Waldhorn nackt und klar. Zitate wie den Tears-For-Fears-Schnipsel aus »Shout« im Austra-Song »Sleep« erkennt man sofort, und das soll man auch: Über Olympia liegen kaum noch Nebelschwaden, die Discokugel-Reflexionen leuchten alles aus. Auf der Single »Home« schält sich ein euphorisch drängender House-Beat aus dem Klavierplinkern, die sakralen Vocals in »Fire« erklären, was die Ahnen damals meinten, als sie verkündeten, dass der Club deine Kirche sei. Mit Olympia werden Austra big, keine Frage. (Das ganze Album gibt es als Stream bereits bei NPR zu hören.)

Austra live
14.06. Berlin – Lido Bereits ausverkauft