Das Heartbeast-Tagebuch aus dem Senegal – Teil 2

Zeit ist relativ ...

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Janto Rößner (r.) und Musiker
Janto Rößner (r.) und Musiker   FOTOS: Robin Hinsch

Im letzten Jahr berichtete SPEX über den Musiker Bakane Seck und seine Griot-Familie aus Kaolack im Senegal, die in Teilen als Band unter dem Namen Jeri-Jeri mit Mark Ernestus zusammenarbeitet. Auch Janto Rößner, nebst Nala Tessloff und Helge Hasselberg, Mitglied der jungen Hamburger Band Heartbeast ist direkt mit einer Griot-Familie, den Koités, verwandt. Diese praktizieren eine fast 800-jährige Musikertradition Westafrikas, bei der die Historie in Form von Musik und Gesang, Tanz und Musik durch eben diese künstlerisch weitergegeben und erzählt wird. Unterstützt vom Goethe Institut und der Kulturbehörde Hamburg sind Heartbeast deshalb derzeit im Senegal, genauer in der Stadt M'bour, 80 Kilometer südlich von Dakar, unterwegs, um gemeinsam mit Rößners Familie ein Album aufzunehmen. Ein Versuch, über den die Band für SPEX derzeit jede Woche Tagebuch führt. Hier der zweite Teil. (Am 5. April spielen Heartbeast übrigens mit Graciela Maria im Haus Ungarn, Berlin.)

Wir befinden uns in Mbour, sind angekommen und ein gewisser Alltag stellt sich ein. Café Touba mit vier Löffeln Zucker, Proben, Essen, Aufnehmen, Essen. Im Moment hat sich der Wind von See gelegt und die meisten Tage sind so heiß, dass so mancher Gedankengang und Organisationsversuch sich im Schatten verkriecht, um die mildere Abendluft abzuwarten. Wir haben gehört, dass es in Deutschland geschneit hat. Unvorstellbar!

   Während wir uns mit Malik und Babacar auf das erste Konzert in Dakar vorbereiten, begibt sich Robin immer wieder auf Streifzüge durch die Stadt. Ich habe ihm einen Zettel mit den für ihn wichtigsten französischen Sätzen geschrieben: Eske je pö prondre ün foto? Eske wusawe dee boasson froad? Herr Hinsch kommt mit einem Objektiv vorm Auge auf der ganzen Welt allein zurecht. Ein Teufelskerl!

   Unser Plan für die Zeit nach dem Konzert in Dakar ist, uns auf die Aufnahmen zu konzentrieren. Wir hören Kora- und Balafon, machen Samplerecording-Wanderungen durch die Stadt (Hier gibt es beispielsweise eine Straße, in der ausschließlich Schmiede vor ihren Werkstätten sitzen und im Gleichtakt Bleche in Form hämmern. Wahnsinns-Sound!), und Chor-Aufnahmen im Kindergarten und mit den Kindern, die jeden Freitag vor dem Haus meines Onkels spielen. Alles, was uns ein- und auffällt.

   Wir arbeiten mit enthusiastischen, jungen Instrumentalisten. Keine von Weltmusik-Produktionen ausgebrannten Zyniker mit skeptischem Blick auf Europa. Keine nord- und westwärts reisenden, von interkulturellen Zusammenarbeiten gelangweilten Profis, sondern Musiker.Teilweise bauen sie ihre Instrumente selbst und ihre Lernbereitschaft entspricht größtenteils der unseren.

   Mitten in der Stadt, hinter Häuserfassaden versteckt, liegt ein Innenhof voller Werkstätten für senegalesische Schnitzkunst. Masken, Salatbesteck, Figuren, kleine Tische aus Wurzelholz. Zugegebenermaßen der ganze Scheiß, den man in Touristenorten wie Saly zu kaufen bekommt. Allerdings sieht man hier tatsächlich, welche Kunstfertigkeiten die Handwerker besitzen. Axt, Säge, Ziehklinge und Schleifpapier sind meist die einzigen Werkzeuge, die für Holzarbeiten gebraucht werden. Ob Instrumente, Betten, Schränke oder Schnitzkunst: Augenmaß und Fingerspitzengefühl besorgen alles. Simplizität und Erfahrung ohne überzogenen Perfektionismus.

Eine Djembé entsteht
 

Vor den Werkstätten, auf der Straße, findet sich der Grund, aus dem wir uns auf den Weg gemacht hatten: aus Teak-Baumstämmen wurden in geduldiger Fleißarbeit und mit genannten, einfachsten Mitteln »Djembés«, die Exportschlager Westafrikas, geschlagen und geschnitzt. Ich frage, wo das Holz herkäme, denn hier gibt es diese wertvollen Bäume nicht. Kein Teak oder Ebenholz. Alles aus der Casamance, wurde uns erklärt. Dem senegalesischen Gebiet, das sich seit langem schon unabhängig machen will. Denn dort gibt es Wälder, Wasser, blühende Vegetation, natürlichen Reichtum. 

   Es herrscht praktische und kreative Simplizität. Musik wird im Stehen und Gehen gemacht. Da sind wir mit unserer Live- und Aufnahme-Technik absolute Paradiesvögel. Bist du Musiker? Dann spiel! Singst du gut? Dann sing! Das konfrontiert einen schnell mit der eigenen Welt konzertvorbereitender Maßnahmen in Sachen Technik, Technik, Technik!

  Wir besuchen einen weiteren Kora-Spieler in seinem Haus. Er zeigt uns seine Instrumente, stimmt eines von ihnen und beginnt, zu spielen, beginnt dazu zu singen. Andere stoßen dazu, nehmen sich Trommeln, singen mit. Plötzlich kommen aus allen Hauseingängen Frauen und Kinder, und beginnen, zu tanzen! Wir sind auf einem waschechten Konzert. Eine Stimmung wie bei einem Konzert in Hamburg mit euphorischen Menschen, ohne Hamburger Graben vor der Bühne und mit 'ner Menge MDMA. Wahnsinn!

   Samstag spielen wir unser erstes Konzert in Dakar. Zusammen mit der Crème de la Crème der senegalesischen New-HipHop-Generation von Africulturban.

   Was hier los ist! 

   Bis auf weiteres…
   Heartbeast

Ein Instrumentebauer

Besuch beim Koraspieler

Straßenszene aus Mbour

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