Doldrums Lesser Evil

Elfenprivatschüler schiebt Stahltische in das Hypnagogic-Klassenzimmer, um die Milchscheiben zu zerkratzen

Text:

Doldrums »Lesser Evil«
DOLDRUMS

LESSER EVIL
SOUTERRAIN TRANSMISSIONS / ROUGH TRADE

Airick Woodhead alias Doldrums singt wie so viele der smarten Hipsterfraktion: in etwa so, wie man sich einen elisabethanischen Jungen vorstellt, der eine Frau spielt, weil die Bühnenkonvention zu Shakespeares Zeit keine »echten« Frauen erlaubte. Hinzu kommt bei dem in Toronto geborenen, nun in Montreal lebenden Musiker zuweilen dieses leichte Quengeln, das man von Animal Collective kennt. Man denkt auch an eine imaginäre ältere Schwester von Grimes, mit der Doldrums auf Tour war – oder an deren jüngeren Bruder. Woodhead singt zwischen den Geschlechtern und zwischen den Zeiten.

   Aber was heißt hier »singt«? Doldrums’ Debütalbum lässt nichts ohne hörbare digitale Kratzspuren stehen. Woodhead mag Effekte und Übersteuerungen, manchmal auch, um die Elfenhaftigkeit seiner doch auch hübschen Popmusik wieder näher ans Noise-Paradigma zu rücken, das ihn laut Beipackzettel geprägt haben soll. Mit Doldrums stehen plötzlich ein paar Tische aus Stahl im Klassenzimmer der hypnagogischen Schule, die Milchglasscheiben kriegen ein paar Kratzer. Solche Halleffekte und Echos kommen ja nicht nur von Watte und Moos, da muss auch etwas Hartkantiges im Spiel sein.

   Wie so mancher Erstling will auch Lesser Evil schrecklich viel. Club-Feel mit Krach paaren, darin Harmonien verstecken, die den Namen verdienen, und dazu möglichst clever singen. Alles möglichst alleine, immer und überall. Ich stelle mir Unmengen an Ritalin vor, die Woodhead versteckt in seinem Laptop um die Welt schleppt. Oder eine schwierige Kindheit in einer sackteuren Privatschule, so teuer, dass man Pop schon als Leistungskurs belegen konnte, als das in Deutschland noch als Freizeitschrulle einzelner Feuilletonredakteure galt. Kurz, der junge Mann will beweisen, aus welch edlem Holz er geschnitzt ist. Aber er zeigt das eben immer auch so eindringlich, dass es mehr als nur ein anerkennendes Nicken besagter Redakteure setzt.

   »Anomaly« ist jener blecherne Elektropopsong, den Portishead sich vielleicht wünschen würden. »Sunrise« erscheint als zweiminütige Skizze, in der mehr ungewohnte Harmoniewechsel und Ideen stecken als in vielem, das viel Pet Shop Boys und Scritti Politti gehört hat. Es wirkt natürlich sehr souverän, wenn man so einen Kreativsack nach zwei Minuten einfach zumacht, weil man denkt, dass sich Song und Sentiment nun zu Ende erzählt haben. Und auf den auch mal erwartbaren Wegen, die die Vintage-Elektronika nehmen, hört man etwas über die erwartbaren Melodien hinaus. Davon versteht Woodhead bereits mehr als Panda Bear, nach dem er manchmal klingt. Fast hat man das Gefühl, Doldrums müsse sich vom globalisierten Hipster-Klangkleid noch etwas emanzipieren. Von den chorhaften Schichtungen, vom Hallexzess, vom Noise-Schick, zumindest dort, wo er dekorativ wirkt.

   Doch das harte Gedengel des zarten Knaben macht viel Spaß, wenn er damit nicht Gefühle beschwört, sondern Intensitätswechsel herstellt, und zwar rein rhythmisch. Aus dem Doldrums-Umfeld – neben Grimes zählen auch Purity Ring dazu – will mir niemand sonst einfallen, der rhythmisch so komplex arbeitet wie Woodhead, etwa im Titeltrack »Lesser Evil«. Während die Stimme eher in der Mitte des Klangbildes schliert, hört man vorne und hinten elektronisch verfremdete Bässe, aber auch akustische Snares, warme Toms und viel Holz der Drumsticks, die den Track weniger durchlöchern als ihn in einer hohen Intensität halten.

   Am schönsten klingt diese Elfe aber, wenn sie doch noch aus vollem Halse singt wie im letzten Stück »Painted Black«: Ein Bassecho aus Dubstep-Gefilden trifft auf eine Gesangslinie wie vom frühen John Cage, gesungen von Robert Wyatt, nur viel kräftiger. Spätestens hier merkt man: Woodhead ist ein zu gewiefter Komponist und vor allem Arrangeur, um sich den Klang von stilistischen Moden diktieren zu lassen. Schon nach einem Durchgang des Albums schwitzt der Kopf. Der letzte Track ist ein Ausblick, wohin die Reise auch mit weniger Trendgepäck gehen könnte. Ist es Zufall, dass das Tempo jetzt dem Choral nahekommt, dass die Ballade winkt? Kann es sein, dass Mr. Woodhead mal im Kirchenchor sang? Und sollte das stimmen mit dem Knäblein im edlen Internat, könnten wir dann mit dem einfältigen Klassen-Diss wie letztens bei James Blake aufhören, als es plötzlich wieder ein Problem zu sein schien, dass ein Junge aus der Mittelschicht kam?

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