Meakusma-Goethe-Nacht III

Anthony Shake Shakir
Anthony Shake Shakir bei der Meakusma-Goethe-Nacht in Brüssel   FOTOS: Caroline Lessire

Gibt es einen Weg von der Andacht zur Abfahrt? Vom Ambient zur Krautelektronik und weiter zu rohem Techno? (Und eventuell auch einen Weg von der Fritte über die Praline hin zur belgischen Waffel?) Die Menschen von Meakusma und vom Goethe-Institut in Brüssel glauben fest daran – zumindest an die ersten beiden Routen. Der eilige Stadtbesucher will obendrein auch noch an die dritte glauben und auf seinem Kurztrip neben dem Genuss erlesener Musik gleich noch die üblichen kulinarischen Gemeinplätze abhaken. Kulturtouristenpflicht.

   Antworten auf die oben genannten Fragen wurden am 16. Februar in Form einer Musiknacht mit hauptsächlich deutschen Acts wie Mohn (alias Wolfgang Voigt und Jörg Burger) und Groupshow, aber auch mit Anthony Shake Shakir aus Detroit gesucht. Das Experiment, das als alljährliche Kooperation vom Label und Veranstalterkollektiv Meakusma aus Eupen und dem Goethe-Institut in Brüssel mittlerweile Tradition hat (und über das SPEX bereits im Jahr 2012 berichtete), wird im Brüsseler Quartier des Marolles durch die lokalen Gegebenheiten begünstigt. Die Kulturinstitution Les Brigittines, wo der konzertante Teil des Abends stattfindet, liegt nicht einmal hundert Meter Luftlinie entfernt vom Recyclart, wo anschließend getanzt wird: eine ehemalige Kirche mit angeschlossenem Neubau hier, ein ehemaliger Bahnhof da – ein Katzensprung von der Andacht zur Abfahrt. 

   Thomas Köner eröffnet den Abend in den ausverkauften Brigittines mit Meteoritenregen-Ambient. Der Raum zwischen den unverputzten Kirchenmauern aus dem 17. Jahrhundert und der hohen hölzernen Giebeldecke wird nach und nach von kosmischem Hintergrundrauschen ausgefüllt. Immer wieder und immer öfter wird das so entstehende, scheinbar grenzenlose Hallplateau von sonischen Einschlägen erschüttert. Auf die zu diesen Klängen angekündigten Visuals hat Köner spontan verzichtet – der Wirkung des Raums hätten sie nichts hinzufügen können, heißt es –, die Wand hinter dem einstigen Altar leuchtet bloß andeutungsweise in einem geheimnisvollen Blassblau. So schafft Köner eine sehr konzentrierte Atmosphäre von jener Art, die nicht besonders in die Musik hineinzieht, sondern eher angenehm weit von ihr wegführt. Man driftet, schweift ab, nickt vielleicht auch kurz mal ein in diesem berauschenden Dunkel.

Mohn
Mohn

Mohn arbeiten im Anschluss in jeder Hinsicht vielschichtiger, man könnte auch sagen: weniger konzentriert. Das noch junge Ambient-Projekt der zwei Kölschen Techno-Pioniere Wolfgang Voigt und Jörg Burger schiebt Videoprojektionen in mehreren Layern über- und durcheinander. Bunt, dekorativ und manchmal, etwa wenn ein blauer Schwan die nackte Kirchenwand dominiert, auch ein wenig beliebig-naiv wirken die Bilder eher wie ein Anlass zu weiterer Zerstreuung, denn als Verstärkung der ebenfalls vielschichtig durcheinander klonkenden Klänge. Aber im alten Brian-Eno'schen Sinne von Ambient ist das durchaus erwünscht und funktioniert, wie Mohn beweisen, auch in der Lautstärke einer dezent aufgedrehten Funktion-One-Anlage: Musik, die hin zur Schwelle der Aufmerksamkeit drängt, aber die Wahrnehmung der Umgebung entscheidend verändert. Mohn selbst nehmen ihren Projektnamen wörtlich und sprechen gar von Opium fürs Volk. Dieses Volk wird beim Brigittines-Auftritt immer dann am wohligsten sediert und euphorisiert, wenn die Musik doch mal ein wenig geradeaus pulst und fast ein bisschen rummst.

   So bieten Mohn also auch: Musik, die hin zur Schwelle der Party drängt. Für die muss man beim Meakusma-Goethe-Abend anschließend tatsächlich nur einmal aus der Kirchenpforte und durch die Unterführung einer Zugstrecke gehen. Das Recyclart, nicht nur Club, sondern auch alternatives Kunstzentrum, liegt direkt nebenan. In den umgebauten Räumen des ehemaligen Bahnhofs Chapelle-Kapellekerk wartet schon der Anschluss für den weiteren 4/4-getriebenen Trip. Blaue Schilder weisen den Weg (»Accès aux voies / Naar de sporen«), die Getränke werden an Ticketschaltern ausgegeben, rundum ist alles mit Graffiti verziert.

   Der Kölner Daniel Ansorge alias Barnt übernimmt als DJ das Opening – und somit das heimliche Herzstück des Abends: den Übergang vom Driften zum Drive, den er mit einer außergewöhnlichen Musikauswahl wunderbar hinbekommt. Barnt versteht es, House-Musik in eine krautige, hypnotische Erfahrung zu verwandeln, sie mit neuen Ohren hören zu lassen. Bei seinem Set steht Wolfgang Voigt, erklärtermaßen einer seiner wichtigsten Einflüsse und inzwischen auch Künstler auf dem von Barnt mitbetriebenen Label Magazine, mit Jörg Burger fast Groupie-mäßig hinter dem Pult und steckt ihm CDs mit unveröffentlichten Tracks zu, die Barnt auch sofort spielt. Das Publikum wirkt wie gebannt. Von anfänglich beinahe ungläubigem Starren über das Absperrgitter rund um die improvisierte Bühne und den Gerätepark und Kabelsalat hinweg, den die Groupshow für ihren Auftritt vorbereitet hat, gerät unter der niedrigen Betondecke im Recyclart alles zunehmend in Bewegung.

Groupshow
Groupshow mit Damo Suzuki im Hintergrund

Groupshow nehmen diesen Impuls mit Freude und Elan auf. Die Berliner Band von Jan Jelinek, Andrew Pekler und Hanno Leichtmann stürzt sich in einen langen Jam an Modularsynthesizer, Gitarre, Schlagzeug und diversen anderen Gerätschaften. Dass Groupshow damit eine zeitgemäße Fortführung von Krautrock gelingt, wird an diesem Abend besonders augenscheinlich: Stargast am Mikrofon ist Damo Suzuki, einst Sänger von Can, heute Kollaborationstausendsassa, der sich in Brüssel in glänzender Form präsentiert und nach dem Auftritt nassgeschwitzt wie glücklich im Club gesichtet wird, während MM/KM alias Mix Mup und Kassem Mosse die Regler übernehmen. Von der lokalen Frittenkultur haben sich die beiden Leipziger offensichtlich schnell inspirieren lassen. Fett und dreckig spucken ihre Drum-Machines brennend heiße Sound-Klötzchen auf die Tanzfläche. Die werden dort mit gereckten Fäusten empfangen. Einmal Krach-House, einmal Rotz-Techno, beides mit Sauce, bitte.

   Noch mehr Hände in die Luft gibt es nur beim abschließenden DJ-Set von Anthony Shake Shakir. Der Mann aus Detroit ist der einzige Gast aus Übersee an diesem ansonsten vom Goetheschen Kulturexportauftrag geprägten Abend. Shakirs Set kommuniziert wunderbar sowohl mit den vorangegangenen Acts als auch mit dem belgischen Publikum. Er fängt die Energie von MM/KM auf, kann sie sogar steigern, bringt aber mehr Soul ins Spiel und darf sich im Mix auch mal ein Radiohead-Stück, ein wenig zuckrigen Karamellüberzug und holprige Beatjuggling-Spielchen erlauben. Die Menge im Recyclart will ihn gar nicht mehr gehen lassen. Aber auf dem Weg durch die Meakusma-und-Goethe-Nacht sind wir diesmal ans Ziel gelangt, vorläufig zumindest. Nächstes Jahr geht es weiter. (Und der eilige Kulturtourist hat am Morgen danach ja auch noch ein, zwei Pflichttermine offen.)

MM/KM
MM/KM

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