Rodion G. A. The Lost Tapes

Rodion G A The Lost Tapes
RODION G.A.

THE LOST TAPES
STRUT / ALIVE – 24.05.2013

Der satte Klang von Strom. Es brummt, britzelt, zwitschert. Eine Orgel jault auf, die Beatbox setzt ein, alles scheppert ganz vorzüglich. Wollte man sich an der Emulation elektronischer Urtümlichkeit versuchen, genau so müsste sie sich anhören. Doch diese Lost Tapes, Aufnahmen meist ohne Gesang, von roh wuchernder Energie durchströmt, sind Fundstücke aus dem Ceauşescu-Rumänien der späten 70er- und frühen 80er-Jahre. Sie erzählen auf aufregend befremdliche Art von Utopie und Dystopie gleichermaßen. Die Halleffekte zum Beispiel, aus modifizierten Bandmaschinen gelockt, sind nie ausufernd, sie öffnen gerade genügend Raum, um sich in Sphären des Außerweltlichen zu beamen. Bemerkenswert ist, wie die Musik gerade dann, wenn die Technik kurz davor steht, regelrecht zu jubilieren, entschieden Richtung Moll, Tempowechsel und Düsternis abdreht, so das Eröffnungsstück »Alpha Centauri« oder »Diagonala«, das ursprünglich als eine Art Aerobic-Soundtrack für Turnkurse entstanden sein soll. Anderes ist geprägt von einer Harmonik, die wie durch ein Fuzz-Pedal getretene Balkanfolklore wirkt. Am eindeutigsten verweist aber ausgerechnet ein Stück mit dem Titel »Disco Mania« auf die ursprünglichen Einflüsse von Rodion G. A.: auf Prog-Rock, Space-Rock, Wah-wah-Rock und ein bisschen Schweinerock, dem zusätzlich Analog-Synth-Quietschen in den Mix geknetet wurde. Was letztlich Krautrock ziemlich nahe kommt, nur besoffen statt bekifft.
   Rodion G. A. waren in den 80ern auf rumänischen Bühnen und auch im Radio präsent, ohne je ein Album zu veröffentlichen. Die Band wurde von Rodion Ladislau Roşca, Gicu Fărcaş und Adrian Căpraru gegründet, den Großteil der Musik flickte Roşca allein an Bandmaschinen zusammen. Alte Fotos zeigen ihn im verkappten Rebellenschick, Lederjacke über brav zugeknöpftem Hemd. Vor einigen Jahren wurde Roşca bereits als Kuriosum vom rumänischen Lokalfernsehen wiederentdeckt: ein vergessener Pionier im eigenen Hinterland, auch heute noch schön schräg drauf. Mit Bomberjäckchen über dem nicht mehr ganz zugeknöpften Hemd gewährt er im Straßendorf Aşchileu Mare in Siebenbürgen Einblicke in ein vermülltes Heimbastler-Hobbyraum-Setting, eher Giftmischkammer als Musikstudio.
   Man könnte sich die Story kaum besser ausdenken, sie nicht passender bebildern. Den romantischen Touch Entwicklungslandlegende – insulares Vor-sich-hin-Werkeln mit Technik auf Steinzeitniveau, weitgehend abgeschnitten von popkulturellen Segnungen jenseits des Eisernen Vorhangs – wird man beim Hören kaum los. Ein Verklärungsbonus, den die Lost Tapes nicht nötig hätten. Sie brummen und wummern ohnehin so schön.