Ólafur Arnalds / Lubomyr Melnyk

Lubomyr Melnyk Corollaries
Ólafur Arnalds
For Now I Am Winter
Mercury Classics / Universal – 01.03.2013

Lubomyr Melnyk
Corollaries
Erased Tapes / Indigo – 12.04.2013

Angesichts prekärer Lebensumstände, digitaler Reizüberflutung und latenter Selbstoptimierungszwänge wächst anscheinend das Bedürfnis nach Fluchtmöglichkeiten und emotionaler Intensität. Dem kommt neben den weichzeichnerischen Klängen der Folk-Rezeption auch die Art Musik entgegen, die unter dem unglücklich gewählten Begriff Neo-Klassik subsumiert wird. Klassisches Instrumentarium flirtet mit elektronischen Sounds und Pop: eingängig und doch nicht anspruchslos, einfühlsam und trotzdem lebendig –  gehobenes Feierabendprogramm für gestresste Seelen.
   Ólafur Arnalds gehört zweifelsfrei zu ihren populärsten und produktivsten Vertretern. In knapp sechs Jahren brachte es der Isländer auf neun Einzelveröffentlichungen und diverse Kollaborationen. In seinem Schaffen, dessen klangliches Repertoire sich unaufhörlich erweitert hat, markiert das Album For Now I Am Winter nun eine Schwelle. Einerseits gibt es sich wie ein musikalisches Resümee seiner Arbeit, deren Grundzutaten – hauchzarte Streicher, gebrochene Beats und mal fragile, mal kraftvolle Klavierpassagen – Arnalds hier frei kombiniert. Andererseits übt er sich in klangvollem Breitwandpathos. Mit dem Gesang von Arnór Dan Arnarson auf vier der zwölf Songs tritt eine neue Komponente hinzu. Was sich im fragil-sinfonischen Pop des Titelstücks noch bestens miteinander verträgt, wirkt auf Albumlänge eher unentschlossen. Hin- und hergerissen zwischen dem Anspruch auf einen dichteren Gesamtsound und dem Bemühen, gleichzeitig eine intime Atmosphäre zu wahren, kann Arnalds weder an seine alten Stärken anschließen noch einen neuen, überzeugenden Stil entwickeln.
   For Now I Am Winter erscheint als erstes Album von Arnalds nicht bei Erased Tapes, dem Label, das in seinem fünfjährigen Bestehen maßgeblich am Hype um die sogenannte Neo-Klassik mitwirkte. Arnalds’ neue Heimat Mercury Classics wurde 2012 von Universal ins Leben gerufen, um Bildungsbürgertum und Popklientel gleichermaßen abzuholen. Die Nachfrage und das entsprechende Profitpotenzial in diesem Segment können aber auch Underdogs zugute kommen, dem Pianisten Lubomyr Melnyk zum Beispiel. Nachdem das Label Hinterzimmer vor zwei Jahren eine seiner LPs neu auflegte, erscheint nun neben einer Kollaboration mit dem Gitarristen James Blackshaw auf Important ein weiteres Album Melnyks, der zuvor jahrzehntelang im Selbstverlag veröffentlichte. »Wo wart ihr Jungs, als ich 30 war?«, lautete seine lapidare Gegenfrage auf das Angebot, für Erased Tapes eine Platte aufzunehmen.
   Seit Ende der 70er-Jahre feilt der ukrainisch-stämmige Kanadier an dem, was er als Continuous Music bezeichnet: fortlaufendes, sich windendes Klavierspiel, bei dem bis zu 19 Töne pro Sekunde angeschlagen werden – eine sportliche Angelegenheit, die Pianist und Hörerschaft einiges abverlangt. Auf Corollaries verabschiedet sich Melnyk weitestgehend von seinen atonalen Anfängen, lässt mehr Melodik und konturierte Rhythmen zu. Label-Kollege Peter Broderick ergänzt die Klangpalette um dezente Streicher und Synthesizer-Drones, übernimmt auf einem Stück auch den Gesang.
   Als Kompromiss seitens Melnyks ist das nicht zu verstehen. Die sich kaskadenhaft entladende Schönheit hat keinen Deut von ihrem fordernden Charakter und ihrer Strahlkraft eingebüßt. Nach einer langen Zeit der künstlerischen Selbstkasteiung bei mäßigem Erfolg ist Melnyk damit auf dem besten Weg, die von ihm angestrebte Continuous Music zu perfektionieren. Dass es dafür das Phänomen Neo-Klassik brauchte – geschenkt.

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25.05. Hamburg – Kampnagel
26.05. Leipzig – Theaterfabrik
29.05. Wien – Radiokulturhaus
31.05. Nürnberg – Musiksaal
01.06. Karlsruhe – Tollhaus

Lubomyr Melnyk
26.05. Berlin – Grüner Salon

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