Dean Blunt The Redeemer

Dean Blunt The Redeemer
DEAN BLUNT
THE REDEEMER
WORLD MUSIC / HIPPOS IN TANKS – 03.05.2013

Ah, der Erlöser. Gerade jetzt, nachdem der Papst mit den schwärzesten Augenschatten der Katholizismusgeschichte eingepackt hat, packt die eine Hälfte von Hype Williams mit einem Soloalbum aus. Letztes Jahr, nach dem gefeierten Album Black Is Beautiful mit Partnerin Inga Copeland, erschien zuerst das Mixtape The Narcissist II auf Platte, nun also The Redeemer. Erst Eitelkeit, dann Erlösung. Große Positionen. Was kümmert es Dean Blunt? Wer ist überhaupt Dean Blunt? In Wirklichkeit sei das gar nicht sein Name, heißt es.
   Das erste im Internet anzuhörende Stück dieses Albums sollte »Papi« heißen, was sich gut machte zu den devot zusammengefalteten Händen auf dem Plattencover und wie ein Abschiedswinker zum scheidenden Papi aller Katholiken wirkte. »You bring out the best in me«, singt der mysteriöse Londoner da in herzzerreißendem Bill-Callahan-Bass über von Sehnsüchten weichgespültem Easy Listening. Nun nennt sich aber dieses Stück auf dem fertigen Album plötzlich »Predator«, hat sich also in ein Raubtier verwandelt, und das erinnert wiederum an die Geschichte des Kindes, das bei Äsop aus Langeweile den Wolf herbeilog und dem dann niemand glaubte, als der Wolf, blutrünstig, tatsächlich angehechelt kam und alles zermampfte. Für den englischen Guardian ist der evasive Musiker und Sänger ein solches Kind, das schon zu oft »Hilfe, Wolf!« gerufen hat: Was solle man denn noch glauben, wenn Blunt und Copeland (die anscheinend lieber gar nicht redet, aber auf The Redeemer wieder als Sängerin gastvertreten ist) behaupten, sie hätten Musik auf in Äpfeln versenkten USB-Sticks auf dem Markt in Brixton verkauft, ausgestopfte Waschbären beim Tierpräparator geklaut, sich beim Arsenal-London-Frauenteam beworben (Copeland) oder als Preisboxer im East End vermöbeln lassen (Blunt)?
   Aber halt, Dean Blunt ist lieber selbst der Wolf, der über den »Demon«, die »Walls Of Jericho« oder darüber, dass »All Dogs Go To Heaven« sinniert, in abenteuerlichen Arrangements zwischen klassischen folksy Akustikgitarren oder Klavier-Songwriting und Anrufbeantworter-Sound-Collagen. Und was schert es den Wolf überhaupt, der bereits mit Copeland auf Hype-Williams-Pressefotos im Hintergrund des berüchtigten Blair-Gallagher-Meetings 1997 aufgetaucht ist, was von einem schwarzen Sound-Intellektuellen, der auf Hyperdub oder Hippos In Tanks veröffentlicht und sich unter anderem den Namen eines berühmten Rap-Videofilmers angeeignet hat, musikalisch erwartet wird? Da kann Capitalist-Realism-Autor Mark Fisher sich – zu Recht – noch so verzweifelt die Haare darüber raufen, dass nach der sonischen Revolution, die Jungle in den 1990ern war, britische Musik auf einmal Britpop, ja, Oasis war und blieb – Dean Blunt hasst HipHop und liebt (What’s The Story) Morning Glory?, täglich.
   Doch vom tighten Rock-Pop-Format ist der nicht zu fassende Fabulator mit den 19 zwischen Skizze, Song und Interlude changierenden Kompositionen auf The Redeemer weit entfernt. Da rauscht das Meer, Möwen schreien, eine Kirchturmuhr schlägt, Geschirr wird zerdeppert, Feuerzeuge geflickt, Hupen gehupt. Und dann immer wieder cineastisch-elegische Streicher, disharmonische Gitarren, »kindische« Instrumente. Und auch immer wieder melancholische bis düstere Settings aus Romantik, dazu Blunts dunkel schwingende Stimme, die von Liebe und/oder ihrem Ende singt. Während der Narcissist II noch eine Hymne an ein unspezifisches, idealisiertes »Girl« war, ist der Redeemer nun um einiges spezifischer, plastischer, ohne mit offensichtlichen Narrationssträngen zu langweilen: Im Track »Demon« croont Blunt subtil über Spannung aufbauenden, nach vorne drängenden Beats, Streichern und klirrenden Gläsern, um dann von einer roboterhaft kühlen und dabei überaus sympathischen Frauenstimme korrigiert zu werden: »What you did was wrong.« In Stücken wie »Flaxen« oder »Y3« ist mit der irgendwie retro-romantischen, filmisch verträumten Instrumentierung und den wie aus dem Off kommenden Stimmfetzen und Chören, die an singende Sägen erinnern, der hauntologische Charakter von Erinnerung als Traum und Albtraum dauerpräsent und macht dadurch den weder stilistisch noch chronologisch fassbaren, famosen Vibe dieser Platte aus.
   Über Black Is Beautiful hieß es, es sei so wahnsinnig gut, weil es weder gut noch schlecht, sondern einfach »jetzt« sei. The Redeemer ist noch weiter. Und damit wohl auch schwerer zu konsumieren, weil es sich weder an Songkonventionen hält (ohne sie jedoch abzulehnen), noch jegliche Art von Fragen der Zeitlichkeit mehr beantworten muss. Erlösung ist einfach.

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