Filmstarts — 17. Januar

Text von Arno Raffeiner
am 18. Januar 2013

django-unchained
(c) Sony

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Leicht verspätet hier nun die relevanten Filmstarts der Woche — mit Tarantinos grenzenlosen Emanzipations-Western, dem ersten Langfilm von Regisseurin Hanna Doose, der zugleich der letzte mit Susanne Lothar ist, und  Rainer Kirbergs Schwarz-Weiß-Porträt über Liebe & Kunst als Waffen im revolutionären Kampf.

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  • Django Unchained
    USA 2012, Regie: Quentin Tarantino. Mit: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio u.w.
    Quentin Tarantino ist mit Django Unchained mal wieder ein riesiger, großer Film gelungen. Man ist sogar geneigt zu behaupten, er sei noch größer als alles zuvor da gewesene. Spätestens seit Inglourious Basterds stand fest, dass Tarantino von nun an wirklich alles ganz genau so machen darf, wie es ihm beliebt – und eben deswegen sind Tarantinos Filme so sensationell, weil er auf niemanden Rücksicht nehmen muss, weil er sich, im Namen der Bombast-Kino-Kunst, über jedwege gute Geschmackskonvention hinwegsetzen darf. Seine geistreich-absurden Charaktere und Dialoge sind mittlerweile sogar in Hollywood angekommen. Django Unchained führt tief herab in die dunkelsten Orte der von der Psyche Amerikas verdrängten Geschichte. Der Film spielt im amerikanischen Süden, zu Zeiten der Sklaverei, und bricht mit der weißen Tradition des Westerns. Erzählt wird die Emanzipation des Django (besonders im letzten Viertel des Films eindrucksvoll gespielt von Jamie Foxx), der – in einer Art Verballhornung der germanischen Niebelungensage – auf der Suche nach seiner Frau Broomhilde (Kerry Washington) ist. Die Dramaturgie des Films ist dabei aber so feinfühlig, perfekt möchte man sagen, dass der wirklich unfassbar lustige Klamauk des Films (Christoph Waltz spielt in einer ihm auf den Leib geschriebenen Rolle einen deutschen Zahnarzt, der als Kopfgeldjäger unterwegs ist) der Ernsthaftigkeit nicht im Weg steht, sondern sie auf magische Weise noch verstärkt. Django Unchained ist, Verzeihung für das Pathos, ein kathartisches Kinospektakel für die ganze Breite der Seele. ML
  • Staub auf unseren Herzen
    Deutschland 2012, Regie: Hanna Doose. Mit: Stephanie Stremler, Susanne Lothar, Michael Kind u.a.
    Berliner Familienkiste in emotionaler Schieflage: Eine alleinerziehende junge Frau sucht nach Job, Liebe, Unabhängigkeit, also irgendwie überhaupt nach ihrem Platz im Leben, begleitet von einer wackligen Handkamera, schroffen, improvisierten Dialogen und jeder Menge Kreuzberger Lokalkolorit. Die Idee hinter dem ersten Langfilm von Regisseurin Hanna Doose schmeckt nach einem schalen Aufguss der Berliner Schule. Trotzdem wird Staub auf unseren Herzen zu einem kleinen Kinowunder – kurioserweise vor allem durch die hypnotisierende Schlaftablettenausstrahlung von Hauptdarstellerin Stephanie Stremler. Sie müht sich so verstockt wie vergeblich um die Abnabelung von ihrer Mutter, gespielt von Susanne Lothar in der letzten Rolle vor ihrem Tod im Juli 2012. Lothar mimt die Kontroll-Freak-Glucke mit den blutrot bemalten, aufgeworfenen Lippen eines trotzigen Kindes, das um seine stärkere Position genau Bescheid weiß. Perfide ist das. Erschreckend. Wunderbar. AR
  • Das schlafende Mädchen
    Deutschland 2012, Regie: Rainer Kirberg. Mit: Jakob Diehl, Natalie Krane, Christoph Bach, Erwin Leder u.a.
    Kunststudent verknallt sich in Naturmädchen – Mädchen verknallt sich in Kunstszene – Szene macht Unschuld kaputt – schon ist das Unglück perfekt. Der Plot von Das schlafende Mädchen, dem erst vierten Spielfilm von Rainer Kirberg in über 30 Jahren, simuliert eine naive und fatale Liebesgeschichte; die Kulisse gibt ein detailversessenes Schwarz-Weiß-Porträt der 70er-Jahre in Düsseldorf ab; in Wahrheit aber geht es um die vollkommene Verschränkung von Leben und Kunst. So etwas wie »Wahrheit« findet sich, zumindest für den Beuys-Schüler Hans, nur im Rahmen von präzise vermessenen Videoeinstellungen – auch wenn die Dynamik vor der Kamera zunehmend außer Kontrolle gerät und irgendwann alle Auswege aus dem Liebesdilemma versperrt scheinen. Die genaue Aufmerksamkeit, die Regisseur Kirberg in seine Filme steckt, fordert er durchaus auch von seinem Publikum. Als Belohnung gibt es dafür unter anderem: Jakob Diehl, den Bruder von August, in einer beeindruckenden Hauptrolle, Joseph Beuys mit einem Gastauftritt und natürlich Kunst als Waffe im revolutionären Kampf. AR
    (Achtung! SPEX präsentiert Das schlafende Mädchen sowie Rainer Kirbergs Debütfilm Die letzte Rache beim am Montag beginnenden 34. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken.)

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