The Knife »Full of Fire«
Die erste Lektion heißt: Redet!
Text: Fatma Aydemir
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Sometimes I get problems that are hard to solve Questions and the answers can take very long […] Of all the guys and the signori, All the guys and the signori Liberals giving me a nerve itch Now living and always moving Not a vagina, […] Ha ha ha ha ha ha When you’re full of fire, […] Asking questions that are easy to reply When you’re full of fire, Let’s talk about gender, baby, |
Das Schlagwort ist Familie. Ein zentnerschweres, offensives, unbezwingbares Ding, unter dessen Masse jedes Argument ersticken soll. »Zum Schutz von Ehe und Familie« ist die Homo-Ehe steuerlich nicht gleichgestellt und »zum Schutz von Ehe und Familie« haben homosexuelle Paare kein Adoptionsrecht. So zumindest kommuniziert es die Bundesregierung, man staune, im Jahr 2013. Es gilt, etwas vor der Infragestellung zu schützen – und zwar den Familienbegriff. Der beruht auf einem recht simplen Gebilde und soll sich eben in dieser Version weiterhin durch den Hinterhalt affektiv in Babyhirne einschleichen.
Wenn der kleine Mensch seine allererste Lektion lernt, nämlich die, zu kommunizieren, sagt er: Mama, und: Papa. Der eine hat eben einen Penis, die andere nicht. Problem gelöst? »Here's a story«: Du hast zwei Mamas, die beide keinen Penis haben, aber einander und vor allem dich lieb haben. »What's your opinion?« Was für ein Gutmenschen-Gesülze, so läuft das nicht. Das wirft viel zu viele Fragen auf und bedarf viel zu langen Antworten. Zugunsten ihres überholten Weltbilds schließt die Union Homosexuelle kategorisch von jeglicher Teilnahme an der so genannten Familie aus, stempelt sie als familienuntauglich und minderwertig ab. Zurecht fragt man sich: In welchem mittelalterlichen Bewusstsein ist die ach so fortschrittliche westliche Demokratie mit einem Fuß eingesumpft, während der andere die europäische Wirtschaft mit Arschtritten nach Strich und Faden dirigiert?
»Liberals giving me a nerve itch.« The Knifes Karin Dreijer Andersson jagt die Zeile gleich viermal hinter einander durch den Filter bevor sie sich wieder ins Fäustchen lacht. Die Verachtung, welche die schwedische Band gegen das Mainstream-Bewusstsein hegt, dürfte hinlänglich bekannt sein. Der Song »Full of Fire« untermauert das ganze noch mal in Neonfarben. Und dabei geht es nicht nur um Homosexualität. Und auch nicht nur um Transsexualität. Es geht um die Geheimnistuerei, die eine faschistische Ideologie, deren Scherben noch immer im Subtext der modernen Republiken verankert sind, einem aufzwingt, indem sie sagt: »Zum Schutz der Ehe und Familie« müsst ihr draußen bleiben.
Aber statt wütenden Brechreizen und einem Haufen Weltelend stellt der smarte Song ganz einfache Fragen. »When you're full of fire/ what's the object of your desire?« Wenn der Traum vom neuesten Macbook und der heterosexuellen Bilderbuchfamilie als Lebensziele nicht mehr funktioniert, kann der Mensch nur noch eines begehren: die radikale Befreiung von diesen vorgefertigten Idealen. In wechselnden Reimschemen und Strophenlängen, final sogar unter Umschreibung eines alten Salt 'n' Pepa-Hits, wird hier ein Dialog geführt. Nicht in Abwehrhaltung, sondern anbietend. Man will sich nur erklären. »Not a vagina/ it's an option.« Die Dinge sind eben nicht so einfach, vor allem wenn wir über Gender reden. Und reden, das ist die erste Lektion, die man im Leben lernt.
(Die »Songtextkritik« ist ein neues Format, in dem sich mit Inhalten gegenwärtig relevanter Lieder auseinandergesetzt wird. Aktuell wird in SPEX N°343 Schorsch Kameruns »Ich meine ich weine« besprochen.)

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