Matmos

Syntonie der Seelen

Text:

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Foto — Eva Tuerbl

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Martin C. Schmidt hasst es, und es passiert fast jeden Tag. Wenn er in der Mittagspause im Restaurant sitzt zum Beispiel: Er hat seine Wahl getroffen und den Namen des Gerichts eben mit einer gewissen genießerischen Vorfreude um seine ohnehin verschmitzten Mundwinkel dem Kellner in den Block diktiert – da wiederholt sein Musik- und Lebenspartner Drew Daniel Sekundenbruchteile später genau dieselben Worte. »Ohne uns abzusprechen, bestellen wir alarmierend häufig dasselbe Essen, und aus irgendwelchen Gründen ist das frustrierend. Ich will nicht, dass er das Gleiche isst wie ich!«, erklärt Schmidt mit etwas theatralischem Tonfall. Sein Hass ist koketter Hass, steht so eine Doppelbestellung doch für die Gleichklangschwingung zweier Geister, die etwas herrlich klischeehaft Romantisches hat und diesen Menschen ihre Füreinanderbestimmtheit bestätigt. Zwei Seelen, Hand in Hand auf einer Wellenlänge surfend, mit demselben Gusto auf ein Käsesandwich – hach!

   Das Duo Matmos stellt man sich in der Tat am besten als emotionale und kreative Symbiose vor. M. C. Schmidt und Drew Daniel lernten sich im San Francisco der frühen 90er-Jahre kennen, der gerne vorgetragenen Legende nach in einem Club, in dem Daniel zu Acid House und Front 242 Gogo tanzte. Schmidt war äußerst angetan, nicht nur von der Erscheinung, sondern auch von Daniels weiteren musikalischen Vorlieben (»Ich hatte nie zuvor einen Gogo- Tänzer getroffen, der auf Pierre Henry stand«), und setzte seine Computer- und seine Nerd-Kenntnisse in Musiksoftware als Abschleppstrategie ein – was zu seiner eigenen Überraschung funktionierte.

   In der Folge wurden Matmos zu den US-Vorreitern der Kontext-beladenen Sampling-Kunst. Sie benutzen alle erdenklichen Objekte als Klangquellen und sehen sich in der Aufnahme- und Montagetradition der Musique concrète. Matthew Herbert, auf dessen Label Soundslike Drew Daniel unter dem Namen The Soft Pink Truth quirlig-schlaue Dance-Tracks veröffentlichte, ist mit seinen programmatischen Sampling-Werken (zuletzt zum Leben und Sterben eines Schweins: One Pig, 2011) ein Verwandter im Geiste, fällt allerdings im direkten Vergleich mit Matmos auf der Humorkurve extrem ab. Matmos sind sich für keinen Gag zu schade. Drew Daniel ist ebenfalls nicht um Essensmetaphern verlegen, wenn es darum geht, die Dynamik des Duos zu beschreiben. »Ich sehe das so: Martin ist der Mund, ich bin der Magen. Wir nehmen irgendwelche Objekte, egal ob das ein Musikinstrument ist oder ein Rattenkäfig, und generieren damit Klänge. Ich verhackstücke die Sounds dann, und Martin setzt die Ergebnisse zum Schluss wieder neu zusammen. Vielleicht ist er der Anfang und das Ende, und ich bin die Mitte.«

   Nach diesem längst bewährten Verfahren liefern Matmos ein digitales Musique-concrète-Update, das munter in diverse Richtungen strampelt: mit queeren, historischen, musikästhetischen Inhalten aufgeladen, dabei meist poppig bis tanzbar, generell überaus unterhaltsam. Ende der 90er-Jahre klopfte Björk erstmals an, um mit Matmos zu arbeiten, die erst für sie remixten, dann das Album Vespertine koproduzierten und 2001 mit ihr auf Tour gingen. Björk dürfte nicht zuletzt auch von Matmos’ Live-Qualitäten überzeugt gewesen sein, die im Kontext der elektronischen Musik ihresgleichen suchen.

   Auf der Bühne kann das etwa so aussehen wie 2011 bei einem Auftritt im Berliner Theater HAU 1. Drew Daniel setzt sich für die Live-Vertonung des US- Bundesstaates Montana eine Bärenfratze auf den Kopf und rasselt Töne aus einer Art Waschbrettaufsatz auf dem Rücken seines Lederjacketts, während M. C. Schmidt seine Synthesizer bearbeitet und aus allerlei Vogelpfeifen zwitschert. Dass das »Oha-da-piepst-was!«-Moment solcher und hunderttausend weiterer kurioser Ideen relativ rasch verpufft, sobald sie einmal auf Platte gebannt und nachträglich aufgeschlüsselt sind, nimmt man für den ursprünglich davon ausgehenden Impuls gerne in Kauf. Die Musik packt einen plötzlich ganz anders an, wenn man zum Beispiel erfährt, dass der Beat, der gerade so funky durchs eigene Gedärm wobbelt, aus dem Fettabsaugungsgeschlabber einer Schönheits-OP gesampelt ist. So geschehen 2001 auf A Chance To Cut Is A Chance To Cure, Matmos’ Werk zum Themenkomplex plastische Chirurgie, das sein Klangmaterial aus entsprechenden Kliniken bezog. Es folgten unter anderem Alben zum Amerikanischen Bürgerkrieg (The Civil War, 2003), Sampling-Porträts historischer Persönlichkeiten (The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast, 2006, mit Biopic-Tracks über Ludwig Wittgenstein, Larry Levan, Valerie Solanas und König Ludwig II.) oder im Jahr 2008, als Wendung gegen die übliche eigene Routine der Mikrofonierung und Montage, das Album Supreme Balloon, das ganz aus der Innenwelt der Synthesizer geschaffen wurde.

   Alles bei Matmos ist Konzept. Das bannt zum einen ganz pragmatisch den Horror vacui angesichts der endlosen Möglichkeiten der Computermusik, zum anderen empfinden Schmidt und Daniel inhaltliche Beschränkung als Bereicherung. »Das Schöne ist: Wenn du das Konzept einmal festgelegt hast, kannst du in der Umsetzung ziemlich ungezwungen agieren«, sagt Daniel. »Was sehr einengend aussieht, ist im Grunde befreiend.«

   Vor fünf Jahren zogen Matmos von der Sylvester-Stadt San Francisco in die John-Waters-Stadt Baltimore. Drew Daniel forciert nebenbei nämlich eine akademische Karriere, promovierte zum Thema Melancholie in der modernen englischen Literatur und erhielt eine Stelle an der Johns Hopkins University in Baltimore. Seither ist er neben dem Rattenkäfig- und Waschbären-Sampeln regelmäßig damit beschäftigt, Studierenden die Schönheit und Bedeutung von Shakespeare-Sonetten zu vermitteln. In seiner täglichen Routine als Assistant Professor am English Department der Universität entstand vor rund vier Jahren die Idee für den aktuellen Werkzyklus von Matmos. Die bei Thrill Jockey erscheinende The Ganzfeld EP und das Anfang 2013 folgende Album The Marriage Of True Minds basieren auf Gedankenübertragung. »Der Drang, herauszufinden, wie ich etwas aus meinem Kopf in die Gedanken anderer Personen bekommen könnte, entstand durch meine Lehrtätigkeit«, erzählt Daniel. »Ich habe bemerkt, dass ich immer mit dieser Frage in den Hörsaal kam: ›Na! Was denkt ihr über das Gedicht?‹ – und die Erwartung hatte, dass meine Studenten genau das sagen, was ich mir vorstellte.«

   Vier Jahre lang betrieben Matmos also Telepathiesitzungen, angelehnt an die sogenannten Ganzfeld-Experimente aus der Gestalttheorie. Die Versuchspersonen wurden durch weißes Rauschen über Kopfhörer und Telepathiescheuklappen auf den Augen – im Endeffekt eine Art sonisches Solarium – von ihrer Umwelt isoliert. Das Setting sollte den eigenen Hirnmüll der Probanden vorübergehend entsorgen und ihnen die kontinuierliche externe Gedankenverschmutzung vom Leib, also vom Geist halten. (Auch wenn Matmos eventuelle Verunreinigungen des Materials bestimmt genüsslich ausgeschlachtet hätten.) Einzig gestattete Datenübertragung in dieser Versuchsanordnung war das Konzept des neuen Matmos-Albums, das Drew Daniel mit seiner mentalen Kraft aussandte. Damit beißt sich die Matmos’sche Konzeptkatze in den eigenen Schwanz. Die Beweggründe für diese gedankliche Feedbackschleife erklärt Daniel wie folgt: »Telepathie ist nichts, woran ich bisher besonders interessiert war. Aber sobald mir klar wurde, dass wir eine Tradition der Konzeptalbenproduktion haben, beschloss ich, ein Konzeptalbum über das Problem des Konzepts an sich machen. Ich wollte die absolut konzeptionellste Platte machen, die ich mir vorstellen konnte.«

   Die Telepathie wird in Matmos’ Ganzfeld-Experimenten (und in der daraus entstandenen Musik natürlich) zwischen den Polen wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit und esoterisch-religiöser Verbrämung zum Schwingen gebracht. Signifikant ist, wenn man daran glaubt. Mehr denn je erscheinen Matmos damit als die verschmitzten Konzeptscharlatane, die sie natürlich immer schon waren. Der Theorieernst wird gebrochen, die Versklavung unter dem Joch der eigenen Idee abgeschüttelt; die machen einfach, was sie wollen. Auf dem Albumstück »In Search Of A Lost Faculty« beispielsweise montieren Matmos ihre Forschungsergebnisse in einer sechsminütigen Collage aneinander: Aufnahmen verschiedener Versuchspersonen, die Daniels telepathische Übertragung verbal wiedergeben. Man höre und staune: Dreiecke, immer wieder Dreiecke und noch mehr Dreiecke, während eine Triangel dazwischen dramatische Klangakzente setzt. Das ist große Mumpitzkunst.

   Aber Matmos können nach jahrelangen Experimenten im konzeptionellen Dreieck Wissenschaft – Telepathie – Scharlatan letztlich sogar auf handfeste Resultate verweisen. So wirft The Marriage Of True Minds in seiner Conclusio konkrete How-to-anleitungen für zwischenmenschliche Belange ab. 

   Nebenbei bemerkt: Die Hochzeit im Albumtitel ist höchstens ein indirekter Verweis auf die Diskussion um die Homoehe in den USA. In Maryland sind gleichgeschlechtliche Eheschließungen ab Januar 2013 möglich, Drew Daniel und M. C. Schmidt haben aber »keinerlei Interesse, die Regierung in unsere Angelegenheiten miteinzubeziehen, in welcher Hinsicht auch immer«, und halten es generell lieber mit der feministischen Skepsis gegenüber der Institution Ehe. Gegen sich näherkommende Seelen und Körper haben sie jedoch nicht das Geringste. Und so endet The Marriage Of True Minds mit dem Song »ESP« (ein bereits von Miles Davis und den Bee Gees als Albumtitel verwendetes Kürzel für außersinnliche Wahrnehmung) in einem fidelen Singalong zu Country-Gitarre: »Do you believe in ESP? Well I do, and I’m trying to get through to you. So if you’re picking up on me, then you know just what to do – so, think!«

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SPEX präsentiert Matmos

28.01. Berlin — CTM.13
13.03. Fribourg (Schweiz) — Fri-Son
17.03. München — Frameworks Festival
24.03. Köln — Stadtgarten
25.03. Hamburg — Kampnagel

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