Das Heartbeast-Tagebuch aus dem Senegal – Teil 1

Ankunft des Familienbesuchs aus Deutschland

Text:

Ankunft im Senegal
Erste Impression nach Ankunft im Senegal   FOTOS: Robin Hinsch

Im letzten Jahr berichtete SPEX über den Musiker Bakane Seck und seine Griot-Familie aus Kaolack im Senegal, die in Teilen als Band unter dem Namen Jeri-Jeri mit Mark Ernestus zusammenarbeitet. Auch Janto Rößner, nebst Nala Tessloff und Helge Hasselberg, Mitglied der jungen Hamburger Band Heartbeast ist direkt mit einer Griot-Familie, den Koités, verwandt. Diese praktizieren eine fast 800-jährige Musikertradition Westafrikas, bei der die Historie in Form von Musik und Gesang, Tanz und Musik durch eben diese künstlerisch weitergegeben und erzählt wird. Unterstützt vom Goethe Institut und der Kulturbehörde Hamburg sind Heartbeast deshalb derzeit im Senegal, genauer in der Stadt Mbour, 80 Kilometer südlich von Dakar, unterwegs, um gemeinsam mit Rößners Familie ein Album aufzunehmen. Ein Versuch, über den die Band für SPEX von nun an jede Woche Tagebuch führt.

Wir sind angekommen.

   Um kurz nach 21 Uhr steigen wir bei 24 Grad aus dem Flugzeug. Die Sicht ist schlecht und trotz klarem Himmel sieht man die Sterne nicht. Dakar ist in den Staub und Sand der Sahara gehüllt. Es riecht nach brennenden Autoreifen und Plastik. Ein erster Eindruck senegalesischer Müllentsorgung. Die Polizei nimmt Fingerabdrücke und einen Zettel zum Aufenthalt, den wir im Flugzeug ausfüllen mussten. Helge wird nicht durchgelassen, da wir die Adresse unseres Aufenthaltes noch nicht wussten und ich noch keine Telefonnummern hatte. In der Eile des Aufbruchs in Deutschland hatte ich vergessen, danach zu fragen. Der Polizist ist genervt, hat keine Lust sich mit uns auseinanderzusetzen und winkt uns nach kurzer Diskussion durch.

   Wer soll uns bloß wie finden, in diesem Chaos von Taxifahrern, Touristenführern und zwielichtigen Hilfsbereiten?

   Jemand ruft meinen Namen. Wir gehen erleichtert auf einen älteren und einen jungen Senegalesen zu. Sechs Koffer voll mit teurem Aufnahme-Equipment durch Schlaglöcher vor uns her schiebend. Begrüßung und Vorstellung. Nala, Helge, Robin, Janto. Ousmane. Alassan. Alassan ist mein 19- jähriger Halbbruder. Ich kannte ihn nicht. Wir beladen das Auto und verlassen Dakar Richtung Süden. Es ist dunkel und man kann kaum etwas sehen. Nur den Staub vor den Autoscheinwerfern und die vor einem fahrenden, qualmenden und knatternden Karren.

   Nach ca. zwei Stunden kommen wir in Mbour an. Die Straßen sind ungeteert und sandig. Wir halten vor dem Haus meines Onkels und werden vom Hauswart Aliou empfangen. Er hilft uns mit den Koffern und zeigt uns unsere Zimmer. Wir sind müde und müssen schlafen.

Ziegen am Morgen
Ziegen am Morgen

Am nächsten Tag werden wir von Ziegengemecker, Kindergeschrei und den nicht minder lauten Imamen der zahlreichen Moscheen geweckt. Ein erster Blick auf die Stadt bei Tag. Ziegen und Hühner laufen auf der Straße herum und suchen Fressbares und die Stadt scheint vorwiegend von Kindern bewohnt zu sein. Überall Kinder. Sie spielen Fussball, üben mit in den Sand gezogenen Linien Weitsprung oder sitzen entspannt in Gruppen vor den Häusern.

   Unsere ersten Tage bestehen aus einer Odyssee durch die Stadt, um eine Familie kennenzulernen, die eigentlich schon eine eigene Stadt bewohnen könnte. Es macht den Eindruck, als gäbe es in Mbour nur diese eine Familie. Wir schütteln viele Hände, trinken eine Menge Café. Touba und Ataya und haben nach kurzer Zeit schon den Überblick verloren, wer wer ist. Alle sind Brüder und Schwestern.

  Erstmal akklimatisieren. Ankommen und sowohl Kopf als auch Zimmer einrichten.

  Nach vier Tagen fangen wir langsam an, uns mit den Möglichkeiten für unsere Aufnahmen und die Proben für die Konzerte zu beschäftigen. Robin hat jedenfalls sofort ein Foto- und Filmparadies gefunden. Jeden Tag klickt seine Kamera gefühlte tausendmal. Er hat nach kurzer Zeit einen Spitznamen: Shooter!

   Zuvor, am 3. Tag, fahren wir abends nach Saly, um einen Schlagzeuger zu sehen, den Aliou uns vorstellen will. Wir landen in einer Touristenanlage. Die Band spielt Bob Marley, Bluesstandards und Phil Collins. Zum Kotzen. Die Getränke sind teuer und ein paar alte, unförmige Sextouristen aus Europa tanzen widerlich vor sich hin. Keiner klatscht. Alassan sitzt mit den Händen in der Tasche und der Kapuze über den Kopf gezogen da. Er kennt das schon.

   Plötzlich werden wir auf die Bühne gebeten!

   Aufspringen! Weglaufen! Was sollen wir tun? Der Gitarrist ist Linkshänder. Helge ist also raus. Glück gehabt. Nala kann in diesem Rahmen und für alte Männer mit Toupet, die den jungen senegalesischen Bedienungen an den Arsch gehen, nicht singen. Da sind wir uns einig. Also bin ich der Trottel und setze mich für zwei Bob-Marley-Songs ans Schlagzeug. Danach gibt es eine Grundsatzdiskussion. Alles cool. Alles richtig gemacht. Und Robin hat alles auf Kamera. Bin gespannt, wie bescheuert das im Rückblick aussieht.

Heartbeast alias Janto Rößner, Nala Tessloff und Helge Hasselberg (v.r.) bei der ersten Probe
Heartbeast alias Janto Rößner, Nala Tessloff und Helge Hasselberg (v.r.) bei der ersten Probe

Am 5. Tag lädt uns mein Cousin Babacar zu den Proben seiner Trommler ein. Wir leihen uns das Schlagzeug vom besagten Abend aus, nehmen Gitarre und Aufnahme-Equipment mit und fahren zum am Meer gelegenen Haus meines Onkels. Dort sitzen wir den ganzen Abend und spielen zusammen. Wir sind erleichtert. Ein erster Zugang zur traditionellen Musik und die Gewissheit, dass wir mit den Musikern der Familie in der kommenden Zeit zusammenarbeiten können.

   Am Abend spielen sie ein Konzert und wir sehen sie das erste Mal in Aktion. Großartig, auch wenn es sich beim Veranstaltungsort wieder um eine der Touristen-Anlagen von Saly handelt. Ein Kontrast, denn Mbour ist eine sehr traditionelle Stadt, während Saly, direkt nebenan, ein Touristenzentrum ist.

  Am 6. Tag fahren wir nach Dakar, um uns mit dem Direktor des Goethe-Instituts vor Ort zu treffen, und die Plakate bei der Association Africulturban abzugeben, die unsere Konzerte organisiert, sowie die Promo zu besprechen. Hier wird so etwas eine Woche vor den Konzerten beworben.

   Deutsche Korrektheit und afrikanische Gelassenheit. Manchmal könnte man ausrasten. Nachmittags treffen wir uns mit dem Koraspieler Omar Konté, meinem Cousin, um mit ihm über eine Zusammenarbeit zu sprechen. Er begleitet uns eine Weile durch die Stadt. Er gibt mir seine Nummer und wir verabreden uns für irgendein Wochenende während unseres Aufenthalts.

  Am Abend und nach einem langen, anstrengenden Tag, landen wir bei einem Mbalax-Sänger namens Ousmane Seck, um mit ihm über eine passende Anlage für eines unserer Konzerte zu verhandeln. Es ist hart. Geht es hier um Geld, werden die Leute mehr als nur unangenehm. Wo kaum Geld ist, wird um jeden CFA gekämpft! Hier hört nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Blutsverwandtschaft auf. Der Senegal ist arm. Wir sind allerdings auch nicht die drei goldscheißenden Esel und müssen unseren Standpunkt in der Verhandlung hart verteidigen. Die Verhandlung dauert gefühlte drei Stunden. Am Ende haben wir einen guten Preis erzielt, sind aber so gereizt, das wir uns die Rückfahrt über streiten. Trotzdem ist alles bestens gelaufen, das wissen wir. Um 10 Uhr waren wir losgefahren. Um 1:30 Uhr kamen wir vollkommen fertig zuhause an. Augen zu.

Omar Konté während der Verhandlung
Während der Verhandlung mit Ousmane Seck

Am letzten Tag dieser ersten Woche haben wir mit den Proben begonnen. Wir haben uns auf der Dachterrasse des Hauses aufgebaut und im Beisein einer Menge faszinierter Kinder unsere ersten zittrigen Versuche mit unserer Reise-Konzert-Technik unternommen. Es gibt noch viel zu tun, aber mit dem Maß an Gelassenheit, ohne das man hier nicht zurechtkommen würde.

   Heartbeast grüßt – wir halten euch auf dem Laufenden …
   Janto

Die Proben mit Babacars Trommlern
Die Proben mit Babacars Trommlern

Ein Trommler
Ein Trommler

Techniker Ousmane Seck
Techniker Ousmane Seck

Familienbesuch bei Tante Ngone
Familienbesuch bei Tante Ngone

Korabaumeister Lamine Konté
Korabaumeister Lamine Konté

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